Die Tragödie der Marilyn Monroe reüssiert als Jazz-Kammeroper in Wien

Marilyn Forever, Oper von Gavin Bryars
Produktion der Volksoper Wien in der Burgtheater-Spielstätte Kasino am Schwarzenbergplatz, 18. April 2018
Dirigent: Wolfram-Maria Märtig
Regie: Christoph Zauner
Bühnenbild: Jörg Brombacher
Marilyn: Rebecca Nelsen
Various Men:   Morten Frank Larsen
Sechs Herren: Jugendchor der Volksoper Wien
Jazztrio  und Orchester der Volksoper Wien

von Charles E. Ritterband 

Der 1943 in Yorkshire geborene Gavin  Bryars gesteht, dass für ihn als Zwanzigjährigem die legendäre Marilyn Monroe zu einer Art Obsession wurde. Allerdings legte sich das wieder, und er sollte als erfolgreicher Komponist mehrere Ballette, mehrere Konzerte, einige Opern und drei Streichquartette komponieren, bevor er im Jahr 2010 seinen Jugendschwarm wiederentdeckte – und Marilyn Monroe eine Oper widmete.

Nun der Begriff „Oper“ würde falsche Erwartungen wecken und selbst der im Programmheft verwendete Begriff „Kammeroper“ trifft das nicht wirklich, was da unter großem Publikumsanklang als Produktion der Volksoper Wien in der atmosphärischen Spielstätte Kasino am Schwarzenbergplatz gezeigt wurde. Es war ein gesungenes Jazz-Fragment über die Tragödie der Marilyn, dekoriert mit vielen Versatzstücken (wie eine Skulptur der Kult-Szene, in welcher Marilyn ein Luftstrom den Faltenrock  über einem New Yorker U-Bahn-Schacht hebt und ihre makellosen Beine offenbart).

Oper insofern, als der bekannte dänische Bariton Morten Frank Larsen mehrere Männerrollen sang und dabei überzeugend den unsympathischen Macho gab, der – unter anderem als Ehemann Arthur Miller – selbst vor körperlichen Übergriffen und Erniedrigungen gegenüber Marilyn nicht zurückschreckte. Diese wurde hervorragend, leidenschaftlich und zugleich leidend gesungen von der texanischen Sopranistin Rebecca Nelsen. Sie wird umgarnt von sechs jungen, scheinbar charmant und gentlemanlike auftretenden, in Wirklichkeit nur brutal-lüsternen jungen Männern im Smoking – aus dem perfekt einstudierten Jugendchor der Volksoper. Doch die Gesangspartien sind nicht einprägsam sondern im Gegenteil ziemlich eintönig. Eine Herausforderung für Nelsen, die sie aber bravourös bewältigt:  zwischen freitonalen Fragmenten und Pop-Elementen.

Die Orchesterbegleitung, die auf zwei Ebenen stattfindet (Jazz und klassisch-romantische Komposition eines traditionellen, kleinen Streichorchesters), ist da wesentlich attraktiver, um nicht zu sagen: gefälliger.

Mit ihren weißblond gefärbten Haaren und ihrer verführerischen Erscheinung verkörperte Nelsen sehr überzeugend, leidenschaftlich und dann wieder zurückhaltend kühl die vielschichtige Persönlichkeit der Marilyn, die zugleich Opfer und Legende war, eine hochintelligente und sensible junge Frau, die aber männlichen Klischees und Erwartungen zu genügen und vor den Kameras in die Rolle der naiv-dümmlichen Blondine zu schlüpfen hatte. Sie selbst sagte einmal, sie habe immer das Gefühl gehabt, nicht vollkommen „echt zu sein – so etwas wie eine gut gemachte Fälschung“. Sie habe manchmal gedacht, sei „nur ein Kunstprodukt“. Selbsterkenntnis der zugleich heiß begehrten und schnöde verachteten Sex-Ikone Marylin, die ins Schwarze trifft.

Das nur eineinviertel Stunden dauernde Stück – eine europäische Erstaufführung – beginnt am Ende, mit der letzten, tragischen Nacht im Leben des Stars. Von hier aus setzen sich die Szenen aus ihrem Leben zusammen wie teils ungeordnete, teils in logischer Abfolge zusammengesetzte Puzzle-Teile. Fragmente, Versatzstücke aus ihren Gedichten, die Identität des Waisenkindes Norma Jeane, ihre künstlerischen Ideale und Ambitionen, ihre Beziehungskrisen mit dem berühmten Schriftsteller Arthur Miller, ihre Gefühle der Liebe und ihre Rolle als Sexsymbol, in der sie die Erwartungen der Regisseure und des Publikums zu erfüllen hat.

Gavin Bryars Musik  ist eine Synthese aus Jazz (ausgezeichnet dargeboten von einem Jazztrio) und tieftraurigen, postromantischen Streicherkantilenen, erwartungsgemäß perfekt intoniert vom Volksopernorchester. Bryar imitiert irgendwie die Mittel der Minimal Music und will die Vielschichtigkeit, die Widersprüchlichkeit der Gefühlswelt der Diva wiedergeben.

Am Ende fehlte aber doch die Kohärenz. Dasselbe muss allerdings auch über das Stück als Ganzes gesagt werden: Ein Puzzle, eine Kompilation von Fragmentarischem – aber eigentlich scheint sich das ganze um die eigene Achse im Kreis zu drehen und nicht vom Fleck zu kommen. Interessant allemal, aber nicht vollkommen überzeugend.

Charles E. Ritterband, 19. April 2018, für
klassik-begeistert.de

Der Journalist Dr. Charles E. Ritterband schreibt exklusiv für klassik-begeistert.at. Er war für die renommierte Neue Zürcher Zeitung (NZZ) Korrespondent in Jerusalem, London, Washington D.C. und Buenos Aires. Der gebürtige Schweizer lebt seit 2001 in Wien und war dort 12 Jahre lang Korrespondent für Österreich und Ungarn. Ritterband geht mit seinem Pudel Nando für die TV-Sendung „Des Pudels Kern“ auf dem Kultursender ORF III den Wiener Eigenheiten auf den Grund.

Foto: Johannes Ifkovits, Volksoper Wien

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