Verismo ohne Blut, Schweiß und Sehnsucht – Cavalleria rusticana und Pagliacci: ein Abend, der mit viel Aufwand nichts erzählt.

Cavalleria rusticana / Pagliacci, Alessandro Palumbo, Dirigent br> Staatstheater Darmstadt, 13. September 2026

© Martin Sigmund

Verismus ist ein brutales Handwerk. Er lebt vom Ungeschminkten, von der blutigen Schnittstelle zwischen menschlicher Kreatur und gesellschaftlichem Korsett. Pietro Mascagnis „Cavalleria rusticana“ und Ruggero Leoncavallos „Pagliacci“ sind keine musealen Doppeldeck-Häppchen für den gepflegten Bildungsbürger, sondern verlangsamte Hinrichtungen auf offener Szene. Am Staatstheater Darmstadt wollte Intendant Karsten Wiegand in Personalunion als Regisseur zu viel. Er lieferte eine überambitionierte visuelle Materialschlacht, die am Ende vor allem eines offenbart: Mutlosigkeit vor der nackten Tragödie.

Pietro Mascagni
Cavalleria rusticana

Ruggero Leoncavallo
Pagliacci

Regie:  Karsten Wiegand
Musikalische Leitung:  Alessandro Palumbo

Doppelabend am Hessischen Staatstheater Darmstadt, 13. September 2026

von Dirk Schauß

Auf der Bühne regiert das Spektakel der Ablenkung. Wer nach ständiger Bespaßung giert, wird bedient. Im ersten Teil dominiert noch eine weiße Wand mit hoher Türöffnung als Kirchenportal, davor ein Steg nebst Treppe. Soweit, so übersichtlich. Doch Wiegand traut der dramatischen Fallhöhe nicht. Ständig kommen Statisten und Chorleute die Stufen hinauf und verschwinden wieder – eine permanente Unruhe, die den Fokus der Blicke zerfleddert. Wenn der Regisseur meint, Mascagni noch etwas beimischen zu müssen, gerät es vollends zum Ärgernis.

Cavalleria rusticana © Martin Sigmund

Vor dem berühmten Intermezzo schaltet die Regie eine italienische Predigt dazwischen, unterlegt mit Klängen aus Mascagnis „Messa di Gloria“. Der argumentative Mehrwert tendiert gen Null. Man könnte auch einfach dem Intermezzo vertrauen.

Pagliacci © Martin Sigmund

Im „Bajazzo“ schlägt der visuelle Ballast vollends ins Absurde um. Wiegand verlegt die Tragödie in ein Filmstudio, in dem Serien am Fließband produziert werden. Ein Wimmelbild aus Kameras, Kabeln, Bildschirmen und omnipräsenten Statisten. Kameras wackeln unscharf übers Holz, Live-Streams ruckeln, die Technik stolpert. Tonio geistert lange Zeit in einem albernen Gorillakostüm über die Szene und entblößt sich später in der Auseinandersetzung mit Nedda bis auf die Unterhose. Nedda versprüht Haarspray statt der Peitsche, um seiner gewaltsamen Annäherung zu entkommen. Das ist nicht verstörend, das ist albern und unglaubwürdig gespielt. Das eigentliche Drama verkommt zur Dekoration und wirkt dabei widersinnig komisch. Die tödliche Logik der Eifersucht verpufft im Geständnis des inszenatorischen Durcheinanders.

Pagliacci Beginn © Martin Sigmund

Dass am Ende Nedda und Silvio gar nicht sterben, sondern der Chor im Kollektiv ins Publikum lacht und als Zugabe noch einmal der Glockenchor angestimmt wird – inklusive Filmerlaubnis fürs Publikum –, setzt der Konzeptionslosigkeit die Krone auf. Wer die Messer scheut, sollte keine Verismo-Opern inszenieren, zumal Wiegand keinerlei Interesse daran zeigt, spannende Charakterbilder auf der Bühne zu zeigen.

Pagliacci finale © Martin Sigmund

Musikalisch gerät dieser Abend zur doppelten Erfahrung. Der Abend hat einen Helden, und der steht im Graben. Alessandro Palumbo am Pult des Staatsorchesters Darmstadt ist eine Entdeckung.

Was auf der Bühne an Leidenschaft verweigert wird, bringt Palumbo aus dem Orchestergraben zum Blühen. Er lässt die Partituren glutvoll, druckvoll und doch wunderbar ausdifferenziert aufleuchten. Palumbo atmet mit den Sängern, balanciert die dynamischen Spitzen klug aus und setzt messerscharfe Akzente. Hier schlägt das Herz des Verismo, das auf der Szene so sträflich vernachlässigt wird. Palumbo und das hingebungsvolle Staatstheater sind ein Wucht. Der Klangkörper spielt farbig, sauber und virtuos.

Ein zweiter Hauptgewinn ist der Chor. Guillaume Fauchère hat Opern- und Kinderchor prächtig präpariert. Die Chormassen agieren unglaublich präzise, spielfreudig und klangstark. Dass sie teils aus dem Zuschauerraum oder sich darin in kleineren Gruppen aufteilen müssen, bremst ihre Musizierlust in keiner Sekunde. Eine fabelhafte Leistung.

Pagliacci Kinder © Martin Sigmund

Auf der Solistenseite dominiert Licht und Schatten. Das Solistenensemble muss gegen die Regieeinfälle ankämpfen, was nicht jedem gelingt. Réka Kristóf gibt eine engagierte Santuzza. Stimmtechnisch bewegt sich die lyrische Sopranistin allerdings an der äußersten Grenze ihrer Möglichkeiten. Ihr fehlt für die feurigen Zuspitzungen des Verismo die vokale Wildheit. Alles wirkt brävlich einstudiert, kultiviert vorgetragen, jedoch zu sehr auf Sicherheit bedacht. Das ist achtbarer Gesang, aber kein loderndes Feuer. Die vokale Entäußerung fehlt.

Cavalleria rusticana Santuzza © Martin Sigmund

Eine Klasse für sich ist Megan Marie Hart als Nedda. Sie veredelt das vokale Niveau des Abends beträchtlich. Hart verfügt über einen saftigen, leuchtenden Sopran, der mühelos über das Orchester hinwegstrahlt. Ihre Stimme besitzt jene physische Verankerung und sinnliche Tragfähigkeit, die man auf der Szene so schmerzlich vermisst. Ihre Höhe leuchtet und blüht raumgreifend auf. Dass die Regie sie zwang, ihre Arie auf dem Rücken liegend zu beginnen, steckte sie souverän weg.

Pagliacci © Martin Sigmund

Neben ihr sah ihr Bühnengatte allerdings stimmlich reichlich blass aus. Matthew Vickers bewältigte die Herkulesaufgabe des Tenor-Doppels als Turiddu und Canio nur sehr bedingt. Bei Turiddu bot er solide Hausmannskost. Kein Frauenheld, kein heißblütiger Verführer. Vickers agierte wie ein biederer Gemeindemitarbeiter auf Abwegen. Saubere Töne, gewiss, aber schmal im Ansatz, ohne jeden italienischen Schmelz und mit mangelnder Konsonantenschärfe.

Cavalleria rusticana Beginn © Martin Sigmund

Sein Canio litt noch deutlicher unter den vokalen Begrenzungen. Die dramatischen Ausbrüche wirkten bemüht statt gefährlich. Das berühmte „Vesti la giubba“ verkam durch ein aufgesetztes Dauergelächter zur unfreiwilligen Posse. Kein Schauer, kein Mitleid, kaum Applaus. Dieser Canio wirkte wie der nette Nachbar von nebenan, der sich beim Gastwirt über das lauwarme Essen beschwert. Im Finale wirkte er lediglich wie bei einer versalzenen Suppe. Wiegand begeht in seiner Regie den entscheidenden Fehler, Canios Wirklichskeitsverlust zu verweigern. Keine verstörenden Reaktionen, kein Wahnsinn.

Auch Rafał Pawnuk blieb als Alfio und Tonio hinter den Möglichkeiten zurück. Sein Bariton klingt kompakt und sonor, doch stimmlich wie darstellerisch verharrte er in seltsamer Monotonie. Es verwundert einmal mehr, warum der Regisseur den Sänger sich selbst überlässt. Der viel geachtete Bürger Alfio wirkt reichlich privat und in seiner später bekundeten Blutrache wie jemand, der plötzlich schlecht gelaunt ist. Karsten Wiegand erwies ihm zudem im „Bajazzo“ einen „Bärendienst“, indem er ihn für den berühmten Prolog auf die äußere rechte Seite des Grabenrands verbannte. Pawnuk musste den Text in einen Spiegel auf die Seitenbühne hineinsingen, statt das Publikum direkt zu attackieren, wie es das Libretto vorsieht. Eine Regieentscheidung, die diese Schlüsselszene schlicht verschenkte und den Sänger um den Erfolg brachte. In den kleineren Partien gab es Erfreuliches zu berichten.

KS Katrin Gerstenberger verlieh der Mamma Lucia mit starker Tongebung spürbare Würde. Teresa Sales Rebordão gefiel als Lola mit warm getöntem Mezzosopran. Benjamin Russell gab einen darstellerisch engagierten, stimmlich sonoren Silvio. Rafael Helbig-Kostka glänzte als Beppe mit einer fein nuancierten Arlecchino-Kantilene.

Am Ende bleibt ein zwiespältiger Eindruck. Ein Abend, der mit viel Aufwand nichts erzählt. Ein Orchester, das glänzt, während die Regie im Dickicht der eigenen Einfälle versinkt. Das Staatstheater Darmstadt bietet dekoratives Illusionstheater für das Zeitalter der visuellen Reizüberflutung. Der Verismo aber verlangt nach Blut, Schweiß und Sehnsucht. Nicht nach Haarspray.

Dirk Schauß, 14. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Staatsorchester Darmstadt, Siobhan Stagg, Sopran, Daniel Cohen Staatstheater Darmstadt, 21. Juni 2026

Claude Debussy, Pélleas et Mélisande Staatstheater Darmstadt, 22. Februar 2026

Cavalleria rusticana / Pagliacci Münchner Opernfestspiele, Nationaltheater, 9. Juli 2025

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