Der Tänzer Aleix Martínez hebt die Rolle des Vaslaw Nijinsky in neue Höhen

Nijinsky, Ballett von John Neumeier, Hamburger Ballett-Tage  Hamburgische Staatsoper,  24. Juni 2026

Artem Prokopchuk (Goldener Sklave), Xue Lin (Tamara Karsavina), Naomi Seiler (Viola), Aleix Martínez (Vaslaw Nijinsky), Nathan Brock (musikalische Leitung), Konradin Seitzer (Solo-Violine), Charlotte Larzelere (Romola Nijinska), Pepijn Gelderman (Serge Diaghilew), Futaba Ishizaki (Bronislava Nijinska), Francesco Cortese (Stanislaw Nijinsky), Hayley Page (Eleonora Bereda, die Mutter Nijinskys) (Foto: RW)

Wie sich Aleix Martínez mit Vaslaw Nijinsky innerlich identifiziert, wie er der Rolle neuen Spielraum erschließt, wie er geradezu in die Rolle hineinschlüpft und diese dehnt und presst, bis sie zu ihm passt und mit welcher physischen Gewalt er sich ihr unterwirft, zeugt von tänzerischen Intelligenz und unbedingtem Leistungswillen.

Nijinsky, Ballett von John Neumeier (Choreographie, Bühnenbild und Kostüme)

Musik: u.a. N. Rimskij-Korsakow (Scheherazade), D. Schostakowitsch (Sinfonie Nr. 11 g-moll)

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Leitung   Nathan Brock

Klavier:  Ondřej Rudčenko, Viola:  Naomi Seiler, Solo-Violine:  Konradin Seitzer

51. Hamburger Ballett-Tage, Hamburgische Staatsoper,  24. Juni 2026

von Dr. Ralf Wegner

Es gibt mehrere Arten von jubelndem Beifall, die bedingungslose Zustimmung zur gewollten Aussage des Stücks unabhängig von deren Qualität, die Liebe zu Sängerinnen oder Sänger, welche den Zenit ihrer Kunst bereits hinter sich ließen (wie bei Maria Callas anlässlich ihrer Abschiedstournee im Jahre 1973), die Akklamation einer herausragenden Leistung der Protagonisten und schließlich der sich allmählich steigernde Jubel aufgrund einer erlebten seelischen Erschütterung, oft mit einer kurzen Pause nach Fallen des Vorhangs verbunden, wie gestern bei der Nijinsky-Vorstellung während der Hamburger Ballett-Tage.

Nur die Pause fehlte. Es ist manchen Menschen offenbar nicht möglich, die Stille zur Sammlung nach einem solchen Ereignis zu ertragen.

Wie sich Aleix Martínez mit Vaslaw Nijinsky innerlich identifizierte, wie er der Rolle neuen Spielraum erschloss, wie er geradezu in die Rolle hineinschlüpfte und diese dehnte und presste, bis sie zu ihm passte und mit welcher physischen Gewalt er sich ihr unterwarf, zeugt von seiner tänzerischen Intelligenz und einem unbedingten Leistungswillen, wie wir letzteres auch beim vorgestrigen Auftritt der Kleinsten der Ballettschüler des Hamburg Balletts erleben durften.

Die Gäste im Suvretta-Haus: Francesca Harvey, Vladimir Kocic, Emilie Mazon, Matias Oberlin, Laura Cazzaniga, Arman Zazyan, Niurka Moredo (Foto: RW)

Das ist typisch für den Hamburger Ballettstil, die seelische Hingabe an die Partie, ohne die tänzerische Präzision zu vernachlässigen. Auch wenn Martínez’ Leistung über allem schwebte, galt dies Präzision auch für die anderen Beteiligten wie für die großartige, ebenfalls physisch an den Rand der Erschöpfung getriebene Darstellung von Francesco Cortese des dem Wahnsinn anheim gegebenen Stanislaw (kurz vor dem erschütternden Kriegsstakkato des um Tänzer der Ballettschule ergänzten Männerensembles), oder für die beeindruckenden Sprünge von Louis Musin als Geist der Rose, die darstellerisch und tänzerisch überzeugende Leistung von Artem Prokopchuk als Goldener Sklave sowie als Faun, dem sich Romola hingibt, und später Vaslaw heiratet.

Charlotte Larzelere hatte diese Partie ja bereits vor zwei Monaten getanzt, zusammen mit dem Australier Callum Linnane. Jetzt empfand ich ihre Darstellung noch intensiver, gelöster und völlig mit ihrem Partner Martínez verschmelzend. Der Pas de trois mit dem Faun alias Vaslaw war große tänzerische Kunst. Sie verfügt über etwas, was ich der Oper vergleichbar als Legato bezeichnen würde, die völlige Harmonie in den Übergängen der einzelnen Tanzschritte. Ihre ausgreifenden Armbewegung und ihre Hebungen des Spielbeins erscheinen immer als Ausdruck einer Empfindung und man merkt ihr an, dass sie dem Partner, der sie ja auffangen und ggf. halten muss, bedingungslos vertraut. Sie weiß, wie sie Männer wie Vaslaw um den Finger wickelt, mit scheuem Blick, aber immer das Ziel im Auge behaltend. Schließlich weist sie auch Diaghilew (Pepijn Gelderman) in seine Schranken und sorgt sich um Vaslaw, auch wenn sie ihm nicht treu sein kann.

Caspar Sasse (Harlekin), Greta Jörgens (Ballerina), Louis Musin (Geist der Rose), Javier Monreal (Petruschka), Ondřej Rudčenko (Klavier), Artem Prokopchuk (Goldener Sklave), Xue Lin (Tamara Karsavina) (Foto: RW)

Charlotte Larzelere drückt dieses innere Begehren und den Kampf um ihren Mann, den Kampf gegen dessen geistige Erkrankung mit tänzerischen Mitteln überzeugend aus. Und wie beide im Schlitte- Pas de deux um ihre Beziehung kämpfen, selbst wenn Gewalt nicht außen vor bleibt, berührt tief. Martínez’ gewaltiges Schluss-Solo gehört auch dazu. Es ist wie ein abschließendes Eingehen in den allgegenwärtigen Kosmos.

Auch die anderen Partien waren mit der balancensicheren Xue Lin als Tamara Karsavina, mit Futaba Ishizaki als Vaslaws Schwester Romola, mit Hayley Page als Vaslaws Mutter Eleonora Bereda, mit Emiliano Torres als Nijinskys Vater und in einer weiteren Rolle als Arzt und Geliebter Romolas, mit Javier Monreal als Petruschka sowie Illia Zakrevskyi als Leonid Massine sehr gut besetzt.

Im Vergleich mit der Wunderland-Premiere vor vier Tagen harmonierte hier die musikalische Seite (Leitung Nathan Brock) mit der tänzerischen Darstellung. Es ist geradezu so, dass man Schostakowitsch’ Sinfonie Nr. 11 g-moll nie mehr wird hören können, ohne John Neumeiers geniale Choreographie vor dem inneren Auge auferstehen zu lassen.

Konradin Seitzer, Nathan Brock, Charlotte Larzelere, Pepijn Gelderman, Futaba Ishizaki (Foto: RW)

Der Jubel des Publikums im ausverkauften Haus war groß, Blumenwürfe gab es für Pepijn Gelderman, für Charlotte Larzelere sowie für Aleix Martínez. Das war wohl für längere Zeit die letzte Aufführung dieses Ausnahme-Balletts. Zumindest erscheint es in der Saison 2026/27 nicht auf dem Programm.

Dr. Ralf Wegner, 25. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Nijinsky, Ballett von John Neumeier Hamburg Ballett, Hamburgische Staatsoper, 16. Mai 2026

50. Nijinsky-Gala, Teil I Hamburgische Staatsoper, 20. Juli 2025

50. Nijinsky-Gala, Teil II Hamburgische Staatsoper, 20. Juli 2025

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