Elina Garanca strahlt und brilliert vor barocker Kulisse in Göttweig

Elina Garanca and Friends, Klassik unter Sternen,  Stift Göttweig

Foto: René Langer
Klassik unter Sternen, Stift Göttweig
, 4. Juli 2018
Elina Garanca and Friends

Von Charles E. Ritterband

In Abwandlung dieses nun schon zum elften Mal vor der Fassade des niederösterreichischen Benediktinerstifts Göttweig abgehaltenen Festival-Abends „Klassik unter Sternen“ möchte man formulieren: Ein Superstar unter Sternen. Denn Elina Garanca, die zweifellos führende Mezzosopranistin der Welt, ist unbestritten der Opern-Superstar in ihrem Fach – vergleichbar nur noch dem Weltstar Anna Netrebko im Sopran-Fach (die sich ja auch zunehmend der Mezzo-Stimmlage anzunähern beginnt).

Ein Weltstar unter Sternen – denn die große Garanca hatte ihre „Friends“ nach Göttweig mitgebracht – und überstrahlte diese mühelos. Garanca zeigte an diesem schon technisch sehr anspruchsvollen Abend mit Mikrofon-Verstärkung, ständigen Windgeräuschen und störend umherflitzenden Fotografen uneingeschränkte Souveränität. Dies, während die namhafte italienische Sopranistin Anna Pirozzio und der an den großen Bühnen Europas immer noch sehr gefragte amerikanische Tenor Gregory Kunde  immer wieder Mühe hatten,  mit den schwierigen Gegebenheiten dieses idyllischen Ortes fertig zu werden.

Gewaltig ist die Barockkulisse des mächtigen, auf einer Hügelkuppe hoch über dem Donautal thronenden Stifts, das bisweilen auch als „österreichisches Montecassino“ (allerdings ohne die einschlägigen Weltkriegs-Assoziationen) bezeichnet wird: Zur Jahrtausendwende wurde Göttweig zusammen mit dem Stift Melk und der Altstadt des nahen Krems als Teil der Kulturlandschaft Wachau in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. So ist es nur folgerichtig, dass hier Kultur auf höchstem, internationalen Niveau zelebriert wird – mit drei hochkarätigen Opernsängern, begleitet vom hervorragenden Symphonieorchester der Volksoper Wien unter der ebenso präzisen wie musikalisch einfühlsamen Stabführung des britischen, international erfolgreichen Dirigenten Karel Mark Chichon – dem Ehemann Elina Garancas.

Das Konzert begann stimmungsvoll mit Glockenschlägen von den Türmen der hochbarocken Stiftskirche zur Rechten der Freiluft-Tribüne, die mit allen technischen Schikanen ausgestattet war und deren Standard-Lautsprecher eine durchaus passable Akustik gewährleisteten (zumindest für die Plätze in der Mittelachse).

Dennoch lösten gewisse Aspekte von Infrastruktur und Organisation im Umfeld der künstlerischen Darbietungen Unmut unter den Gästen aus: Die Anfahrt mit den Shuttle-Bussen vom gigantischen Parkplatz in Mautern auf den Hügel nahe des Tors zum Stift war manchen Besuchern zu lang – und das Auffinden des Autos im nächtlichen, eher chaotischen Parkplatz ohne jegliche Markierungen am Fuß des Hügels nach dem Konzert bot für viele Besucher ein wenig erfreuliches Verwirrspiel.

Für viele der 4500 Besucher dauerte der Transfer nach Konzertende bis zum Parkplatz eine gute Stunde – da war es schon weit nach Mitternacht.

Die lange Zeit vor dem Konzert war der Konsumation von Getränken und einfachen Snacks gewidmet – zu horrend überhöhten Preisen, wie von vielen Zuschauern bemängelt wurde. So kostete eine Bratwurst 6,5 Euro, ein kleines alkoholfreies Bier (0,3 Liter) 4,3 Euro. Und wer sich bei diesem doch recht spät angesetzten (20.30 Uhr Beginn) Konzert mit einem Kaffee zu erfrischen gedachte, verbrachte bis zu 45 Minuten damit, vor dem einzigen Espresso-Stand Schlange zu stehen.

Und wenn schon vom finanziellen Aspekt die Rede ist: Wer 60 bis 185 Euro (VIP-Tickets ab 350 Euro) für „Elina Garanca and Friends“ hingeblättert hat, erhält dafür lediglich vier Solo-Auftritte der Operndiva (insgesamt sang Garanca acht Mal) – für diesen Betrag, so könnte man argumentieren, wäre ein ganzer Konzertabend mit zahlreichen Arien des Weltstars erhältlich. Mehr von Garanca und weniger oder gar keine Sprechtexte der ORF-Moderatorin Barbara Rett wären besser gewesen, so die Meinung aller befragten Besucher. Auch das regelmäßige Hervorheben von Sponsoren wurde als unangemessen bezeichnet.

Der Abend war, vor und nach der Pause, in zwei Hälften aufgeteilt: „Verismo“ und italienisch-spanisch-lateinamerikanische Melodien. Das hier gebotene Programm schwankte zwischen „Greatest Opera Hits“ wie „Soave Fanciulla“ aus der „La Bohème“ und „Lucevan le stelle“ („Tosca“) und nicht ganz so oft gehörten Arien (jene der Wally aus Catalanys „La Wally“) und der von Garanca mit subtiler Gestaltungskraft dargebotenen „Acerba voluttà“ aus „Adriana Lecouvreur“. Einige Stücke der Programmgestaltung streiften die Banalität, was das gelegentliche Mittelmaß der „Friends“  widerspiegelte.

Gregory Kunde kam als Cavaradossi stimmlich an seine Grenzen, die Stimme wirkte nach sehr schönen Passagen mit warmem Schmelz und leidenschaftlichen Schluchzern forciert und immer wieder gepresst. Auch Anna Pirozzi forcierte, vor allem im „Core` ngrato“ von Cardillo im zweiten Teil, ihre Stimme allzu sehr und verfiel in Tremolos.

Ihre wahren Stärken zeigten die „Friends“ in den Duetten: Im Duett zwischen Pirozzi und Kunde (La Bohème), das harmonische Weichheit und berührende Leidenschaft auf die Bühne brachte – und ganz besonders hinreißend schließlich war das berühmte Duett aus dem vierten Akt der Carmen, in dem Garanca alle Register ziehen konnte – zwischen perfekt ausgesungenen Tiefen und makellosen Höhen, unterbrochen von jenen hasserfüllten Sprechfragmenten, die die Vielfalt dieses Duetts ausmachen. Hier zeigte Garanca in beherrschter, nie übertriebener Perfektion, was sie kann. Ebenso in der „Cancion Espanola“ im zweiten Teil – spanische Musik ist eben ihre ganz besondere Stärke: Hier paart sich Präzision mit spanischem Esprit, Temperament mit disziplinierter Beherrschtheit. Der offizielle Abschluss des Konzerts („Tico-Tico no Fuba“), intoniert vom Orchester, war fast ärgerlich trivial – das „Maria“ aus der West Side Story und das leise vor der mittlerweile nächtlichen Barockfassade verklingende „Ave Maria“, gesungen von Elina Garanca, waren hingegen sehr berührend.

Charles E. Ritterband, 5. Juli 2018, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Der Journalist Dr. Charles E. Ritterband schreibt exklusiv für klassik-begeistert.at. Er war für die renommierte Neue Zürcher Zeitung (NZZ) Korrespondent in Jerusalem, London, Washington D.C. und Buenos Aires. Der gebürtige Schweizer lebt seit 2001 in Wien und war dort 12 Jahre lang Korrespondent für Österreich und Ungarn. Ritterband geht mit seinem Pudel Nando für die TV-Sendung „Des Pudels Kern“ auf dem Kultursender ORF III den Wiener Eigenheiten auf den Grund.

Ein Gedanke zu „Elina Garanca and Friends, Klassik unter Sternen,
Stift Göttweig“

  1. Volle Zustimmung, nach der Ankunft um 19.15 Uhr dauerte die Kolonnenfahrt für die restlichen 2 Kilometer eine ganze Stunde. Unglaublich, wie schlecht die Einweisung zum Parkplatz, eine ungemähte Rumpelpiste, organisiert war. Mit den Shuttlebussen, die ebenfalls im Stau steckten, haben wir den Vorstellungsbeginn gerade noch erreicht, waren aber nicht die letzten. Die Stimmung war dahin.
    Die penetrate Werbung für die Sponsoren (insbesondere die Einblendungen für einen Juwelier) wären für ein Gratiskonzert passend gewesen, nicht aber für einen Eintrittspreis zwischen 60 und 185 Euro. Noch dazu unbequeme Sessel, selbst als normal gewachsener Mensch saß man Schulter an Schulter. In der Pause haben viele die Stufen zur Stiftskirche als Sitzplatz vorgezogen.
    Soloauftritte waren sehr sparsam, wir hätten mehr erwartet, auch ein paar nette Worte der Protagonistin.
    Das Ave Maria war stimmungsvoll, hatte aber wegen des Beifallsverbotes den schalen Beigeschmack: es ist aus, es gibt nichts mehr.
    Kommentar einiger Besucher: Einmal und nie wieder oder: ich komme nur mehr, wenn ich eine VIP-Karte geschenkt bekomme, ich kenne eh den Hameseder.
    Kurt Sindler

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