CD-Rezension – wo der Ostwind wehte: Schöne, strahlende Welt

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Peter Schreier
Grosses Rundfunkorchester Berlin
Robert Hanell
Berlin  Classics 0301746 BC

von Peter Sommeregger

Der Tenor Peter Schreier gehörte zu jenen Künstlern der DDR, die auch im Westen gefragt waren, und dort auch regelmäßig auftraten. Profitiert haben von dieser Zweigleisigkeit letztlich alle Beteiligten. Das Regime konnte sich sicher sein, dass ein Sänger, der eine Villa im Dresdner Nobelviertel Weisser Hirsch bewohnt, der DDR nicht den Rücken kehren würde.

Der Publikumsgeschmack war im Westen wie im Osten ähnlich, von einem populären Spitzensänger wollte man auch gerne neben klassischen Einspielungen Volkstümlicheres hören. Nachdem Schreiers Weihnachtslieder-LP zur erfolgreichsten Produktion der DDR-Geschichte avancierte, entstand diese, nun zum ersten Mal auf CD erscheinende Einspielung mehr oder minder bekannter Ohrwürmer.

Keine Frage, Peter Schreier, in den 1970er Jahren auf dem Höhepunkt seiner Karriere, veredelt jedes dieser Lieder mit seiner schon als Sängerknabe geschulten Stimme. Ob die Auswahl der Titel immer eine glückliche war, ist sicher Geschmacksache. Recht bunt gewürfelt geht es da quer durch alle Stile, Melodien, die bei Chopin, Grieg, Giordani  oder Tschaikowsky geborgt wurden, erklingen hier in ihrer trivialisierten Fassung. Da ist natürlich die Operette nicht weit, Kálmán, Künneke und Robert Stolz sind vertreten, ebenso die unverwüstliche Toselli-Serenade. Auffällig oft greift Schreier zum Falsett als Stilmittel, aber auch strahlende Spitzentöne gelingen ihm in großer Zahl.

Was Schreier nicht ganz gelingt, ist den Opernsänger, bzw. den Sänger klassischer Musik abzustreifen. Stellenweise fehlt ihm die unbekümmerte Leichtigkeit, die diese Musik transportieren soll, seine Fröhlichkeit wirkt aufgesetzt und ein wenig grimmig.

Amüsant findet man in der Rückschau, wie die Texte teilweise eine für Bürger der DDR unrealistische Perspektive eröffnen. „Komm in die Welt“, schon das erste Lied muss wie ein Hohn für die in ihrem Bewegungsradius doch sehr eingeschränkten Käufer des Albums geklungen haben. Einmal ist vom „Westwind“ die Rede, Granada und Wien werden musikalisch besucht. Da sollte wohl wenigstens akustisch eine Weltoffenheit simuliert werden, die es so nicht gab.

Der Erfolg der Eterna-LP veranlasste die Produzenten, eine ähnlich konzipierte Platte nachzuschieben, die unter dem Titel „O sole mio“ noch stärker auf Gassenhauer setzte. Fünf Nummern daraus finden auf der CD noch Platz. Das Cover-Foto zeigt Schreier vor dem Wiener Schloss Belvedere, das zu besuchen ein Privileg nur weniger seiner Landsleute war. Die italienisch gesungenen Titel klingen eher befremdlich, diese Sprache war Schreiers Stärke nicht.

Verdienstvoll ist diese Ausgrabung aber allemal, bei allen kleinen Einschränkungen ist sie doch Dokument einer großen Sängerpersönlichkeit. Peter Schreier, der 2019 verstarb, ist hier einmal auf ungewohntem Terrain zu erleben. Nicht nur für Fans eine interessante Facette von Schreiers Repertoire.

Peter Sommeregger, 11. April 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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