Sternstunden in Neumarkt: Andrè Schuen und Daniel Heide beamen die Zuschauer in warme Winterwelten

Franz Schubert, „Winterreise“ op. 89, Andrè Schuen (Bariton), Daniel Heide (Klavier)  Historischer Reitstadel, Neumarkt in der Oberpfalz, 19. Dezember 2022 (Neumarkter Konzertfreunde)

Historischer Reitstadel, Neumarkt in der Oberpfalz, 19. Dezember 2022
(Neumarkter Konzertfreunde)

Franz Schubert, „Winterreise“ op. 89
Andrè Schuen (Bariton)
Daniel Heide (Klavier)

Foto: © Christoph Köstlin / DG

von Andreas Schmidt

„Die ‚Winterreise‘ ist in meinen Augen nicht nur eine Aneinanderreihung von Seelenzuständen. Es gibt eine Dramaturgie.“ (Andrè Schuen)

Nur selten ist es dem Opern- und Konzertliebhaber vergönnt, wahrhaft magische Momente zu erleben. Konzerte, die nie aufhören mögen. Bei denen man nicht zu atmen wagt. Wo das Publikum – auch im grippalen Winter – keine Stecknadel fallen lässt. Wo Wärme und Wohlklang die Seele und das Herz berühren.

Dies zu erleben war mir vergönnt im berühmten Historischen Reitstadel in Neumarkt in der Oberpfalz. Es sang der Bariton Andrè Schuen aus dem ladinischen La Val (Südtirol, Italien). Es spielte der Pianist Daniel Heide am Steinway-Flügel made in Hamburg-Bahrenfeld, aus Weimar stammend.

Auf dem Programm stand der wohl schönste deutschsprachige Liederzyklus: „Winterreise“ op. 89 von Franz Schubert (1797 – 1828) nach Texten von Wilhelm Müller.

Schon nach drei Takten von „Gute Nacht“ – „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus; der Mai war mir gewogen, mit manchem Blumenstrauß“ – zieht ein warmes Wohlgefühl durch meinen Körper. Ich frage mich: Wie kann ein junger Mann – später stellt sich heraus, er  ist 38 Jahre alt – so berühren mit seiner Bariton-Stimme? Eine Stimme mit einem   göttlichen Volumen, voller Stimmnoten, fein und geschliffen, warm und reich – eine Stimme die vom Fortissimo bis zu zart-lieblichen Pianoklängen bei einem einzigartig männlich-virilen Timbre berührt und bewegt?

Andrè Schuen singt so schön, so tief und väterlich… und dann so so federleicht fühlend im hohen Register. Er zieht die Zuschauer in seine Gefühlswelt herein, eine unbeschwerte, die aber auch schon die Wirbel des Lebens erlebt hat.

Andrè nimmt uns mit auf eine Gefühls- und Erlebnisreise. Auf SEINE Winterreise.

Er sieht aus wie Anfang 30. Ein Prachtexemplar von Mann, groß, breitschultrig, seine leuchtend-braunen Haare zum Dutt gebunden. Kein Oberhemd – ein schwarzes T-Shirt und ein cooler blauer Anzug. Dazu schwarze Lackschuhe. Wir dürfen ihn an diesem Abend direkt aus Reihe 1, Mitte, erleben.

Andrè Schuen begeistert mich mit einer der besten Gesangsleistungen, die ich erleben durfte. Ich möchte diesen Abend, einen Abend, an dem Andrè Schuen die Zuschauer mit vollster Konzentration und Präsenz in die Einzigartigkeit dieses göttlichen Liederzyklus’ führt unter die Top 10 meiner rund 3000 Opern- und Konzertbesuche zählen. Dies beruht auch auf seiner fantastischen Textverständlichkeit.

Andrè Schuen kennt die Worte.
Er spürt die Worte.
Er macht aus wundersamen Worten wunderbare Musik.

Es ist so viel Wärme, so viel Seelenfrieden und Kraft in seiner Stimme. Ich ahne: Wäre er nicht im Ladinum sondern in Berlin groß geworden, hätten seine Seele und sein Geist ein andere Stimme geformt…

Abgewandelt: Sein Körper ist der Ausdruck seiner Seele und seines Gesangs.

Vergessen wir bitte nicht den genialen Daniel Heide am Flügel. Mit welcher Freude, Hingabe und Zärtlicheit dieser Mann Töne aus seinem Arbeitsgerät hervorbringt, ist von einem anderen Stern. Es ist eine Freude zu beobachten, wie dieser wunderbare Liedbegleiter verschmitzt lächelt, wenn er gemeinsam mit seinem Kunstpartner ein wenig retardiert, ein wenig anzieht, ein wenig changiert. Hier sind zwei Künstler auf der Bühne, die sich nicht anblicken müssen; Künstler, die das gemeinsame Musizieren, die Erfahrung, die Tiefe befähigen, Sternstunden in Neumarkt zu kredenzen.

Andrè Schuen und Daniel Heide beamen die Zuschauer in warme Winterwelten.

Wann immer Sie diese beiden Künstler erleben können, kaufen Sie sich bitte Tickets. Vor allem im Historischen Reitstadel in Neumarkt in der Oberpfalz, einem place to be für Künstler und Zuschauer. Die Akustik in diesem Saal ist so warm, so einnehmend, so transparent, dass Künstler und Zuschauer aus der ganzen Welt zu diesem heiligen Ort pilgern.

Andrè Schuen sagte mir nach dem Konzert: „Hier muss man ja eigentlich gar nichts machen. Hier geht alles von selbst.“

Andreas Schmidt, 20. Dezember 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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