Daniels vergessene Klassiker Nr. 4: John Knowles Paine – Sinfonie Nr. 1 (1875)

Daniels vergessene Klassiker Nr 4: John Knowles Paine – Sinfonie Nr. 1 (1875)

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Kritisieren kann jeder! Aber die Gretchenfrage ist immer die nach Verbesserung. In seiner Anti-Klassiker-Serie hat Daniel Janz bereits 50 Negativ-Beispiele genannt und Klassiker auseinandergenommen, die in aller Munde sind. Doch außer diesen Werken gibt es auch jene, die kaum gespielt werden. Werke, die einst für Aufsehen sorgten und heute unterrepräsentiert oder sogar vergessen sind. Meistens von Komponisten, die Zeit ihres Lebens im Schatten anderer standen. Freuen Sie sich auf Orchesterstücke, die trotz herausragender Eigenschaften zu wenig Beachtung finden.


von Daniel Janz

Ah ja, die reichhaltige und berühmte amerikanische Orchestertradition. Da finden sich Perlen und große Namen, die bis heute unser kulturelles Leben prägen. Einer jener Großen ist sicherlich jedermann ein Begriff – oder sollte es zumindest, wenn man bedenkt, welchen Einfluss er nicht nur auf die amerikanische Musikkultur sondern auch auf heutige Komponisten hatte. Aber Hand aufs Herz: Wer hat schon einmal den Namen John Knowles Paine in einem deutschen Konzertsaal gehört? Sie auch nicht?

Zeit, sich einmal ein wenig mit ihm zu beschäftigen.

John Knowles Paine gilt nicht nur als derjenige, der im 19. Jahrhundert die Musik von Johann Sebastian Bach in Amerika bekannt machte. Er ist auch der erste amerikanische Komponist, der international mit seinen Orchesterkompositionen Aufmerksamkeit erregte. Ihm wird dadurch sogar die Begründung der amerikanischen Orchestertradition zugesprochen. Und auch die Musik des 1839 in Portland, Maine geborenen Komponisten setzt bis heute Maßstäbe, befindet sie sich doch auf einem Level mit Schumann oder dem frühen Brahms.

Dennoch ist Knowles Paine, der bis zu seinem Tod 1906 rege komponierte, hier ein fast unbeschriebenes Blatt. Das verwundert, wenn man sich mit seinen Kompositionen beschäftigt. Bereits seine erste Sinfonie kann auf ganzer Linie überzeugen, ist sie doch ein Werk voller Drama und Sturm.

Sie bezaubert bereits durch die harmonisch hervorragende Arbeit im ersten Satz, die durch viel Abwechslung führt und jedem Gefühl von Langeweile vorbeugt. Dazu ein stark stampfender Triolenrhythmus, der mehr als nur einmal die Assoziation zu Beethovens fünfter Sinfonie weckt. Als einziger Makel ließe sich hier wohl nennen, dass dieser Abwechslungsreichtum keine eindeutige Identifikation der Themen zulässt, da Knowles Paine bewusst Wiederholungen vorbeugt. Das erschwert den Übergang des musikalischen Verlaufs in die Erinnerung. Mozart oder Beethoven sind hier tatsächlich eingängiger. Dafür aber bietet Knowles Paine eine klangliche Abwechslung, die selbst heute noch verzücken kann.

Den zweiten Satz ließe sich als „folgerichtig“ bezeichnen. Wo der erste Satz in einem klaren c-moll endet, steigt Knowles Paine hier mit beschwingtem Tanzrhythmus in C-Dur ein und baut obendrein auch noch auf der ursprünglichen Motivik auf. Die sich daraus entwickelnde Dramaturgie erscheint im Gehör geradezu natürlich. Spannend auch hier seine zelebrierten Harmoniewechsel: Über die Subdominantparallele führt er zur Tonikaparallele, den anschließenden Dominantseptakkord und die Dominante – ein klassisches Schema, das beim Hören einen ständigen Fluss erzeugt. Getrieben durch das Tanzmotiv dieses Satzes versprüht die Musik eine erfrischende Vitalität, ohne in übertriebenes Pathos abzudriften.

Auch hier werden die Assoziationen besonders zu Schumann und Brahms glasklar. Einerseits bewirkt dies der Fokus auf die lebendigen und beschwingten Streicher, andererseits auch die fanfarenartigen Einsatz der Bläser. Doch dass diese auch solistisch glänzen dürften beweist, dass Knowles Paine auf der Höhe seiner Zeit war. Aus moderner Perspektive fehlen nur die Harfe und das Schlagzeug, das hier auf Pauken reduziert ist.

Im dritten Satz breitet sich die c-moll-Dominante As als Grundtonart aus und taucht diesen ohnehin sanft gehaltenen Satz in ein zartes Schmachten der Streicher. Die dürfen ihr Hauptmotiv stets mit anderen Instrumenten teilen und es so in unterschiedliche Farben kleiden, was auch eine Dauer von über 10 Minuten rechtfertigt. Schöner konnte das auch Mahler nicht in seiner vierten Sinfonie, deren dritter Satz – trotz abweichender Haupttonart – vom Klangcharakter stellenweise ähnlich ist, wie dieses Adagio.

Gegen Mitte wechselt Knowles Paine jedoch in ein Tremolo der Streicher und kehrt so zu der Spannung zurück, die schon seine ersten beiden Sätze angetrieben hat. Es passt, dass ab dieser Stelle auch wieder vermehrt Bläsereinwürfe das Geschehen bereichern. Das so entstehende Wechselspiel zwischen vor sich hin träumenden Streicherserenaden, einfühlsamen Soli und aufbrausenden Tutti weiß so in einem Fluss mitzureißen.

Das Finale ist wieder eines ganz nach Schubert’scher Natur. Auch Knowles Paine lässt hier sein romantisch besetztes Orchester drauf losbrausen und in bewegten Rhythmen auf einen einschlagenden Schlussakkord hinsteuern. Man kennt dieses Ideal von Zeitgenossen, insofern ist es nicht überraschend, dass Knowles Paine es auch bedient. Gleichzeitig gehört viel Können dazu, ein solches Finale inhaltlich und auch musikalisch nachvollziehbar aufzubauen. Und das gelingt ihm tadellos.

Dass seine Musik bei uns heutzutage vergessen ist, während Brahms, Schumann und Konsorten weiterhin in unseren Konzerthäusern rauf und runter gespielt werden, erscheint ungerechtfertigt. Knowles Paines erste Sinfonie steht diesen beiden (und vielen anderen) Komponisten in nichts nach und hätte es genauso verdient, bei uns oft rezipiert zu werden.

Schlimmer noch – dass er hier nahezu unbeachtet ist, lässt ein Geschmäckle vermuten, dass Komponisten, die nicht aus Deutschland kommen, hier auch automatisch eine geringere oder sogar gar keine Aufmerksamkeit erfahren. Besonders im Vergleich zu den „großen Deutschen Klassikern“. Hat unsere Kultur es wirklich nötig, auf Basis solcher Missachtung zu existieren, die allzu schnell auch in Diskriminierungsvorwürfe ausarten könnte?

Klanglich und stilistisch sind die Parallelen zwischen Brahms, Schumann und Knowles Paine jedenfalls offensichtlich und ungeübte Hörer werden womöglich nicht einmal einen Unterschied feststellen. Ja, man kann ihm vorhalten, dass seine Musik Kind ihrer Zeit ist und reduzierte Mittel zu dem bietet, was wir inzwischen im Orchesterbetrieb durch moderne Instrumente, Intonationsweisen oder die Filmmusik kennen. Wer diesen Vorwurf macht, muss aber feststellen: Dasselbe gilt auch für Bach, Mozart, Beethoven, Mendelssohn-Bartholdy, Schubert, Brahms, Schumann und alle anderen.

Wer also zu den Liebhabern dieser „großen kanonisierten, deutschen Komponisten“ und der Romantik zählt, sollte auch Knowles Paine unbedingt eine Chance geben. Ich empfehle dessen erste Sinfonie als Einstieg wärmstens und möchte darüber auch einmal eine Lanze für Komponisten anderer Nationalität brechen, die in Deutschland weitestgehend ausgeklammert werden. Denn genau das bedeutet ein lebendiger Kulturbetrieb: Der Blick über den Tellerrand.

Daniel Janz, 11. September 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Daniels vergessene Klassiker (c) erscheint 14-tägig bei klassik-begeistert

Daniel Janz, Jahrgang 1987, Autor, Musikkritiker und Komponist, studiert Musikwissenschaft im Master. Klassische Musik war schon früh wichtig für den Sohn eines Berliner Organisten und einer niederländischen Pianistin. Trotz Klavierunterricht inklusive Eigenkompositionen entschied er sich gegen eine Musikerkarriere und begann ein Studium der Nanotechnologie, später Chemie, bis es ihn schließlich zur Musikwissenschaft zog. Begleitet von privatem Kompositionsunterricht schrieb er 2020 seinen Bachelor über Heldenfiguren bei Richard Strauss. Seitdem forscht er zum Thema Musik und Emotionen und setzt sich als Studienganggutachter aktiv für Lehrangebot und -qualität ein. Seine erste Musikkritik verfasste er 2017 für Klassik-begeistert. Mit Fokus auf Köln kann er inzwischen auch auf musikjournalistische Arbeit in Österreich, Russland und den Niederlanden sowie Studienarbeiten und Orchesteraufenthalte in Belgien zurückblicken. Seinen Vorbildern Strauss und Mahler folgend fragt er am liebsten, wann Musik ihre angestrebte Wirkung und einen klaren Ausdruck erzielt.

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