Oihmè! Ein elephantischer Orfeo glänzt an der Staatsoper Unter den Linden

Claudio Monteverdi, L´Orfeo,  Staatsoper Unter den Linden, Berli

Foto: Sebastian Bolesch (c)
Staatsoper Unter den Linden
, Berlin,  17. November 2018
Claudio Monteverdi, L´Orfeo

von Maria Steinhilber

Von überall strömen sie herein. Als rufe schon jetzt der Lockruf: „Eilt herbei ihr fröhlichen Nymphen.“ Eisiger Wind treibt das Berliner Publikum in die wunderschöne Staatsoper Unter den Linden. An den Kassen wird knallhart abgewiesen: Diese Vorstellung ist ausverkauft. Während eine Dame sinniert, welches Opernhaus wohl das schönere sei (München vs. Berlin), steht die Bühne offen, einladend, hell und erdig und wartet nur darauf, betanzt und besungen zu werden.

L´Orfeo von Claudio Monteverdi (1567-1643) gilt als ein Meisterwerk europäischer Musikgeschichte und genießt dabei den Ruf, die erste Oper überhaupt zu sein. Monteverdis Librettist war niemand Geringeres als Alessandro Striggio, mit dessen Verse die „Favola in musica“ 1607 in Mantua zum Klingen gebracht wurde.

Zum ersten Mal in der Musikgeschichte wurde eine vollkommene Einheit von Drama und Musik erreicht. Der natürliche Fluss der Worte ist nie verzerrt, die Musik von blühender Vielfalt.

Die Einheitserschließung gelingt Sasha Waltz. Frei nach dem Motto und passend zur obrig regierenden Diskokugel: Jeder muss mal mit Jedem – verbinden sich Sänger, Tänzer und Musiker blitzschnell zu hübschen Grüppchen. Alles tummelt sich, natürlich immer graziös. Es gibt Momente, in welchen das hübsche Sprüchlein „less is more“ passend erscheint.

Herausstechend die Szene Orfeos „Possente spirito“, auf die Musikwissenschaftler viel Zeit verwendet haben. Georg Nigls Bariton: Ohimè ist der schön! Sein Klang: etwas Besonderes. Er zieht blank vor dieser Rolle und watet knietief in der bittersüßen musischen Welt des Maestro Monteverdi. Bei dieser Arie werden alle je vorhandenen Register der Gesangskunst gezogen. „Less is more“ passt hier nicht, denn schließlich muss Orfeo granatenhafte Überredungsarbeit leisten, um in die Unterwelt einwandern zu dürfen. „Less is more“ richtet sich an die Choreographie. Ein, zwei Tänzer weniger (oder vielleicht gar keine)  – und fast sphärisch wäre diese Szene verlaufen.

Ihm (Gott sei Dank) entsprechend ist seine Euridice, Anna Lucia Richter. Gemeinsam tänzeln sie, knabbern verliebt am Apfel, übergießen musikalisch alles mit ihrer weichen Eierlikörcreme. Ihr Sopran schallt anwesend durch das Haus.

Auch Charlotte Hellekants Darstellung der Messagiera ist nennenswert. Ihre Erscheinung ist bühnen-prädestiniert. Sie sticht heraus, egal, wo sie sich befindet. Ihre Stimme ist groß und angemessen; schön klingt ihr Vibrato. Oihmè: Das sorgt für Applaus!

Das Vocalconsort Berlin bringt einen schönen Klang hervor, der zeitweise nach gut besetzter CD-Einspielung klingt. Auch wenn einzelne Stimmen im Solo fragwürdig erscheinen, heißt es: Chorisches Singen, Check!

„Das sieht ja aus wie ein Kunstgemälde“, gesteht die Dame, die vor Vorstellungsbeginn für die Schönheit der Bayerischen Staatsoper plädierte. Wahrlich, die Bühne (Alexander Schwarz) und die Kostüme (Beate Bormann) sind wunderschön. Modern, fein, farbenfroh, besonders. Ein anregender Anblick. Dazu bewegt sich alles barfuß auf der Bühne: SO geht Theater!

Sasha Waltz schafft eine Einheit. Ihre Zusammenarbeit mit Georg Nigl ist verständlich; Ihre Tänzer sind sphärisch, Ihr Konzept ist hübsch, manchmal zu viel, dennoch hübsch!

An der musikalischen Leitung (Leonardo García Alarcón) gibt es nichts auszusetzten. Für besonders schöne Momente sorgt das Abschlussduett Orfeos und Apollos. Singend steigt sie zum Himmel empor. Oihmè, es war wahrlich ein elephantischer Abend in der Staatsoper Unter den Linden!

Maria Steinhilber, 19. November 2018, für
klassik-begeistert.de

MUSIKALISCHE LEITUNG Leonardo García Alarcón
INSZENIERUNG, CHOREOGRAPHIE Sasha Waltz
BÜHNENBILD Alexander Schwarz
KOSTÜME Beate Borrmann

LICHT Martin Hauk

VIDEO Tapio Snellman

ORFEO Georg Nigl

EURIDICE, LA MUSICA Anna Lucia Richter

MESSAGGIERA, LA SPERANZA Charlotte Hellekant

CARONTE Grigory Shkarupa

PLUTONE Konstantin Wolff

PROSERPINA Luciana Mancini

APOLLO, ECO, PASTORE 4 Julián Millán

NINFA, PASTORE 1 Cécile Kempenaers

PASTORE 2, SPIRITO Terry Wey

PASTORE 3, SPIRITO Fabio Trümpy

PASTORE 5, SPIRITO Hans Wijers

SPIRITO Florian Feth

TÄNZER DER COMPAGNIE SASHA WALTZ& GUESTS

VOCALCONSORT BERLIN

FREIBURGER BAROCKCONSORT

 

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