Silvia Azzoni rettet Christopher Wheeldons Choreographie zum Ballett Winter’s Tale

Christopher Wheeldon: The Winter‘s Tale, Ballett nach Shakespeares Wintermärchen  Staatsoper Hamburg, 19. Juni 2022 PREMIERE

Was Silvia Azzoni aus der Figur der Hofdame im ersten und im dritten Akt herausholt, ist von tiefem Ausdruck und von tänzerischer Vollkommenheit. Azzonis noble Arm- und Handbewegungen, ihre eleganten Bein- und Fußhaltungen und ihre tänzerisch unter Spannung stehende, aber trotzdem biegsame Körperlinie ließ Ihre Auftritte zum Ereignis werden. Silvia Azzonis Leistung ist höchste Ballettkunst und höchstes Ballettglück zugleich.

Foto: Christopher Wheeldon (rechts) mit Alexandr Trusch, Madoka Sugai und Félix Paquet

Staatsoper Hamburg, 19. Juni 2022 PREMIERE
Hamburg Ballett

Christopher Wheeldon: The Winter’s Tale, Ballett nach Shakespeares Wintermärchen

 von Dr. Ralf Wegner (Text und Fotos)

Wheeldons Choreographie von Shakespeare’s Wintermärchen sahen wir bereits 2014 bei der Londoner Uraufführung. Jetzt ist die Erinnerung an die von mir damals als eindimensional empfundene Interpretation Wheeldons’ verblasst, während die schöne Bühnendekoration von Bob Crowley mit Hintergrundbildern nach Caspar David Friedrich sowie ein mächtiger, grün bemooster Baum vor blauem Hintergrund, der entfernt jenem der Seelen aus James Camerons Film Avatar ähnelt, im Gedächtnis haften blieben. Auch beeindruckte eine hyperrealistische Videoprojektion eines auf die Küste zusteuernden, sturmumtosten Schiffes zum Ende des ersten Aktes.

Das ist handwerklich gut gemacht und erinnert an den Aufwand, der in den Hamburger Musicalhäusern zwecks Unterhaltung des Publikums getrieben wird. Auch die untermalende eingängige Komposition von Joby Talbot könnte collagenhaft in Filmen zum Einsatz kommen. Eine zusätzliche inhaltliche Interpretation der zwischenmenschlichen Beziehungen vermochte ich aber nicht immer herauszuhören.

Alexandr Trusch (Florizel, Prinz von Böhmen), Madoka Sugai (Perdita, Prinzessin von Sizilien), Félix Paquet (Leontes, König von Sizilien), Ida Praetorius (Hermione, Königin von Sizilien), Jacopo Bellussi (Polixenes, König von Böhmen), Silvia Azzoni (Paulina, Erste Hofdame der Königin Hermione), Lloyd Riggins (Ein Schäfervater)

Worum geht es bei der Ballettfassung? Die Handlung spielt im höfischen und bäuerischen Milieu, Leontes wird als König von Sizilien, Polixenes als jener von Böhmen eingeführt. Beide kennen sich von kleinauf.

  1. Akt: Leontes bezichtet Polixenes grundlos des Ehebruchs mit seiner schwangeren Ehefrau Hermione. Hermione wird eingekerkert und stirbt. Ihr Neugeborenes, Perdita, wird ausgesetzt und von Bauern großgezogen.
  2. Akt: Jahre später: Perdita, die Verlorene, verliebt sich in Florizel, den Sohn von Polixenes. Beide fliehen vor Polixenes, der die Verbindung missbilligt, zu Leontes.
  3. Akt: Leontes erkennt in Perdita seine Tochter und stimmt der Heirat mit Florizel zu. Er versöhnt sich mit Polixenes und errichtet seiner verstorbenen Frau ein Denkmal, die als eine Art Avatar wieder zum Leben erweckt wird.
Aleix Martinez (Clown, Sohn des Schäfers), Yaiza Coll (Eine Schäferin)

Was soll man zur Choreographie sagen, es wird alles schön nacherzählt, die Beziehungen zwischen den Personen tänzerisch aber nicht genügend gedeutet. Weder ist die Freundschaft zwischen Leontes (Félix Paquet) und Polixenes (Jacopo Bellussi) um eine zweite oder gar dritte Dimension vertieft, noch jene zwischen Leontes und Hermione (Ida Praetorius); was hätte Neumeier allein aus dieser Dreiecksgeschichte herausgeholt. Auch dem mit Madoka Sugai als Perdita und Alexandr Trusch als Florizel hochkarätig besetztem jungen Paar nahm man die innere Entwicklung einer Liebesbeziehung nicht völlig ab. Da es sich bei beiden um ganz herausragende Tänzerpersönlichkeiten handelt (die in Nurejews Don Quixote oder in Neumeiers Sylvia ein beseeltes Liebespaar tanzten), ist dieses Manko am ehesten der Choreographie anzulasten.

Es gab allerdings eine Ausnahme von dem Gesagten, es war Silvia Azzoni mit der Nebenrolle der Hofdame Hermiones namens Paulina. Was Azzoni aus dieser Figur im ersten und im dritten Akt herausholte, war von tiefem Ausdruck und von tänzerischer Vollkommenheit. Azzonis noble Arm- und Handbewegungen, ihre eleganten Bein- und Fußhaltungen und ihre tänzerisch unter Spannung stehende, aber trotzdem biegsame Körperlinie ließ Ihre Auftritte zum Ereignis werden. Mit ihr erreicht das Stück Transversalspannung, während sich alles andere wie in einem Musical dem Handlungsverlauf, aber nicht der  Beziehungsvertiefung unterordnet.

Azzoni ist die gute Seele Hermiones, ihres versterbenden Sohnes und Leontes’ Stütze. Sie ähnelt einer Zauberfee, die Hermione am Ende wieder Leben einhaucht, wenn vermutlich auch nur in der Phantasie Leontes’. Silvia Azzonis Leistung ist höchste Ballettkunst und höchstes Ballettglück zugleich.

Der Mittelteil des Balletts besteht weitgehend aus Folkloretänzen, zu denen immer wieder Perdita und Florizel beitragen. Was fehlt, sind Sinnhaftigkeit und choreographische Dynamik im Handlungsablauf. Das gilt auch für Aleix Martinez und Yazia Coll. Sie tanzen, wie häufig auch Perdita und Florizel, mehr aus- als miteinander. Insgesamt wurde aber von allen Beteiligten herausragend getanzt.

Wegen des schönen Bühnenbildes, der angenehm illustrierenden musikalischen Begleitung (David Briskin) und der leicht verfolgbaren Handlung wird Wheeldons Ballett sicher sein Publikum finden. Eine emotionale Berührung, wie bei Neumeiers Choregraphien, bleibt aber aus. Man merkte das auch dem Schlussbeifall an, er war herzlich mit Jubel, vor allem auch für Silvia Azzoni, aber nicht sehr lang.

Dr. Ralf Wegner, 19. Juni 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Ein Gedanke zu „Christopher Wheeldon: The Winter‘s Tale, Ballett nach Shakespeares Wintermärchen
Staatsoper Hamburg, 19. Juni 2022 PREMIERE“

  1. Wie so vieles in der britischen Kultur/Musik: Das Ballett ist handwerklich gut, hübsch anzusehen, aber letztlich fast langweilig. Als Kenner britischer E-Musik möchte man sagen: „Typisch Englisch halt“. Tatsächlich wirkt vor allem im zweiten Akt alles wie im Musical, oder wie früher im Fernsehballett. Und dies, obwohl Sie zurecht die höchste Qualität der darbietenden Tänzer und Tänzerinnen beschreiben. Leider ist das Hamburger Ballett-Publikum viel zu unkritisch und wird es letztlich bejubeln! Auch wenn’s mal nicht Neumeier ist. Der hatte nur drei Tage zuvor mit seinen „Die Unsichtbaren“ bewiesen, was für ein großartiger Choreograph er doch sein kann und oft auch ist! Und zu Recht wurde diese Darbietung ja auch offiziell als „Eröffnung der Hamburger Balletttage“ bezeichnet. „The Winter’s Tale“ ist dagegen recht anspruchslose Unterhaltung mit guter Leistung von Tänzern und Musikern. Das war’s denn auch.

    Christian Fürst

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