Daniels Anti-Klassiker 31: Erik Satie – 3 Gymnopédies (1888-1895)

Daniels Anti-Klassiker 31: Erik Satie – 3 Gymnopédies (1888-1895)

Höchste Zeit, sich als Musikliebhaber neu mit der eigenen CD-Sammlung und der Streaming-Playlist auseinanderzusetzen. Dabei begegnen einem nicht nur neue oder alte Lieblinge. Einige der „Klassiker“ kriegt man so oft zu hören, dass sie zu nerven beginnen. Andere haben völlig zu Unrecht den Ruf eines „Meisterwerks“. Es sind natürlich nicht minderwertige Werke, von denen man so übersättigt wird. Diese sarkastische und schonungslos ehrliche Anti-Serie ist jenen Werken gewidmet, die aus Sicht unseres Autors zu viel Beachtung erhalten.

von Daniel Janz

Einfachheit und Eingängigkeit sind zwei der wesentlichen Prinzipien, die Musik idealerweise erfüllt, um in Erinnerung zu bleiben. Doch wie bei einem guten Küchengericht kommt es auch bei Musik auf die ausgewogene Balance aller Zutaten an. Nun wenden wir uns einmal der Vorstellung zu, Einfachheit und Eingängigkeit würden als die beiden einzigen Prinzipien überdauern, Virtuosität, Instrumentation und Inhalt würden über Bord geworfen und anstatt eines dramaturgischen Verlaufs soll die Musik in den Hintergrund gerückt werden. So, als wolle man eine Suppe anrichten, die nur aus Wasser und Salz besteht. Was käme dabei wohl heraus? Um diese Frage zu beantworten, bietet sich ein Blick auf die Gymnopédies von Erik Satie an.

Erik Satie galt lange Zeit als musikalischer Außenseiter, als Rebell und als Kritiker der Konzerttradition. Im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen verabscheute es der 1866 in Honfleur (Calvados) geborene Autodidakt, seine Zuhörer in Anspruch zu nehmen. Konsequenterweise verweigerte er es auch, sich selbst als „Musiker“ zu bezeichnen. Als Begründer der so genannten „musique d’ameublement“ – französisch für „Möbelmusik“ – gilt er deshalb vielen heutzutage modernen Strömungen als Inspiration und Einfluss. Dabei war sein Hauptanliegen, eine Hintergrundmusik zu schaffen, die sich dezent und unauffällig über den Raum legt. Ein Unterfangen, das lange Zeit entsetzlich erfolglos blieb – erst 1911 wurde er bekannt, als der ihm ideologisch nahestehende Maurice Ravel einige seiner Werke aufführte.

In dem von Satie begründeten Ideal liegt auch der Grund, warum nahezu jedes seiner Stücke in dieser Kolumne auftauchen könnte. Denn beim Betrachten seines gesamten kompositorischen Schaffens fallen eine Reihe von unaufdringlichen und abwechslungsarmen – man könnte auch sagen einfallslosen – Kompositionen auf. Ganz dem Ideal der „Möbelmusik“ legen diese sich über den Raum, drängen in den Hintergrund und bilden damit eine Untermalung, die nur als komplette Stille unauffälliger wäre.

Bei dieser Herangehensweise ist es verwunderlich, dass seine Musik heutzutage dennoch viele Menschen kennen dürften, obwohl sich die meisten wahrscheinlich nicht einmal an den Namen des Komponisten erinnern. Beispiele, wie Werbespots für Versicherungen oder Bier dürften neben den zahlreichen Fernsehreferenzen, die es zu Saties Musik gibt, sicherlich einem großen Publikum bekannt sein. Alleine in Bezug zum Film kennt die Internet Movie Database bisher 64 Referenzen direkt zu Satie – Tendenz seit der Jahrtausendwende schnell steigend.

Den höchsten Anspruch, den diese Musik an ihre Hörer stellt, sind zuweilen die Namen einzelner Werke, wie „Unappetitlicher Choral“, „Schlaffes Präludium für einen Hund“ oder „Bürokratische Sonatine“. Bezeichnungen, die wie Saties Spielanweisungen nicht allzu ernst genommen werden sollten, da sie in einem gewissen Kontrast zum Anspruch der Musik selber stehen. Exemplarisch für dieses doch eher simple Niveau dürfte Saties bekannteste Komposition „Trois Gymnopédies“ und davon die Gymnopédie Nummer 1 sein. An ihr zeigt sich, was man auch über Saties meiste andere Werke sagen kann: Es ist einfache, repetitive, ruhige und in sich gekehrte Musik.

An diesem Ausdruck zeigt sich aber auch ein eklatantes Problem. Denn was sich beschönigend in Begriffe wie „eingängig“ und „simpel“ kleiden lässt, ließe sich genauso gut durch die Worte „langweilig“, „banal“ und „reizlos“ beschreiben. Bereits der Blick in die Partitur ernüchtert: So darf bei der Klavierversion der ersten Gymnopédie die linke Hand über weite Strecken nicht mehr, als nur ein- und denselben Quartfall spielen. Tonartenwechsel? Fehlanzeige. Variation? Sucht man vergeblich. Einfacher geht es nur, wenn man die Begleitung gleich ganz weg lässt.

Jetzt ließe sich natürlich der beruhigende und unaufdringliche Charakter herausstellen. Schließlich leben wir in einer multimedialen Welt, in der jeder Fahrstuhl, jede Autofahrt, ja gefühlt sogar jeder Toilettengang musikalisch untermalt sein muss. Für solche profanen Aktionen bietet sich diese Art Musik an. Und durch ihre Einfachheit ist es auch kein Wunder, dass die Gymnopédies als Einsteigerstück hoch im Kurs stehen. Selbst im Konzertsaal erklingen sie bestenfalls als Zugabe, um das Publikum nach einer aufbrausenden Nummer wieder runterzuholen. Mehr als einlullen können sie nicht. Ein Eindruck, der dadurch untermauert wird, dass man die erste Gymnopédie auf YouTube als Dauerschleife zum Einschlafen findet:

Es muss aber gefragt werden: Ist das noch Gebrauchsmusik oder bereits generische Aneinanderreihung von Tönen, wie es heutzutage genauso gut eine Maschine beliebig wiederholen könnte? Fakt ist, diese Musik ist so aussagelos, dass sie von Trauer über Melancholie, schwelende Wut zu Gelassenheit bis Freude oder Genugtuung alles darstellen könnte. Damit ist sie aber der Willkür ihrer Interpreten überlassen – sie ist dermaßen beliebig, dass man ihr alles und nichts zuschreiben könnte. Der Verlust der Möglichkeit, einen nachvollziehbaren emotionalen Ausdruck zu vermitteln, stellt gleichzeitig aber auch den Verlust der für Musik stärksten Qualität dar.

Wenn man Musik ihres Ausdrucks beraubt, wenn man ihr Dramaturgie und Abwechslung nimmt, sie weichspült und einkocht, verliert sie irgendwann ihren Reiz. Wie die eingangs zitierte Suppe, die nur aus Wasser und Salz besteht, mag man solcher Musik keine weitere Aufmerksamkeit spenden, geschweige denn sie ernst nehmen oder genießen. Was übrig bleibt, ist ein Konsum aus Mangel an Alternativen. Aber – und auch das ist eine Folge unserer modernen Welt – zum Glück haben wir Alternativen! Bessere sogar.

Die Gymnopédies gehören daher zu jenen Kompositionen, die das Prädikat „langweilig“ mehr als nur verdient haben. Eine kleine Fingerübung für zwei Hände, eine Bagatelle, ja sogar eine Banalität – so könnte man sie eigentlich zusammenfassen und würde ihnen noch schmeicheln. Denn heruntergebrochen auf ihre Wirkung sind sie nichts anderes als musikalisch ausgedrückte Beliebigkeit. Aber als Musik – insbesondere im Sinne von Ausdruck der Empfindungen – ist so etwas doch reichlich überschätzt.

Daniel Janz, 1. Oktober 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Daniel Janz, Jahrgang 1987, Autor, Musikkritiker und Komponist, studiert Musikwissenschaft im Master. Klassische Musik war schon früh wichtig für den Sohn eines Berliner Organisten und einer niederländischen Pianistin. Trotz Klavierunterricht inklusive Eigenkompositionen entschied er sich gegen eine Musikerkarriere und begann ein Studium der Nanotechnologie, später Chemie, bis es ihn schließlich zur Musikwissenschaft zog. Begleitet von privatem Kompositionsunterricht schrieb er 2020 seinen Bachelor über Heldenfiguren bei Richard Strauss. Seitdem forscht er zum Thema Musik und Emotionen und setzt sich als Studienganggutachter aktiv für Lehrangebot und -qualität ein. Seine erste Musikkritik verfasste er 2017 für Klassik-begeistert. Mit Fokus auf Köln kann er inzwischen auch auf musikjournalistische Arbeit in Österreich, Russland und den Niederlanden sowie Studienarbeiten und Orchesteraufenthalte in Belgien zurückblicken. Seinen Vorbildern Strauss und Mahler folgend fragt er am liebsten, wann Musik ihre angestrebte Wirkung und einen klaren Ausdruck erzielt.

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