Fotos: Copyright by Anneliese Schürer
Staatstheater Mainz, 5. September 2026
Dmitri Schostakowitsch,
Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 1 Es-Dur op. 107
Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 5 cis-Moll
Violoncello: Alexey Stadler
Dirigent: Gabriel Venzago
Philharmonisches Staatsorchester Mainz
von Dirk Schauß
Eine Spielzeiteröffnung im September hat immer etwas von einem Klassentreffen nach langen Sommerferien. In Mainz gibt es vor dem ersten Ton erst einmal die üblichen Freundlichkeiten: Generalmusikdirektor Gabriel Venzago plaudert ein wenig launig ins Publikum hinein, eine geschätzte Bratschistin wird mit den besten Wünschen in den Ruhestand verabschiedet, und der Solist des Abends greift vorab zum Mikrofon. Man mag diese volksnahen Einführungen von der Bühnenkante aus betrachten, wie man will – sie nehmen dem Ritual des Konzertbetriebs ein wenig von seiner steifen Würde, schaden aber manchmal auch der fallenden Pracht des ersten Akkords.
Denn was Alexey Stadler anschließend auf seinem Instrument von David Tecchler aus dem Jahr 1715 veranstaltet, braucht eigentlich keine verbalen Beipackzettel. Dmitri Schostakowitschs erstes Cellokonzert op. 107 aus dem Jahr 1959 ist kein Stück für den gepflegten Kaffeeklatsch, sondern das Protokoll einer seelischen Beschädigung, die auch durch das politische Tauwetter nach Stalins Ableben nicht einfach weggeblasen wurde. Stadler verweigert sich von den ersten Takten an konsequent jedem Hang zur virtuosen Selbstdarstellung. Sein Ton auf der historischen Italienerin besitzt eine faszinierende Sprödigkeit, die in ihrer Schärfe körperlich schmerzt.
Der Eröffnungssatz wirkt unter seinen Händen wie die Flucht eines Gejagten durch ein dichtes Gestrüpp aus Drohungen und Stolpersteinen – kein Schöngesang weit und breit, sondern ein ächzendes, doppelbödiges Marschieren, bei dem die Rhythmen ständig aus der Kurve tragen. Die eigentliche Offenbarung folgt jedoch im Moderato. Wenn sich die Streicher in schwindelerregende Höhen hinaufschrauben und Stadler in ein wie aus der Ferne leuchtendes Zwiegespräch mit dem Solohorn tritt, stellt sich für Momente eine berückende Ruhe ein, eine schmerzhafte Sehnsucht nach Frieden, die an die späten sinfonischen Gesänge eines Antonín Dvořák erinnert.
Die riesige Solo-Kadenz des dritten Satzes gerät bei Stadler nicht zur artistischen Zirkusnummer, sondern zum gnadenlosen Abstieg in die eigenen Abgründe. Er gräbt sich förmlich in das Holz, zieht die Bögen mit einer Intensität über die Saiten, die keinen Raum für eitle Effekte lässt. Das ist musizierte Existenzangst, nackt und ungeschminkt. Dass das Orchester unter Venzago diesen sarkastischen, abgründigen Grundton mit erstaunlicher Schärfe mitgeht, sich die Holzbläser vorlaut und farbenreich ins Geschehen einmischen und der Klangkörper ein sonores Fundament legt, macht diesen Auftakt zu einem Ereignis von Gewicht. Nach dem langen Beifall besänftigt Stadler die erregten Gemüter mit einer kleinen, klug gewählten Cello-Zugabe – wie so oft unangekündigt.

Nach der Pause folgt Mahlers fünfte Sinfonie, jener kolossale Fünfsätzer, an dem sich schon ganz andere Klangkörper abgearbeitet haben. Venzago nimmt den Spielzeitauftakt „Giganten“ beim Wort und entscheidet sich für eine Lesart, die man als monumentale Großtat bezeichnen darf. Knapp achtzig Minuten Spielzeit sprechen eine deutliche Sprache. Hier wird nichts überhastet, kein Thema im Schnelldurchlauf abserviert. Bereits das einleitende Signal der Solo-Trompete klingt wie eine unerbittliche Warnung vor dem, was da kommen mag. Der Trauermarsch bewegt sich mit einer Zentnerschwere voran, als gelte es, einen tonnenschweren Sarkophag einen steilen Hang hinaufzuschieben. Man hat diesen Satz selten so zelebriert, so konsequent auf seine rhythmische Schwerfälligkeit hin befragt gehört wie an diesem Abend. Das Philharmonische Staatsorchester Mainz folgt seinem Dirigenten auf diesem steinigen Pfad mit bewundernswerter Disziplin und erstaunlichem Ausdauervermögen.
Im zweiten Satz lässt Venzago die Zügel dann scharf anziehen, peitscht die Eruptionen nach vorne, um am Satzende bei der Choral-Apotheose eine verblüffende Vollbremsung einzulegen. Das Orchester bremst das Tempo derart stark herunter, dass die majestätischen Akkorde wie in Zeitlupe durch den Raum zu schweben scheinen. Das ist kühn, das ist extrem riskant – und funktioniert deshalb so hervorragend, weil die Probenarbeit offensichtlich bis in die kleinsten Verästelungen gestimmt hat. Im Scherzo darf die Bläserfraktion glänzen. Die Horngruppe strahlt um die Wette, angeführt von einem makellos intonierenden Solo-Hornisten, der diesen tanzenden Sternen, von denen Mahler einst sprach, eine gehörige Portion Erdenhaftigkeit verleiht. Denn bei aller Pracht bleibt unter Venzagos Stabführung stets spürbar, dass dieser Wiener Walzer auf einem reichlich brüchigen Boden getanzt wird.

Wer nun befürchtet hatte, das berühmte Adagietto würde in den Händen des jungen Generalmusikdirektors zu einer klebrigen, sentimentalen Visconti-Filmmusik verkommen, sah sich erfreulicherweise gründlich getäuscht. Venzago wählt ein fließendes, lichtes Tempo. Hier wird nicht lamentiert, sondern gewoben. Die Streicher hören mit großer Wachsamkeit aufeinander, schichten die edlen Klangfarben behutsam übereinander, während die Harfe dezente, scheue Akzente setzt. Das ist von einer wunderbaren, unaufdringlichen Keuschheit, die diesem viel missbrauchten Satz seine ursprüngliche Würde zurückgibt. Im Finale schließlich bricht sich die aufgestaute Energie Bahn. Das Orchester bündelt sämtliche Reserven zu einem vielschichtigen, rauschhaften Kehraus, in dem die kontrapunktischen Fäden der Partitur meisterhaft zusammenlaufen.
Am Ende bleibt ein Saal voller Enthusiasmus und die ruhige Gewissheit, dass Mainz mit einem prächtig disponierten Klangkörper in die neue Saison startet. Wenn dieses erste Konzert den Maßstab setzt, darf man den kommenden Aufgaben mit Gelassenheit entgegenblicken. Venzago hat gezeigt, dass er die großen Architekturen beherrscht und sein Orchester zu Höchstleistungen anzutreiben versteht, ohne dabei die Zwischentöne zu opfern. Ein gelungener Auftakt.
Dirk Schauß, 6. September 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at