Film-Besprechung:
CHOPIN – Eine Sonate in Paris
(Originaltitel: Chopin, Chopin!)
Ein Film von Michał Kwieciński
Spielfilm / Frankreich, Polen 2025 / 133 Minuten
Drehbuch: Bartosz Janiszewski
Musik: Robot Koch
Filmstarts in Deutschland und Österreich am 22. Oktober 2026
Kino Union, Berlin-Friedrichshagen, 3. November 2026
von Ralf Krüger
Welch ein schönes Gesicht! Zwei große Augen blicken freundlich in die Welt. Ein fast schon kindlicher Ausdruck. Der Mann hat einen Zinken von Nase, trägt das Haar halblang und sein Gesicht ist glattrasiert. Gekleidet in einem eleganten Gehrock mit Weste, weißem Kragen, einem Krawattentuch und auf dem Kopf einen Zylinder tragend, schreitet er mit Tempo durch die Straßen der Stadt. In einem der großen Salons von Paris wird er erkannt.
Hände schütteln, herzen, scherzen, mit den Damen der Gesellschaft flirten, so kennt man ihn dort. Dann der Auftritt bei einer Soiree. Franz Liszt spielt am Klavier mit hartem Anschlag, dynamisch und temporeich. Applaus. Dann spielt er, Frédéric Chopin: weich, elegant, einschmeichelnd. Jubel. Die Freundschaft Chopins zu Liszt wird die Konstante des Films, das Gerüst, das alles zusammenhält und vereint. Chopins Liebe zu George Sand, der Frau, die (vielleicht) mit „Ein Winter auf Mallorca“ den ersten Reiseführer über des Deutschen Lieblingsinsel schrieb, ist heftig. Sie lieben sich überall, in der Kutsche gleich zweimal hintereinander, bis er irgendwann nicht mehr kann. Chopin ist schwer an Tuberkulose erkrankt. Er wird sterben, wie seine Schwester, wie sein begabter Schüler Carl, wie viele.
Der polnische Originaltitel des Filmes lautet: „Chopin, Chopin!“ Das ist auf den Punkt genau richtig. Der deutsche Verleihtitel verwirrt nur. Der eine Chopin ist der Musiker, Komponist, Pianist und Klavierlehrer. Der andere ist der Kranke, der Gezeichnete, der Blut Spuckende, aber auch der, der um die wenige Zeit, die ihm verbleibt, kämpfende Frédéric Chopin.
Chopin – Eine Sonate in Paris dauert gefühlt nur eine Stunde. Der Film hat real die doppelte Laufzeit, aber durch den rasanten Schnitt zwischen den Szenen und durch eine Kamera, die kaum mal stillhält, entwickelt die Story eine Kurzweiligkeit, die anfangs gewöhnungsbedürftig, später genusssüchtig daherkommt.
Wir erleben ein paar Etappen seiner vielen Reisen: Karlsbad, Dresden, Mallorca mit der Kartause von Valldemossa. Es ist aber kein Film der Postkartenmotive. Paris, seine Stadt der Musik, ist nicht unbedingt optisch erkennbar. Auch verzichtet die Regie auf eine biografische Einordnung und die üblichen Einblendungen im Abspann. Nur an Chopins Lebensdaten wird erinnert. Der Zuschauer wird angeregt, später selbst zu recherchieren, wenn er längst die Bequemlichkeit des Kinosessels verlassen hat.
Eryk Kulm, der polnische Schauspieler, ist Frédéric Chopin.
Leute, vergesst die traurigen Bilder des Komponisten in Internet und Büchern. Eryk Kulm, der charmante Typ in guten, wie in traurigen Lebenslagen, hat das Zeug, unser Bild von Chopin auf Jahre hin zu prägen!
Victor Meutelet, der französische Schauspieler, ist Franz Liszt. Er könnte auch D’Artagnan spielen, so männlich und stark ist er gezeichnet.
Auch aus Frankreich kommt Joséphine de La Baume, die Darstellerin der George Sand. Glaubt man der Filmhandlung, war sie neben der Mutter die wichtigste Frau im Leben des gefeierten Komponisten. Doch leider wirkt sie durch die starke Dominanz der beiden Männer im Rollenbild etwas blass.
Chopin – Eine Sonate in Paris wird im Presseheft als „eine der größten Produktionen in der Geschichte des polnischen Kinos“ beschrieben, bei dem die Kostüme aus fünf europäischen Städten herangeschafft werden mussten.
Ich hatte nach dieser Ankündigung einen opulenten Kostümfilm im Breitwandformat erwartet, aber dem ist nicht so. Der Fokus liegt einzig und allein auf der Figur des Frédéric Chopin. Es scheint mir so, dass sich alles, wie die Kulissen, die rauschenden Feste und die Garderobe ihm und seinem Spiel unterordnen mussten. Im Film geht es um Chopin und man bekommt ihn wirklich zu hundert Prozent!
Wieviel echter Chopin im Film-Soundtrack von Robot Koch, einem in Deutschland geborenen und in den USA lebenden Musikproduzenten, enthalten ist, wissen nur die Kenner. Der Mann am Klavier formt und erzeugt für mich ein wohltuendes und romantisches Hörbild. Der abstrakte Begriff der „Variationen zu einem Thema“ wird hier voll mit Leben erfüllt.
Franz Liszt sagt zu seinem Kollegen in einer der letzten Szenen sinngemäß: Deine Musik wird wohl erst in hundert Jahren ihre wahren Zuhörer finden. Er sagt dann auch: Wir sehen uns bei Deiner Beerdigung!
Dem Zuschauer wird der Gang zum Friedhof erspart. Die Filmemacher haben einen der kürzesten und schönsten Film-„Schlüsse“ gezaubert, die ich kenne. Und das ganz ohne Happy End.
Der Chopin-Film geht in meinem Stamm-Kino jetzt in die 3. Woche. Ich wünsche ihm viel Erfolg. Er hat es sich wahrlich verdient.
Ralf Krüger, 4. November 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Yulianna Avdeeva, Chopin und Szpilman Kammermusiksaal, Philharmonie Berlin, 17. Juni 2026
Louisa Sophia Jefferson, Klavier, Beethoven, Chopin, Brahms Elbphilharmonie Hamburg, 31. März 2026
Yulianna Avdeeva, Klavier, Chopin und Dmitri Schostakowitsch Kölner Philharmonie, 6. November 2025
La Passion d’Augustine, Regie Léa Pool 60. Hofer Filmtage, Hof, 23. Oktober 2026