Anna Laudere (Cinderellas Mutter), Edvin Revazov (Cinderellas Vater), Charlotte Larzelere (Cinderella), Callum Linnane (Ein Prinz), Futaba Ishizaki (Cinderellas Tante und spätere Stiefmutter) (Foto: RW)
Charlotte Larzelere war tänzerisch ganz in ihrem Element. Mit welcher Eleganz, straffer, aber dennoch biegsamer Haltung sie sich immer wieder in die Höhe heben ließ, anfangs von den ihrer Mutter zugeordneten Vogelgeistern sowie später bei ihrem Ball-Entree war fabelhaft in Szene gesetzt.
A Cinderella Story, Ballett von John Neumeier
Musik von Sergej Prokofjew
Choreographie und Inszenierung: John Neumeier
Bühnenbild und Kostüme: Jürgen Rose
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Musikalische Leitung: Simon Hewett
Hamburg Ballett, Hamburgische Staatsoper,
Wiederaufnahme, 13. September 2026
von Dr. Ralf Wegner
Das Programmheft zu John Neumeiers melancholischem Aschenputtelballett, er nennt es A Cinderella Story, hat keine Inhaltsangabe. Das Märchen kann ja als bekannt vorausgesetzt werden. Bei Neumeier ist Folgendes auf der Bühne zu sehen: Ein junger Mann beobachtet ein Mädchen am Grab ihrer Mutter und verliebt sich in sie. Ihm vom Vater zugeführte Heiratskandidatinnen lehnt er ab. Der Vater lädt zu einem Ball, damit sich sein Sohn, der ja eigentlich ein Prinz ist, unter den eingeladenen Damen eine Partnerin aussuchen kann.
Cinderella erhält auch eine Einladung, die ihr aber von der Stiefmutter entwendet wird. Statt ihrer geht die Dame mit ihren Töchtern und ihrem ihr untertänig dienenden Ehemann, Cinderellas Vater, zum Fest. Cinderella erhält von dem Geist ihrer Mutter die Festausstattung, und der Prinz verliebt sich bei ihrem Erscheinen in sie. Cinderella entschwindet; sie lässt, wie im Märchen, einen Schuh zurück. Der Prinz geht auf die Suche nach ihr, findet sie aber erst nach Jahren. Neumeier nennt diese letzte Szene treffenderweise „Erinnerung an Cinderella“. Cinderellas Vater stirbt.

So richtig konnte ich mich mit diesem Ballett nie anfreunden. Es gibt nur ein Pseudo-Happyend und auch Cinderella vermag es nur zeitweise, den Prinzen aus seiner Melancholie zu erlösen. Bereits bei der von mir zuletzt 2015 gesehenen Aufführung mit Hélène Bouchet und dem damals deutlich jüngeren Alexandr Trusch vermisste ich die Chemie zwischen beiden Protagonisten. Auch bei der Aufführung am Sonntag blieb die Beziehung zwischen Callum Linnane als Prinz und Charlotte Larzelere als Cinderella im Unklaren. Linnane tanzte alles richtig, mehr aber auch nicht.
Charlotte Larzelere war tänzerisch dagegen ganz in ihrem Element. Mit welcher Eleganz, straffer, aber dennoch biegsamer Haltung sie sich immer wieder in die Höhe heben ließ, anfangs von den ihrer Mutter zugeordneten Vogelgeistern (Gabriel Barbosa, Daniele Bonnelli, Moisés Romero, Emiliano Torres) sowie später bei ihrem Ball-Entree war fabelhaft in Szene gesetzt. Auch mit ihren Soli und in den Pas de deux mit Linnane zeigte die Tänzerin ihr superbes tänzerisches Können.
Es sind wohl zwei Gründe, warum das Ballett nicht den tiefen Eindruck hinterlässt wie bei anderen Werken Neumeiers. Zum einen führt er das Paar erst nach der Pause zusammen, deswegen macht sich im ersten Teil eine gewisse Langeweile breit. Neumeier versucht das mit Slapstick-artigen Einlagen der Minister des Königs, unter denen besonders Francesco Cortese tänzerisch-technisch hervorsticht, zu kaschieren. Beim Publikum kommt das an, bei mir eher nicht. Und zum anderen bleibt die Beziehung zwischen Prinz und Cinderella auch im tänzerisch prägenderen zweiten Teil auf eine Art unkörperlich, fast virtuell.

John Neumeier hat für dieses Ballett zahlreiche Frauenrollen geschaffen, die durchweg herausragend besetzt waren. Nicht nur von der königlich-ätherisch auftretenden Anna Laudere als Geistmutter Cinderellas oder von Futaba Ishizahki, die jetzt mit der Partie der Stiefmutter überzeugte. 2015 war sie, die ja, in Hamburg ausgebildet, später zum Ballett am Rhein ging, bereits mit einer Solopartie in diesem Ballett betraut gewesen. Schöne Leistungen zeigten auch Cinderellas Stiefschwestern Ana Torrequebrada und Olivia Betteridge.
Weiterhin konnte auch Charlotte Kragh ihr tänzerisch-technisches Können als fremde Prinzessin sowie Dame mit Hut zeigen und die auf der Hamburger Ballettbühne bereits als Julia in John Neumeiers Romeo und Julia umjubelte Azul Ardizzone zeigte zusammen mit José Abilio Neri ein taufrisch verliebtes junges Paar. Er erinnerte optisch an den 2015 in dieser Rolle mit Emilie Mazon aufgetretenen Jacopo Bellussi. Hätten doch auch die beiden Protagonisten diese Lebensfreude und hoffnungsvolle Liebe zueinander gezeigt. Aber offenbar hat John Neumeier das nicht gewollt. Letztlich bleibt Neumeiers Cinderella-Interpretation, vom Ende her gesehen, rätselhaft.
Das Publikum war wieder ganz begeistert und jubelte den Tänzerinnen und Tänzern sowie dem Dirigenten Simon Hewett zu. Blumensträuße flogen für Ana Torrequebrada, Olivia Betteridge, Callum Linnane und Charlotte Larzelere auf die Bühne.
Dr. Ralf Wegner, 14. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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