Beethovens Klavierkonzerte und ihre wunderbare Vermehrung

CD-Rezension:  Beethoven Piano Concertos 0-7, Michael Korstick  Klavier  klassik-begeistert.de

CD-Rezension:

Beethoven Piano Concertos 0-7

Michael Korstick  Klavier
Constantin Trinks  Dirigent
ORF Vienna Radio Symphony Orchestra

cpo 555 447-2

von Peter Sommeregger

Der Titel dieser bemerkenswerten Box macht neugierig: man war sich doch sicher, Beethoven hätte „nur“ fünf Klavierkonzerte geschrieben. In diesem Punkt gibt es allerdings ein gewichtiges „aber“, wie einem das hervorragend gestaltete, informative Booklet schnell klar macht.

Das in dieser Veröffentlichung mit der Nummer 7 belegte Werk ist eine, von Beethoven selbst erstellte Transkription seines einzigen Violinkonzertes. Es gibt verschiedene Theorien, was den Komponisten dazu veranlasste. Gelungen ist der Austausch des Soloinstruments durchaus, und doch vermisst man in manchen Passagen den „Gesang“ der Violine, vielleicht ist man aber auch nur durch lieb gewordene Hörgewohnheiten voreingenommen. Im direkten Vergleich kann sich die Klavierversion durchaus behaupten.

Problematischer ist es, die Skizze des gerade einmal 13-jährigen Beethovens, die hier mit der Null versehen ist, als Samenkorn für ein mögliches, aber nie realisiertes Solokonzert einzuschätzen. Überliefert ist der Notentext lediglich in einer Abschrift als Klavierauszug zu zwei Händen. Die Orchesterstimmen fehlen, und wurden erst durch den Schweizer Musikwissenschaftler Willy Hess  im 20. Jahrhundert rekonstruiert. Das dreisätzige Werk erlebte erst 1968 in London seine Uraufführung, für die vorliegende Aufnahme erstellte Hermann Dechant auf Wunsch von Michael Korstick eine Neuinstrumentierung, der Klavierpart blieb dabei aber unangetastet.

Konkret in Angriff genommen hatte Beethoven allerdings Pläne für ein weiteres Klavierkonzert, nach dem großen Erfolg des Es-Dur Konzertes, das als Fünftes bezeichnet wird. Um 1814/15 begann der Komponist mit der Konzeption, die im Original vorliegenden 256 Takte aus 70 Seiten Skizzen sind naturgemäß nur Fragment, völlig unklar ist, was Beethoven bewogen hat, dieses intensiv begonnene Projekt aufzugeben. Die hier eingespielte Fassung geht zwar auf die Arbeit des Briten Nicholas Cook zurück, aber auch in diesem Fall stammt die endgültige Ausarbeitung von Hermann Dechant, Michael Korstick hat dazu noch ein paar eigene Revisionen beigetragen.

Diese Fragmente, bzw. Transkriptionen kombiniert mit den fünf ursprünglichen Konzerten für eine Edition einzuspielen, ist eine höchst verdienstvolle Unternehmung. Der Pianist Michael Korstick, 1955 in Köln geboren, ist Träger zahlreicher Auszeichnungen und Preise, Furore machte seine komplette Einspielung aller 32 Klaviersonaten Beethovens für Tonträger. Auch in den Klavierkonzerten stellt er seine hohe Kompetenz in Sachen Beethoven unter Beweis. Korstick, der eine Professur an der Bruckner-Universität Linz innehat, ist international als Solist unterwegs und als solcher sehr erfolgreich. Sein Spiel vermittelt neben technischer Brillanz eine sehr vertiefte Sicht auf Beethovens Kompositionen. Wie alle großen Pianisten verfügt er über einen ganz eigenen, speziellen Ton, der stellenweise eine erstaunliche, erfrischende Leichtigkeit transportiert, für diese Einspielungen wurde ein Steinway-Flügel verwendet, was Korstick ihm entlockt, ist Virtuosität, gepaart mit tiefer Empfindung.

Einen adäquaten Partner am Pult hat der Pianist mit dem Dirigenten  Constantin Trinks, der das Orchester des ORF, Vienna Radio Symphonie Orchestra zu einer reifen, ausgewogenen Interpretation der Partitur führt. Nicht nur durch die noch nie gehörten Fragmente, auch durch die hohe Qualität der ursprünglichen fünf Konzerte ist diese Box trotz der unzähligen Konkurrenzaufnahmen eine deutliche Bereicherung der Beethoven-Diskographie. Man kann sie uneingeschränkt empfehlen!

Peter Sommeregger, 4. August 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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