Yulianna Avdeeva (c) Sammy Hart, Wr. Konzerthaus
Piano, rief meine Klavierlehrerin, piano heißt nicht einfach leise!
Und forte, fügte sie hinzu, forte heißt nicht einfach laut!
Spiel zart, spiel sacht, spiel ätherisch.
Spiel kraftvoll, spiel zupackend, spiel geerdet.
Hör Dir zu. Hör auf zu zappeln.
Was Du spielst, muss man hören, nicht sehen. Jede Bewegung, die nicht ins Klavier geht, ist überflüssig.
Eine perfektere Darbietung als die von Yulianna Avdeevas so filigranem wie ausdrucksstarkem Spiel wäre gemessen an diesen ewigen Grundsätzen schlicht nicht vorstellbar. Ein großer Klaviergesang-Abend begeistert das Publikum.
Yulianna Avdeeva Klavier
Werke von Frédéric Chopin und Wladyslaw Szpilman
Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin, 17. Juni 2026
von Sandra Grohmann
Worauf ich mich bei jedem Konzert von Yulianna Avdeeva am meisten freue, ist ihr Pianissimo. Und natürlich ihr Legato. Legato, sagte meine Klavierlehrerin, kann man auf dem Klavier eigentlich nicht spielen. Man kann nur so tun als ob. Auf jedem Streichinstrument funktioniert ein echtes Legato, natürlich. Aber auf dem Klavier brauchst du immer einen neuen Anschlag, da geht das nicht.
Geht aber doch, wie Avdeeva immer wieder beweist. Ihre zarten Töne schweben wie auf einem Atem gesungen, scheinbar anschlaglos, bis an die Decke des Kammermusiksaals der Berliner Philharmonie. Chopin selbst muss so zart gespielt haben, wobei er in den hinteren Reihen gelegentlich nicht mehr zu hören gewesen sein soll. Avdeeva ist überall zu hören. Und spielt den Steinway, als wäre er nicht für seinen eher harten Klang bekannt. Der Diskant: Elfengesang. Der Bass: purer Samt.
Jedem Stück verleiht sie seinen eigenen Charakter. Die ironischen – wie Szpilmans „Das Leben der Maschinen“ – lächeln uns zu, mit einem Augenzwinkern extra. Die Mazurka f-moll vom selben Komponisten tänzelt über das Podium. Und Avdeevas geliebter Chopin, dessen Warschauer Wettbewerb sie 2010 gewann, dekliniert das gesamte Gefühlsspektrum durch: Sowohl in den zwei Nocturnes op. 62 wie auch in der f-moll Fantasie und dem Andante spianato et Grande polonaise brillante op. 22. Vor allem aber in den 24 Préludes op. 28. Vom Lento über das Presto con fuoco bis zum Sostenuto – vom Getragenen über das allesverzehrende Feuer bis hin zum Regentropfenpräludium reißt uns der Abend durch alle Abgründe und Höhepunkte der Emotionalität. Und das, ohne gefühlsduselig zu werden.
Ohne Grimassenschneiderei, ohne Herumhampeln. Nur durch den musikalischen Ausdruck, dem auch alle Virtuosität Avdeevas sich bereitwillig unterordnet. Sie nutzt ihre meisterliche, perlende Technik, um musikalisch auszudifferenzieren. Was für Momente, wenn sie die Musik ins unerwartete subito pianozurücknimmt! Wenn sie eben noch in den Tasten wütete und plötzlich nur noch einen großen Bogen haucht. Da hält ein ganzer Saal den Atem an.

Wer das nicht hören kann, ist selbst schuld. In der Pause philosophieren meine Tischnachbarn darüber, dass die Pianistin keine Regung zeige, dass sie so cool wirke und oberflächlich. Manchmal, denke ich, sagen Leute mehr über sich selbst als über das Objekt ihrer Rede.
Meine Klavierlehrerin wäre jedenfalls höchst zufrieden gewesen mit diesem Abend voller Gesang, Klaviergesang. Oft mehrstimmig, und dabei ist jede Stimme einzeln mit ihrer eigenen Färbung herauszuhören. Kein Klangbrei, kein durchgetretenes Pedal. Versteht sich. Sondern Klangrede, der die Pianistin gelegentlich selbst hinterherhorcht. Und wir auch.
Als Zugabe hören wir Chopins Nocturne cis-moll op. posth. Avdeeva bringt es an dieser Stelle gerne. Es ist das Stück, das Szpilman das Leben rettete, als er es 1944 im zerstörten Warschau einem deutschen Offizier vorspielte, der ihn in der Folgezeit notdürftig versorgte. Diese Musik macht eben unter allen Umständen glücklich, und ein glückliches Publikum verabschiedet die Meisterin glückselig.
Danke, Yulianna Avdeeva.