Entdeckerfreude pur: „Bruckner 4 – The 3 Versions“: Jakub Hrůša und die Bamberger Symphoniker auf den Spuren der Werksgeschichte

CD Besprechung: „Bruckner 4 – The 3 Versions“, Bamberger Symphoniker, Jakub Hrůša, Dirigent klassik-begeistert.de

Persönliche Entdeckungen mit zahlreichen Überraschungsmomenten sind garantiert. Und die Bamberger Symphoniker sind ein idealer Klangkörper für dieses begeisternde Projekt. Diese CD-Box ist allen Musikliebhabern wärmstens zu empfehlen. 

CD Besprechung (4 CD-Box)

„Bruckner 4 – The 3 Versions“

Bamberger Symphoniker
Jakub Hrůša Dirigent

Label: Index, BR Klassik – accentus music

von Dr. Holger Voigt

Nur wenige Komponisten der sinfonischen Musikliteratur dürften derart häufig nach erfolgter Fertigstellung und Veröffentlichung des jeweiligen Werkes die Partitur erneut überarbeitet und dabei nicht nur punktuelle Retuschen, sondern durchaus größere Veränderungen vorgenommen haben, wie dieses Anton Bruckner getan hat. Der am 4. September 1824 im österreichischen Ansfelden geborene Komponist und Organist (an der Stiftskirche Sankt Florian in der Nähe von Linz) hat von nachträglichen Überarbeitungen reichlich Gebrauch gemacht. Über die zugrundeliegenden Motive ist nicht viel Sicheres bekannt. War es der eigene Qualitätsanspruch an das Werk, das der tiefgläubige Bruckner stets in Bezug zu Gott gesehen hatte? Oder war es eine kompositorische Replik auf die ausgesprochen feindliche Ablehnung seiner Werke durch seinerzeit etablierte künstlerische Zeitgenossen und Kritiker, die in ihrer Häme und Verachtung nicht gerade zurückhaltend mit dem Komponisten umgegangen sind?

Kompositorisch war das Schaffen Bruckners stets von seinem christlichen Glauben bestimmt, ohne dass dabei lediglich Kirchenmusik entstehen musste. Der Ausdruck „Theofonie“ kommt seinem Werkschaffen durchaus sehr nahe.Wie der heute 94 Jahre alte schwedische Dirigent Herbert Blomstedt kürzlich mit verschmitztem Lächeln anekdotisch erzählte, haben sowohl Anton Bruckner als auch der ihm nachfolgende Gustav Mahler (geboren am 7. Juli 1860) in ihrem sinfonischen Schaffen stets nach Gott gesucht, aber – so Blomstedt –  es habe nur einer von ihnen – Anton Bruckner – ihn auch tatsächlich gefunden.

Der mit dem Brucknerschen Oeuvre bestens vertraute Dirigent Günter Wand hatte einmal in einem Interview gesagt, „je länger er sich mit den Werken Anton Bruckners beschäftige habe, desto mehr sei ihm die Vorstellung vertraut geworden, im Brucknerschen Schaffen einen Gottesbeweis finden zu können“.

Wer also die Brucknersche Sinfonik nur blechlastig laut empfindet und mit ihr ansonsten nichts anzufangen weiss, dürfte genau diese, von den Dirigenten Blomstedt und Wand zitierte Bezugsetzung verfehlen, womit sich die musikalische Pracht dieser Musik gar nicht erschließen lässt. Dass aus dem sinfonischen Klanggebilde Zuversicht und Hoffnung entstehen, ist ein Grundelement christlichen Glaubens.

Ausdrucksteigerungen und Repetition musikalischer Motive als emphatische Verstärkung sind für den aufmerksamen Zuhörer unmittelbar emotional wahrnehmbar. Ein anderer Großmeister hat genau dieses bereits vorweggenommen: Ludwig van Beethoven lässt im Schlußsatz der Neunten den Chor „…und der Cherub steht vor Gott, vor Gott, vor Gott…“ dreimal singen (2 mal wiederholen), bevor eine ergreifend wirkende Generalpause die Bedeutung dieser Worte verdeutlicht: Nach „Gott“ gibt es keine weitere Steigerung mehr. Dabei war Beethoven zwar abgrundtief gottesgläubig, jedoch alles andere als ein Kleriker oder frommer Bibelchrist.

Dass sich bei Anton Bruckner die wiederholten und gesteigerten Motivsequenzen wuchtig entwickeln und oftmals überraschend subtil und geradezu behutsam wieder auflösen (z.B. Bruckners Siebte, 2. Satz, Schluss des „Adagio“), ist etwas, was der Brucknerschen Sinfonik seine besondere Bedeutung verleiht. Der Zuhörer muss also bereit sein, die kompositorische Anlage wahrnehmen zu wollen, um ihre emotionale Struktur erfahren zu können. Wenn das gelingt, sind alle Zuhörer wie im Mark erschüttert. Beim Abschlusskonzert des niederländischen Dirigenten Bernard Haitink im Amsterdamer Concertgebouw 2019 hatten die Zuhörer Tränen in den Augen – wegen der Schönheit der Brucknerschen Musik und dem Abschied vom Ehrendirigenten. Es kam hier alles zusammen.

Die vierte Sinfonie Anton Bruckners – die „Romantische“ – gehört zu den am häufigsten aufgeführten Werken des Komponisten. Sie ist tatsächlich „romantisch“ und erinnert ihrer Anlage und Durchführung nach an die „Alpensinfonie“ von Richard Strauss. Wer beim Hören die Augen schließt, dem entsteht der Eindruck einer fast schon tonmalerischen Bergwanderung. Wird am Schluß der Gipfel erreicht, endet der Schlußsatz in seiner Coda in einem überwältigenden Abschluß, der mir fast wie die musikalische Entsprechung des Schlußsatzes des Vaterunsers erscheint „Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, in Ewigkeit. Amen.“.

Die für mich faszinierendste Aufführung – sie ist allerdings schwer als Tondokument im Handel zu beziehen, da der Dirigent keine Studioaufnahmen zuließ – ist das Konzert im Großen Saal des Musikvereins in Wien am 5.und 6. Februar 1989 mit dem Münchner Philharmonischen Orchester (MPO) unter der Leitung von Sergiu Celibidache. Die gesamte Sinfonie und hierbei gewählte Coda wird sehr langsam vorgetragen, wobei die immer stärker in den Vordergrund sich drängenden Streicher wie ein Pulsschlag im kulminierenden Crescendo den gigantischen Abschluß einleiten, dessen Pracht und sphärische Weite alles überstrahlt, was einem Beschwernisse bereiten könnte – eine wahre christliche Vision in Musik gegossen.

Wer sich dieses einmal anhören möchte, sollte sich hierzu auf YouTube begeben:

Anton Bruckner: Sinfonie No. 4 Es-Dur (Haas 1881)
Coda (Edition Nowak 1877)
5./6. Februar 1989, Großer Saal, Musikverein Wien
Sergiu Celibidache, Münchner Philharmonisches Orchester

https://www.youtube.com/watch?v=-GllbV1aXwM

Von der vierten Sinfonie Bruckners gibt es insgesamt 3 Versionen, deren Unterschiede herauszuhören hochintersssant ist. Dieses war die Motivation des 1981 geborenen tschechischen Dirigenten Jakub Hrůša, der zusammen mit den Bamberger Symphonikern, deren Chefdirigent er ist, und der in einer vier CDs umfassenden CD-Box diesen direkten Vergleich ermöglichen wollte.

Herausgekommen ist eine beeindruckende Zusammenstellung dreier CDs, der auf einer vierten CD einzelne Motivanteile gesondert gegenübergestellt wurden. Das auditive Durchwandern der einzelnen Versionen, am besten unter Zuhilfenahme der Partituren, ist eine wahre Entdeckungsreise, da sich die herausgearbeiteten Anteile wie eine unerschöpfliche Fundgrube ausnehmen. Diese CD-Box ist eine wahre Pretiose für Musiker, Musikliebhaber und -wissenschaftler, die es lieben, ganz in die Werkstiefe zu gehen.

Persönliche Entdeckungen mit zahlreichen Überraschungsmomenten sind garantiert. Und die Bamberger Symphoniker sind ein idealer Klangkörper für dieses begeisternde Projekt. Diese CD-Box ist allen Musikliebhabern wärmstens zu empfehlen.

Dr. Holger Voigt,  15. Januar 2022,  für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

CD 1

Erste Version 1874
Revision 1875 – 1876
Edition Korstvedt 2021

CD 2

Zweite Version
1878 – 1880
Revision 1881
Edition Korstvedt 2019

CD 3

Dritte Version
Erstellt 1887
Revision 1888
Veröffentlicht 1889
Edition Korstvedt 2004

CD 4

Alternatives Finale zur zweiten Version (Volksfest)
Weitere Themenausschnitte

Exklusiv Interview: Oksana Lyniv, Generalmusikdirektorin im Teatro Comunale di Bologna klassik-begeistert.de

Zubin Mehta, Orchestra del Maggio Musicale Fiorentino, Anton Bruckner, Symphonie Nr. 9 d-moll Wiener Konzerthaus, 3. November 2021

CD- Rezension: Anton Bruckner, Symphonien 1-9, Berliner Philharmoniker

 

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