Psychokrimi mit Gänsehautmomenten:
Die tote Stadt in der Komischen Oper Berlin

Erich Wolfgang Korngold, Die tote Stadt, Komische Oper Berlin, 28. November 2018

Foto: Sara Jakubiak (Marietta) und Ensemble
© Iko Freese / drama-berlin.de
Komische Oper Berlin, 
28. November 2018
Erich Wolfgang Korngold, Die tote Stadt

von Gabriel Pech

»Er lebte im Wien der 1910er Jahre, als er Die tote Stadt komponierte, wenn das nicht Bände spricht.« – so der Kommentar Robert Carsens über seine Inszenierung von Erich Wolfgang Korngolds psychoanalytischer Oper. Korngold bringt die verschiedenen Strömungen seiner Zeit zusammen: Die Psychoanalyse Sigmund Freuds und die Traumdeutung sowie den musikalischen Einfluss der Spätromantik mit Richard Strauss bis hin zu avancierten musikalischen Formen und Rhythmen, die bereits auf Berg und Strawinsky hindeuten.

Dabei darf man nicht vergessen, dass Korngold besonders durch seine Filmmusiken zu internationalem Ruhm gelangte. Wenn man die Augen schließt, sieht man Hollywood.

Doch der Reihe nach: Die Handlung fokussiert sich auf Paul, dessen Leben sich ganz um seine kürzlich verstorbene Frau Marie dreht. Wir folgen seiner Wahnvorstellung einer zweiten Liebe mit Marietta, die seiner Frau bis aufs Haar gleicht und die er schließlich ermordet.

Aleš Briscein singt den vereinsamten Ehegatten Paul. Sein Timbre verleiht dem Tenor den Charme eines Schlagersängers der 20er Jahre. Dem entgegen steht seine überaus dramatische Veranlagung. Das ständige Singen im passagio scheint ihn anzustrengen, schöne, abgeschlossene Phrasen hört man selten. Besonders prägnant ist dies bereits in der dritten Szene zu hören, wenn es heißt: »So werd ich wieder schimmernd auf weißer Stirn das Goldgelocke leuchten sehn?« Auf dem Hochton b‘ entscheidet sich Briscein, ins Falsett zu wechseln, welches aber in keiner Weise in eine Linie oder seine Stimmfarbe integriert ist (nachzuhören auch bei der Youtube-Aufnahme der Produktion, bei Minute 20). Daran zeigt sich exemplarisch, dass Briscain es sonst gewohnt ist, die tenoralen Passagen mit Kraft zu stemmen. Für eine solch filigrane und tiefschichtige Rolle braucht es aber einen Sänger, der in der Lage ist, ebendiese Nuancen stimmlich auszudrücken.

Einen ähnlichen Ansatz weist Sara Jakubiak als Marietta/Erscheinung Mariens auf. Zu der Rolle der verzerrten Geliebten passt der divenhafte dramatische Ansatz allerdings weitaus besser. Insgesamt verkörpert sie die Rolle nahezu ideal: Sie kann ihre tänzerischen Qualitäten als quirlige Marietta zur Geltung bringen und ist ganz Showgirl der 20er. Auf der anderen Seite überzeugt sie mit einem seichten, fast mädchenhaften Timbre als Erscheinung Mariens, Pauls verstorbener Ehefrau. Als Stimme hinter dem Vorhang kommt ihr zugute, dass sie technisch verstärkt wird und somit weniger Stimmkraft benötigt. Diese weiche Farbe benötigt sie aber nicht nur für die Darstellung von Marie, auch für den Schlager der Oper »Glück, das mir verblieb« bedient sie sich dieser Qualität.

Vor allem die Nebenrollen überzeugen bei dieser Produktion: Wenn Günter Papendell in der Doppelrolle als Franz/Fritz die Bühne betritt, erinnert man sich, wie eine präsente Stimme klingen kann. Sein Bariton ist immer vordergründig und von einer kernigen Qualität. Er singt mit Intention und sprachlicher Natürlichkeit. Für sein Paradestück »Mein Sehnen, mein Wähnen« bringt er außerdem den nötigen Schmelz auf, um dieses an ein Jazz-Stück erinnernde Lied mit Leben zu füllen.

Ähnlich Maria Fiselier in der Rolle der Brigitta. Als Haushälterin Pauls verströmt sie Vernunft und Natürlichkeit. Diese Qualitäten spiegelt sie auch stimmlich wider. Ihr Mezzo-Sopran klingt zart und trotzdem präsent. Sie versteht es, einen Ton aus feinen Vibrationen zu entwickeln und erst nach und nach mit Vibrato anzureichern. Auch ihr Spiel ist überzeugend.

Ainārs Rubiķis führt ein breites Dirigat. Manchmal würde die Partitur etwas weniger Lautstärke gut vertragen und stattdessen etwas mehr Luft und Leichtigkeit. Folgt man Korngolds spätromantischen Exzessen nämlich jedes Mal mit voller Inbrunst, wirkt das Ganze überladen und auf Dauer erdrückend. Vor allem das Blech könnte an mancher Stelle etwas zurückgenommener spielen, damit die zarten Streicher und die immerhin doppelt besetzten Harfen besser zur Geltung kommen.

Die Inszenierung ist sehr zugänglich. Robert Carsen scheut sich nicht, alles an Operette aus dem Stück herauszukitzeln, was möglich ist. So steht das naturalistische Bühnenbild (Michael Levine) des ersten Bilds in starkem Kontrast zu dem albtraumhaften Wahn des zweiten Bilds. Die psychoanalytische Reise wird damit greifbar gemacht. Carsen versteht es außerdem, an prägnanten Stellen spektakelhafte Bilder zu setzen, die ihre Wirkung nicht verfehlen. Die Marienvergötterung im letzten Akt ist sehr eindrucksvoll.

An Aktualität hat Freuds Traumdeutung wenig verloren. Darum ist es auch nicht verfehlt, nur wenig externe Gedanken auf dieses Stück aufzusetzen. Nur am Ende wagt Carsen eine fundamentale Abänderung des Stoffes, welche durch die sonst so werknahe Inszenierung um so eindrucksvoller wirkt.

Gabriel Pech für klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
29. November 2018

Musikalische Leitung: Ainārs Rubiķis
Inszenierung: Robert Carsen
Bühnenbild: Michael Levine
Kostüme: Petra Reinhardt
Choreographie: Rebecca Howell
Dramaturgie: Maximilian Hagemeyer
Chöre: David Cavelius
Kinderchor: Dagmar Fiebach
Licht: Robert Carsen, Peter van Praet
Video: Will Duke

Paul: Aleš Briscein
Marietta/Erscheinung Maries: Sara Jakubiak
Frank, Pauls Freund/Fritz, der Pierrot: Günter Papendell
Brigitta, Pauls Haushälterin: Maria Fiselier
Juliette: Georgina Melville
Lucienne: Marta Mika
Victorin: Adrian Strooper
Graf Albert: Ivan Turšić
Chorsolisten der Komischen Oper Berlin
Kinderchor der Komischen Oper Berlin
Tänzer: Kai Braithwaite, Michael Fernandez, Hunter Jaques, Shane Dickson, Danilo Brunetti, Daniel Ojeda, Paul Gerritsen, Lorenzo Soragni

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