Anne Frank im NEST lehrt uns positives Denken

Grigori Frid, Das Tagebuch der Anne Frank, A Graphic Opera  NEST Neue Staatsoper im Künstlerhaus, 18. Oktober 2026

Anne Frank Olivia Warburton © Marcel Urlaub

Schon unter der Direktion von Claus Helmut Drese (1986 – 1991) gab es Opernaufführungen im Künstlerhaus. Wir erinnern uns an zeitgenössische Kammeropern mit kleiner Orchesterbesetzung. Bleibenden Eindruck gewann Udo Zimmermanns „Weiße Rose“ unter dem Dirigat des Komponisten.  Staatsoperndirektor Bogdan Roščić erschuf den Phönix aus der Asche. NEST ist die Abkürzung für Neue Staatsoper und gleichzeitig ein Wortspiel für ein Zuhause mit Blick auf ein junges Publikum und neue Theaterformen.       

GRIGORI FRID

Das Tagebuch der Anne Frank
A Graphic Opera

Anne Frank  Olivia Warburton
Musikalische Leitung  Jera Petricek
Inszenierung  David Bösch

NEST Neue Staatsoper im Künstlerhaus, 18. Oktober 2026
Karlsplatz 5, 1010 Wien

von Lothar und Sylvia Schweitzer

Unser dreizehnjähriger Enkel Aeneas war der Beweggrund knapp zwei Jahre nach der Eröffnung von NEST zu testen, in welcher Weise die junge Generation unsere Opernbegeisterung wird teilen können.

NEST Architektur © Martina Berger

Aeneas’ Eltern suchten die Monooper (mit nur einer Rolle) „Das Tagebuch der Anne Frank“ des russischen Komponisten Grigori Frid (* 1915, † 2012) aus, noch unter dem Eindruck ihres gemeinsamen Besuchs des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam. Sylvia und ich erlebten bereits 1998 die konzertante österreichische Erstaufführung im österreichischen Parlament unter der musikalischen Leitung von Asher Fisch mit der Sopranistin Anat Efraty als Anne Frank.

Jetzt war eine szenische Aufführung gegeben. Wir besuchten die zweite Aufführung, die nach Meinung von Opernfreunden der Premiere vorzuziehen ist. Alle siebzig Minuten agiert die Sängerin der Anne Frank allein auf der Bühne. Wie ist das zu schaffen? Denn selbst, wenn das Orchester zu Zwischenspielen ansetzt, bleibt sie oft in Bewegung.

Wenn Anne Frank bei Tisch sitzend in Verzweiflung den Kopf unter ihren Armen verbirgt, bedeutet das, für uns nicht bemerkbar, Entspannung. Einige Passagen werden gesprochen, die Rezitation geht in Sprechgesang über, um in Gesang zu münden. Wir denken da an die „Entführung aus dem Serail“ von Hans Neuenfels: „Es gibt die Sehnsucht des Sprechenden zu singen und das Wissen, dass das Sprechen an diesem Ort nicht die gleiche Bedeutung haben kann wie das Singen.“

Für unseren Dreizehnjährigen war es nicht das erste Opernerlebnis. Er hatte schon Erfahrung mit „Hänsel und Gretel“ im Salzburger Marionettentheater.

Bei „Das verfluchte Geisterschiff“, einer den Inhalt betreffenden gelungenen Variation von „Der fliegende Holländer“ ohne Opfertod und Fluch, führte eine Schiffsratte bei einer Wanderung durch die Wiener Staatsoper in das Werk ein. Unter den Zehnjährigen war er unter den ältesten Besuchern. Sein Erster Kommentar nachher: „Das ist ja keine richtige Oper.“ Wagners Oper war sehr auf Musical getrimmt.

Dieses Mal hatte der Enkel mit der Darstellerin der Anne Schwierigkeiten. Noch vom Museum in Amsterdam ein gerade erst Teenager gewordenes Mädchen vor Augen, musste dieses von Olivia Warburton, einer ausgebildeten, erfahrenen Opernsängerin, dargestellt werden. Es war ihr Debüt an der Wiener Staatsoper. Wir hoffen auf ein Wiederhören auch am Großen Haus. Nach unsrer Meinung waren Maske und Ausdruck gelungen, kam die Sopranistin doch ursprünglich vom Schauspiel und körperbetontem Theater. Außerdem wirken Anne Franks Tagebücher, oft in Form eines fiktiven Briefs an eine Freundin, für ihr Alter auffallend reif.

© Anne Frank Fonds, Basel

Sylvia und ich fragten uns schon bei Manfred Trojahns „Orest“: Wäre dies unser erstes Opernerlebnis, müssten wir uns später an die alten, klassischen Opern erst gewöhnen und umstellen. Auch bei Frid fehlen lange Zeit weiche, fließende Klänge in Musik und Gesang.

Wir waren zuerst bezüglich Auswahl der Oper skeptisch. Eignet sich dieses auf den ersten Blick triste Stück für einen noch nicht so opernerfahrenen, jungen Menschen? Aber wir stellten schon in unserem Klassikwelten-Beitrag „Mord in der Oper“ fest, dass Gewalt in dieser Kunstgattung überpräsent ist.

Wenn sie auch nur mehr durch einen Schlitz im Fenster die Welt draußen erleben darf, so kann sie ihrem Leben doch noch Freuden abgewinnen.

Ein Lehrstück für positives Denken.

Lothar und Sylvia Schweitzer, 21. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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