Alena Baeva spielt Jugendwerke voller Feuer und Abschied 

Alena Baeva, Strauss und Bartók, Paavo Järvi, Dirigent  klassik-begeistert.de, 21. Oktober 2026

CD-Besprechung:

Zwei frühe Meisterwerke, die beide von Aufbruch, Liebe und stilistischer Selbstfindung erzählen – und eine Geigerin, die ihnen mit klarer Stimme, schlankem Vibrato und erfreulich persönlicher Note begegnet. Alena Baeva hat mit Paavo Järvi und der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen die idealen Partner gefunden, um Richard Strauss’ einziges Violinkonzert und Béla Bartóks lange verschollenes erstes Violinkonzert aufzunehmen. Dazu kommt Bartóks erste Rhapsodie – und der Kreis schließt sich auf besondere Weise: Nur wenige Tage nach deren Uraufführung spielte Bartók 1929 in Bremen, im Glockensaal. Genau dort entstand 96 Jahre später diese Aufnahme.

Alena Baeva spielt Strauss und Bartók

Deutsche Kammerphilharmonie Bremen
Paavo Järvi, musikalische Leitung

Alpha Classics, ALPHA1185

von Dirk Schauß

Strauss schrieb sein Violinkonzert op. 8 im Alter von gerade einmal 18 Jahren. Es ist ein wunderschönes, energiegeladenes und brillant strukturiertes Werk, das bereits zahlreiche Anspielungen und Merkmale seines späteren Stils trägt.

Baeva trifft den grandiosen Opernauftritt des Soloparts mit großer Sicherheit: Der Beginn des ersten Satzes ist sehr energisch, die Holzbläser antworten fein und pointiert, die chromatischen Doppelgriffe und die rasche Steigerung in die brillanten Höhen sitzen präzise und ohne Schärfe. Schon hier spürt man den späteren Strauss – die verspielten punktierten Rhythmen, die edlen Melodien mit Oktavmotiven, das geschmackvolle Zusammenspiel mit den Bläsern. Das Lento ma non troppo strahlt warme Kantabilität aus, grundiert von den Holzbläsern, getragen und doch nie schwerfällig. Das abschließende Rondo Prestissimo ist keck und spielerisch – ein „Fang mich“, das mit feinen Akzenten und spürbarer Lust an der Virtuosität daherkommt.

Baeva spielt durchweg sehr sauber, mit schlankem Vibrato und einer persönlichen Färbung, die das Jugendwerk weder verniedlicht noch überdramatisiert. Sie zeigt, warum dieses Konzert technisch anspruchsvoller ist, als man es von einem so frühen Stück erwarten würde – und warum es den Vergleich mit populäreren Werken der Zeit keineswegs scheuen muss.

Bartóks erstes Violinkonzert ist im Grunde ein Liebesbrief an die neun Jahre jüngere Geigerin Stefi Geyer. Das berühmte „Stefi-Thema“ (D–Fis–A–Cis) bildet die Grundlage des ersten Satzes – eines verträumten, intimen Porträts voller zarter Spannungen und reicher, sich erhebender Linien. Baeva beginnt zauberhaft mit der unbegleiteten Violine und entfaltet die langen Bögen mit großer Sensibilität und natürlichem Atem. Der zweite Satz (Allegro giocoso) geht ruppig und wach los; das Orchester antwortet hellwach und mit spürbarer Ironie. Hier zeigt sich bereits der spätere Bartók: abrupt, witzig, mit schnellen Wechseln, die noch an Strauss’ Tondichtungen erinnern und zugleich schon den rauen, volksmusikalischen Atem der kommenden Jahre ahnen lassen. Am Ende kehrt das Stefi-Thema wie eine ferne Erinnerung zurück, bevor eine plötzliche, energiegeladene Coda alles hinwegfegt.

Stefi Geyer hat das Konzert nie gespielt – sie trennte sich von Bartók wenige Tage vor der Fertigstellung mit den Worten, ihr Gott sei einer der Liebe, seiner einer der Stärke und der Kälte. Die Aufnahme macht spürbar, was in dieser Musik an unerfüllter Zärtlichkeit und zugleich an bereits sich abzeichnender künstlerischer Eigenständigkeit steckt.

Die erste Rhapsodie beschließt das Programm. Der Lassú klingt erkennbar folkloristisch, mit Cimbalom-Farben, die nach Ungarn und Transsilvanien tönt. Bartók wollte die gesammelten Volksmelodien nicht verändern, sondern behutsam mit Begleitung und Klangfarbe umgeben – und genau das gelingt hier. Der Friss beginnt spannungsvoll und mündet allmählich in eine mitreißende, fast wilde Steigerung, die das Orchester wie in einem spiralförmigen Tanz nach oben treibt, bevor alles kollabiert und das Anfangsthema noch einmal wie eine Erinnerung aufscheint.

Paavo Järvi begleitet auf Augenhöhe, mit klarer Transparenz, Lust an Ironie und einem feinen Gespür für die unterschiedlichen Temperamente der beiden Komponisten.

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen spielt sehr strukturiert, klangschön und mit vielen differenzierten Farben – nie massig, immer beweglich und aufmerksam. Das Zusammenspiel zwischen Solistin und Orchester ist von großer natürlicher Partnerschaft geprägt. Eine Aufnahme, die zwei jugendliche Meisterwerke mit Reife, Klarheit und spürbarer Zuneigung präsentiert.

Baeva vermeidet jedes pathosgeladene Überhöhen und setzt auf Präzision, Schlankheit und persönliche Wärme. Das Ergebnis ist frisch, durchdacht und voller Leben – ein überzeugendes Plädoyer für zwei Konzerte, die weit mehr Aufmerksamkeit verdienen, als sie bislang bekommen haben.

Dirk Schauß, 20. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Johann Sebastian Bach, Goldberg Variationen, Geoffroy Couteau, Klavier klassik-begeistert.de, 20. Oktober 2026

Giacomo Puccini, La Rondine klassik-begeistert.de, 18. Oktober 2026

Andrè Schuen, Daniel Heide, Mahler, Lieder eines fahrenden Gesellen klassik-begeistert.de, 15. Oktober 2026

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