Schweitzers Klassikwelt 156: So kann man sich (konnten wir uns) bei Rezensionen irren

Changing Voice © Werbegrafik Delight Star Studio

Der Dichter und Sänger Leonard Cohen empfand jeden gelungenen Abend als Glück und Gnade. So kann bei einer einmaligen Begegnung mit einer Sängerin oder einem Sänger ein falsches Bild entstehen, das aber durch den Bericht darüber noch dazu vervielfältigt wird.

von Lothar und Sylvia Schweitzer

Ein nicht beeindruckender Prolog des Tonio zum Beispiel kann in den folgenden fünfundsechzig Minuten von „Pagliacci“ schwer wettgemacht werden. Doch dann lesen wir überraschend von einer „La Traviata“ an der Staatsoper Unter den Linden über denselben Interpreten: „Der Bariton war ein Vater Germont wie aus dem Bilderbuch, fast war er zu sympathisch. Mit schöner ausgeglichener Stimme, makellosem Legato und mühelosen Höhen begeisterte er, harmonierte großartig und rücksichtsvoll in den Duetten mit Violetta im zweiten Bild und räumte natürlich in der herrlich gesungenen Arie regelrecht ab.“ Vielleicht war er als Tonio damals ein zu ausgeprägter Kavaliersbariton. „Schweitzers Klassikwelt 156: So kann man sich bei Rezensionen irren
klassik-begeistert.de, 3. Februar 2026“
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Mailand schmiedet den ersten olympischen Wagner-Ring!  

Brescia e Amisano © Teatro alla Scala

Wenige Tage vor Beginn der diesjährigen Winterolympiade blickte man in Mailand erstmal auf die Scala: Das große Wagner-Ring-Finale stand an. Dank den überragenden Gesangsleistungen übertraf diese Götterdämmerung die Erwartungen selbst des von nah und fern angereisten und an diesem Haus notorisch kritischen Publikums. In Mailand heißt es: Her den Ring! 

Götterdämmerung, WWV 86D 
Musik und Libretto von Richard Wagner 

Siegfried:  Klaus Florian Vogt
Hagen:  Günther Groissböck
Gunther:  Russell Braun
Alberich:  Johannes Martin Kränzle
Brünnhilde:  Camilla Nylund
Gutrune/Terza Norna:  Olga Bezsmertna
Seconda Norna:  Szilvia Vörös
Waltraute:  Nina Stemme
Woglinde:  Lea-ann Dunbar
Wellgunde:  Svetlina Stoyanova
Flosshilde:  Virginie Verrez
Prima Norna:  Christa Mayer

Mailand, Teatro alla Scala, 1. Februar 2026

von Johannes Karl Fischer 

Vor der Scala wimmelte es in Mailand an Olympia-Stimmung. Fünf Tage vor dem feierlichen Spielbeginn sind die Straßenbahnen mit “Milano Cortina 2026” vollplakatiert und auch der Fanshop schmückt formschön die Piazza del Duomo. Vielleicht waren deshalb trotz der mit pompösen Namen geschmückten Besetzungsliste auch noch erstaunlich viele Plätze zu haben, mindestens ein Gast soll noch mit einer Studentenkarte ins Parkett gekommen sein. Egal. Ring in der Scala war schon immer etwas Besonderes.  „Richard Wagner, Götterdämmerung, WWV 86D 
Mailand, Teatro alla Scala, 1. Februar 2026“
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Pablo Luna entzündet mit seiner Zarzuela spanisches Feuer

Benamor © Monika Rittershaus

Wie man Österreich als Operettenstaat bezeichnet, so kann man getrost Spanien als Zarzuela-Staat bezeichnen. Die Form der spanischen Operette und des Singspiels hörte man in Wien in einer hervorragenden Aufführung. Die Zarzuela „Benamor“ vermittelte in der nebeligen Stadt Wien spanisches Temperament. Leider ließen sich gewisse Schwächen in der Partitur Lunas nicht verbergen.

BENAMOR
Pablo Luna

Opereta in drei Akten
Libretto von Antonio Paso und Ricardo González del Toro
Österreichische Erstaufführung

Mit Marina Monzó, Federico Fiorio, Milagros Martín, David Alegret, David Oller usw.

Arnold Schoenberg Chor
ORF Radio-Symphonieorchester Wien

Dirigent: José Miguel Pérez-Sierra

Regie: Christof Loy

Musiktheater an der Wien, 1. Februar 2026

von Herbert Hiess

Was in unserem Sprachgebrauch die Operette ist, ist die Zarzuela eine auf der Commedia dell’arte basierende Weiterentwicklung dieser Kunstform. Eigentlich wurde sie zur Unterhaltung sowohl für das spanische Königshaus (damals noch die Habsburger) als auch für die Bevölkerung gedacht.

So finden sich hier gesprochene Dialoge und eigene Kompositionen kombiniert mit populären Schlagern und Volksliedern. Übrigens stammt die Bezeichnung „Zarzuela“ (Zarza bedeutet Brombeergebüsch) vom „Palacio de la Zarzuela“, den sich die spanischen Monarchen nördlich von Madrid errichten haben lassen; dieser ist bis heute Sommersitz des spanischen Adels. „Pablo Luna, Benamor
Musiktheater an der Wien, 1. Februar 2026“
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„Ist es nicht nur ein Fiebertraum?“ – „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach wird in Lübeck gefeiert

© Theater Lübeck –  Olaf Malzahn

„Gespenster-Hoffmann“ hat man den wohl eigenwilligsten Kopf der romantischen Literatur, den Juristen, Komponisten, Kapellmeister, Musikkritiker, Zeichner und Karikaturisten, Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, genannt. Die Bezeichnung von Jacques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ als „phantastische Oper“ ist daher inhaltlich konsequent. Wie diese phantastischen Elemente in der Lübecker Inszenierung umgesetzt wurden, durfte ein erwartungsfrohes Premierenpublikum am 31. Januar im Jugendstiltheater der Hansestadt erleben.

Jacques Offenbach, „Hoffmanns Erzählungen” („Les contes d’Hoffmann“)
Libretto von Jules Barbier

Konstantinos Klironomos, Tenor
Frederike Schulten, Mezzosopran
Jacob Scharfman, Bariton
Wonjun Kim, Tenor
Sophie Naubert, Sopran
Andrea Stadel, Sopran
Aditi Smeets, Sopran
Delia Bacher, Mezzosopran
Changjun Lee, Bass
Tomasz Mýsliwiec, Tenor
Viktor Aksentijević, Bariton

Takahiro Nagasaki, Dirigent

Philipp Himmelmann, Inszenierung

Chor und Extrachor des Theaters Lübeck
Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck

Theater Lübeck, Premiere, 31. Januar 2026

von Dr. Andreas Ströbl

Was ist Wirklichkeit?

„Ist es nicht nur ein Fiebertraum?“, fragt Hoffmann im Olympia-Akt den Automaten, den er für ein lebendiges Mädchen hält, und in den er sich wie im Wahn verliebt hat. Grundsätzlich wird ja in Offenbachs Oper nicht klar, ob die drei Frauen tatsächlich eine einzige darstellen oder alle gar nur eingebildete Projektionsflächen des in eine Schaffenskrise geratenen Künstlers sind. „Jacques Offenbach, Hoffmanns Erzählungen
Theater Lübeck, 31. Januar 2026, Premiere“
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Olga Neuwirths Hamburger Uraufführung von Monster’s Paradise  kommt erst am Schluss in Fahrt

Der Vorhang zur Grand Guignol Opéra Monster’s Paradise (Foto: RW)

Eindrucksvoller gelang Georg Nigl die Interpretation des König-Präsidenten. Sein immer wieder von emotionalen Ausbrüchen unterbrochener Sprechgesang passte zur dargestellten Figur, außerdem verfügt Nigl über ein beachtliche darstellerisches Talent.

Monster’s Paradise, Grand Guignol Opéra

Kompositionsauftrag der Hamburgischen Staatsoper
Komposition: Olga Neuwirth

Libretto: Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, musikalische Leitung: Titus Engel

„Verstimmte“ Klaviere: Elisabeth Leonskaja, Alexandra Stychkina

Inszenierung: Tobias Kratzer
Bühne und Kostüme: Rainer Sellmaier
Video: Jonas Dahl, Janic Bebi

Hamburgische Staatsoper, Uraufführung, 1. Februar 2026

von Dr. Ralf Wegner

Vorsichtshalber nennt sich das Stück nicht Oper, sondern Grand Guignol Opéra, also eine Art Kasperade mit Musik. Dazu ließe sich viel, aber auch wenig sagen.

Musikalisch nimmt das Stück erst gegen Ende Fahrt auf, vor allem wenn Elisabeth Leonskaja und Alexandra Stychkina am Klavier hochemotional die Tasten bearbeiten. Auf der Videoleinwand treiben dabei die Schauspielerinnen Sylvie Rohrer und Ruth Rosenfeld, auf einem Floß an der versinkenden Elbphilharmonie vorbei einen Flügel behämmernd, auf das unendliche Meer hinaus dem Sonnenuntergang entgegen. Da passte mit einem Mal beides, der akustische und auch der visuelle Aspekt dieser Aufführung. „Olga Neuwirth/Elfriede Jelinek, Monster’s Paradise, Grand Guignol Opéra
Hamburgische Staatsoper, 1. Februar 2026, Urafführung“
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Thielemann begeistert mit dem „Deutschen Requiem“ von Brahms: "Aber des Herren Wort bleibet in Ewigkeit"

Symphoniekonzert IV | 27. Januar 2026 | Philharmonie Berlin, Dani Juris, Nikola Hillebrand, Christian Thielemann, Samuel Hasselhorn © Stephan Rabold

Christian Thielemann am Pult formte die einzelnen Abschnitte des Werkes ganz individuell, baute Spannungsbögen auf, und arbeitete klug Höhepunkte, wie „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“ mit enormen Steigerungen heraus, um dann auch wieder zu sanfteren Tempi und Lautstärken zurückzukehren.

Johannes Brahms    Ein deutsches Requiem

Nikola Hillebrand   Sopran
Samuel Hasselhorn   Bariton

Christian Thielemann   Dirigent

Dani Juris   Einstudierung Chor

Staatsopernchor
Staatskapelle Berlin

Philharmonie Berlin, 27. Januar 2026

von Peter Sommeregger

Das Requiem von Johannes Brahms zählt seit seiner Uraufführung 1869 zu den am häufigsten in Konzertsälen aufgeführten Totenmessen. Es ist wohl nicht allein die musikalische Qualität der Komposition, die dem Werk zu großer Popularität verholfen hat. Ausgewählte Bibeltexte in deutscher Sprache zu singen, war eine neue Idee, sie ersetzte die Hemmschwelle des Lateinischen und sprach damit auch einfache Menschen direkt an. „Johannes Brahms, Ein deutsches Requiem, Christian Thielemann 
Philharmonie Berlin, 27. Januar 2026“
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DIE MONTAG-PRESSE – 2. FEBRUAR 2026

Dmitri Schostakowitsch, Lady Macbeth von Mzensk © Monika Rittershaus

Für Sie und Euch in den Zeitungen gefunden
DIE MONTAG-PRESSE – 2. FEBRUAR 2026

Berlin/Komische Oper
„Lady Macbeth“ an der KO Berlin: Liebe ist kälter als der Tod
Der ehemalige Hausherr Barrie Kosky wuchtete eine Inszenierung auf die Bühne, die kompromisslos die menschliche Niedertracht der Protagonisten ausstellte. Der Verzicht auf Bühnenbilder reduzierte weite Teile der Oper zum Kammerspiel, das die Sänger auch als Darsteller forderte, Aufgaben, denen sie hervorragend gerecht wurden. Der Einsatz der zu Recht gerühmten Chorsolisten der Komischen Oper in vielen Szenen wird zum zusätzlichen Joker der Aufführung. Sogar zu einigen Tanzfiguren konnte der Regisseur sie animieren. Kosky nimmt die stark rhythmisierte Musik als Taktgeber für die Körpersprache der Sänger, selbst der mehrfach szenisch simulierte Beischlaf wurde so in Musik übersetzt.
Von Peter Sommeregger
Klassik-begeistert.de

„DIE MONTAG-PRESSE – 2. FEBRUAR 2026“ weiterlesen

„Lady Macbeth“ an der KO Berlin: Liebe ist kälter als der Tod

Dmitri Schostakowitsch, Lady Macbeth von Mzensk © Monika Rittershaus

Es gibt sie also noch, diese Opernabende, an denen einfach Alles stimmt und glückt. So geschehen an diesem eisigen Januar-Sonntag im Schillertheater, dem Ausweichquartier der Komischen Oper Berlin.

Dmitri Schostakowitsch
Lady Macbeth von Mzensk

Boris Timofejewitsch Ismailow / Geist des Boris

Inszenierung: Barrie Kosky

Dirigent:  James Gaffigan
Orchester der Komischen Oper

Komische Oper im Schillertheater Berlin, Premiere am 31. Januar 2026

von Peter Sommeregger

Der ehemalige Hausherr Barrie Kosky wuchtete eine Inszenierung auf die Bühne, die kompromisslos die menschliche Niedertracht der Protagonisten ausstellte. Der Verzicht auf Bühnenbilder reduzierte weite Teile der Oper zum Kammerspiel, das die Sänger auch als Darsteller forderte, Aufgaben, denen sie hervorragend gerecht wurden. Der Einsatz der zu Recht gerühmten Chorsolisten der Komischen Oper in vielen Szenen wird zum zusätzlichen Joker der Aufführung. Sogar zu einigen Tanzfiguren konnte der Regisseur sie animieren. Kosky nimmt die stark rhythmisierte Musik als Taktgeber für die Körpersprache der Sänger, selbst der mehrfach szenisch simulierte Beischlaf wurde so in Musik übersetzt. „Dmitri Schostakowitsch, Lady Macbeth von Mzensk
Komische Oper im Schillertheater Berlin, 31. Januar 2026 Premiere“
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Anton Reicha wiederzuentdecken lohnt sich

residenz@sendesaal: Albert-Schweitzer-Ensemble

Mit 2 wiederentdeckten Sinfonien von Anton Reicha begeistert ein famos aufspielendes Bläser-Streicher-Dezett das Bremer Publikum.

Dem Publikum gefiel’s, es spendete regen begeisterten Beifall. Und es hatte den Eindruck, als trügen alle Zuhörenden am Ende ein frohgemutes Lächeln mit nachhause.


Anton Reicha
Grande Symphonie de Salon No. 2 und No. 3 für Flöte, Oboe, Klarinette, Horn, Fagott, 2 Violinen, Viola, Violoncello und Kontrabass

Albert-Schweitzer-Ensemble (ergänzt durch fünf StreicherInnen der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen)

Sendesaal Bremen, 31. Januar 2026

von Dr. Gerd Klingeberg

Wegen seiner exzellenten akustischen Bedingungen wird der alte Sendesaal Bremen noch immer gerne für CD-Aufnahmen genutzt. Und wenn es passt, wird auch gleich noch ein öffentliches Konzert angehängt.

So auch diesmal, mit einem wahrhaft außergewöhnlichen Programm: den „Grande Symphonies de Salon“ No. 2 und No. 3, zwei erst 2017 wiederentdeckten Werken des 1770 in Prag geborenen Anton Reicha, heute ein nur selten gespielter, seinerzeit jedoch überaus geachteter Violinist, Flötist, Komponist, Lehrer u.a. von Franz Liszt und César Franck, ein Zeitgenosse und Freund Beethovens. „Anton Reicha, Grande Symphonie de Salon No. 2 und No. 3
Sendesaal Bremen, 31. Januar 2026“
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Very British please: H.M.S. Pinafore von Arthur Sullivan begeistert an der ENO in London

ENO’s H.M.S Pinafore 2025 © Craig Fuller

Die Werke vom Komponisten A. Sullivan und seinem Texter W. S. Gilbert werden auf dem Kontinent nicht oft gespielt! Umso mehr freut es mich bei meinen Besuchen in London ihre Werke an der English National Opera (ENO) zu genießen. Diese Saison ist es die Geschichte um das Schiff H.M.S. Pinafore und deren Besatzung, die auf dem Spielplan steht.

Sir Arthur Sullivan (1842-1900)
H.M.S. PINAFORE
Komische Oper in zwei Akten (Libretto: W. S. Gilbert)

Musikalische Leitung: Matthew Kofi Waldren
Inszenierung: Carl McCrystal
Bühne und Kostüme: takiso

English National Opera ENO at the London Coliseum, 31. Januar 2026

von Jean-Nico Schambourg

Die Werke von A. Sullivan und W. S. Gilbert werden auf dem Kontinent nicht oft gespielt! Zu Unrecht! Natürlich haben ihre Werke zum Teil einen typischen englischen Charakter, der Nicht-Briten manchmal schwer zugänglich ist. Die Oper in Mainz hat vor zwei Jahren das Werk “Die Piraten von Penzance” in deutscher Sprache aufgeführt und an der spontanen Reaktion des Publikums war feststellbar, dass es sich sehr amüsiert hat.

„Sir Arthur Sullivan (1842-1900), H.M.S. Pinafore
 English National Opera ENO at the London Coliseum, 31. Januar 2026“
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