Elbphilharmonie: Die Menschen im Publikum sind so freudig, dass mitgesummt wird

Bach, Beeethoven, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Markus Poschner,  Elbphilharmonie Hamburg

Foto: Felix Broede (c)
Elbphilharmonie, 
Großer Saal, Hamburg 11. Juni 2018

von Sarah Schnoor

Schon auf dem Weg zur Elbphilharmonie begegnen einem Meinungen zu diesem Bauwerk und seinem Klang. So sagt ein junger Mann zum anderen, dass die Elphi akustisch ja der „Hammer“ sei, aber von außen, naja. Mir geht es genau andersherum: optisch super und akustisch schwierig. Dass Hamburg dadurch aber neben dem „Michel“ ein neues Wahrzeichen hat und dazu noch ein musikalisches, ist mir doch sehr recht!

An diesem Abend gibt es das zehnte und damit letzte „Philharmonische Konzert“ der Saison mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg und dem Chor der KlangVerwaltung unter der Leitung von Markus Poschner (eingesprungen für Enoch zu Guttenberg). Tröstend hoffnungsvolle Musik steht mit Bachs Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“ und Beethovens 9. Symphonie auf dem Programm.

Dass die Akustik in der Elbphilharmonie nicht für Sänger mit Orchester gemacht ist, wurde schon vielfach beschrieben. Dafür eignet sie sich aber umso besser für kleine Ensembles, weil sie so schön durchsichtig ist. Und so macht es besonders Freude den 21 Instrumentalisten und 22 Choristen beim Musizieren zuzuhören. Beim Chor-Einsatz auf das Wort „Ich“ bekommt man Gänsehaut. Schwungvoll, gut phrasiert und erstaunlich leicht spielen die Musiker auf ihren neuen Instrumenten. Leider ist es wohl der Akustik geschuldet, dass die Continuo-Gruppe das Ganze sehr bass-lastig macht. Es fehlt einfach der gesamte Bauch. Die Solo-Oboe gestaltet die schweren Partien musikalisch ganz schön, ist jedoch öfter unsauber. Dagegen bringt Olivia Jeremias (Solo-Cello) den Esprit und die Bogenführung einer Alte-Musik-Expertin mit und spielt einen virtuosen und mitreißenden Bach.

Von den vier Solisten fällt die Sopranistin Carolina Ullrich etwas heraus, weil ihre Stimme als einzige ein größeres Vibrato hat, das sie versucht zu verstecken. Ihre Stimme klingt wunderschön strahlend hell und auch angenehm in der Tiefe, passt aber eher in die Oper als zu Bach, da durch das Vibrato einige Verzierungen leider nicht als solche erkennbar sind und ihre Läufe unsauber klingen. Ingeborg Danz merkt man die Bacherfahrung trotz der sehr kleinen Partie, die sie zu singen hat, sofort an. Sie ist deutlich hörbar mit stabilem dunklem Alt. Auch Thomas Laskes Bass ist klar und geradeaus. Werner Güra ist über das Ensemble besonders im Rezitativ leider weniger gut hörbar, hat sich seinen klaren, offenen Tenor über die Jahre aber erhalten und führt seine Stimme – außer bei einigen Spitzentönen –sicher.

Nach der Pause folgt, wie im Programmheft angekündigt, „das wohl bekannteste Werk der Musikgeschichte“. Viele werden wohl nur eine kurze Passage daraus kennen, die Europahymne. Das Publikum war bereits bei Bach gebannt und ruhig und wartete jetzt auf die vertrautere Symphonie. Markus Poschner dirigiert schon im ersten Satz mit großen Gesten, und auch im Orchester sieht es spannungsreicher aus, als es klingt. Aber im zweiten und dritten Satz merkt man dann, dass sich Spannung in diesem Saal eben nicht durch Lautstärke aufbauen lässt, sondern durch interessante Rhythmik, Harmonik und gute Phrasierung. Das gelingt hier auch. Das Werk, was schon für die Staatschefs zum G20-Gipfel gespielt wurde, sitzt noch. Die einzelnen Instrumentengruppen spielen meist wie mit einer Stimme und auch Solo-Horn und Fagott klingen traumhaft.

Dann beginnt endlich der vierte Satz. Und da auch bei Musik das Prinzip der Wiedererkennung greift, sind die meisten froh darüber. Das Hirn schüttet Endorphine aus, wenn sich die Erwartungen erfüllen, wenn man eine Bestätigung für das Vorausgesehene bekommt – das funktioniert auch bei Musik so. Die Menschen im Publikum sind so freudig, dass mitgesummt wird, wenn der sehr sonore, durchdringende Bass Yorck Felix Speer mit „O Freunde, nicht diese Töne!“ einsetzt und erst recht als der nun etwa 60 Mann und Frau starke Chor das erwartete „Freude, schöner Götterfunken“ schmettert. Herrliche Momente schafft dieser Chor mit Beethovens sakraler Musik zu „Ahnest du den Schöpfer, Welt?“ Leider wird jedes noch so schön musizierte Forte in diesem Saal schrill, und der Dirigent mutet allen Beteiligten an einigen Stellen ein etwas zu schnelles Tempo zu. Das stört die meisten aber nicht. Es wird gejubelt und besonders der wirklich gute Chor bekommt tosenden Applaus.

Sarah Schnoor, 12. Juni 2018, für
klassik-begeistert.de

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