Die Dresdner Erstaufführung von Rossinis »Il viaggio a Reims« glänzt als Farce auf das politische Europa der Gegenwart

Gioachino Rossini, Il viaggio a Reims / Die Reise nach Reims,  Semperoper Dresden, 25. Oktober 2019

Semperoper mit Theaterplatz © Klaus Gigga
Semperoper Dresden,
25. Oktober 2019
Gioachino Rossini, Il viaggio a Reims / Die Reise nach Reims

von Pauline Lehmann

Die erste Premiere in der neuen Spielzeit lässt das politische Musiktheater hochleben. In ihrem Regiedebüt an der Semperoper Dresden updatet Laura Scozzi Gioachino Rossinis »Il viaggio a Reims / Die Reise nach Reims« in eine tagespolitisch aktuelle Version und bringt das einaktige Dramma giocoso als hochbrisante Politsatire im Europäischen Parlament in Brüssel. Zugleich wird die Inszenierung zum Sprachrohr einer politischen Message und übermittelt ein klares Ja zu Europa.

Randvoll mit Klischees und Klamauk strapaziert die Dresdner Inszenierung auch so manches Mal die Grenzen des Humors, ist aber mit Augenzwinkern zu genießen. Musikalisch ist der Abend ein Vergnügen. Das Solistenensemble trägt Rossinis Belcanto-Fest mit Leichtigkeit. Das Publikum zeigt sich amüsiert und begeistert, ein Raunen in den Sitzreihen und Buhrufe bleiben aus. Doch allzu stürmisch ist der Andrang an diesem Abend nicht, viele Plätze sind frei.

Die Originalversion von »Il viaggio a Reims« liest sich als eine Art Live-Allegorie auf ein damaliges gesellschaftspolitisches Großevent: Die Krönung des französischen Königs Karl X. am 29. Mai 1825 in Reims. Im Libretto Giuseppe Luigi Balochis befindet sich am Vortag der Krönung eine illustre, verschrobene Gruppe europäischer Adliger im Hotel »Goldene Lilie« im französischen Plombières – bereit zur Weiterreise nach Reims, um bei ebenjenem Großereignis dabei zu sein. In Plombières kommt es im Laufe des Tages zu allerlei Liebeshändel und Eifersüchteleien. Außerdem treffen eine kleinere und eine größere schlechte Nachricht ein: Dass die Kutsche mit ihrer teuren Festgarderobe umgestürzt ist, lässt die modeverrückte Gräfin von Folleville prompt ohnmächtig werden und letztendlich muss die geplante Reise ausfallen, da in ganz Plombières keine Pferde mehr zu haben sind. So begeht man den Abend mit einem Souper, lässt alle Zänkereien hinter sich und beschließt, tags darauf mit der Postkutsche nach Paris zu fahren, um dort an den Feierlichkeiten zu Ehren des neuen Monarchen teilzunehmen.

Tilman Rönnebeck (Don Prudenzio), Menna Cazel (Maddalena), Gerald Hupach (Gelsomino), Doğukan Kuran (Antonio), Sächsischer Staatsopernchor Dresden
© Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Für ebendiese Festwoche entstand »Il viaggio a Reims«. In seinem Amt als Musik- und Bühnendirektor des Pariser Théâtre Italien oblag es auch Gioachino Rossini, sich mit einer musikalischen Hommage an dem Fest zu beteiligen. Die Premiere am 19. Juni 1825 war exklusiv für den königlichen Hof und galt für den italienischen Maestro zugleich als Einstand in die Pariser Opernwelt – Rossini hatte die Leitung des Théâtre Italien erst ein halbes Jahr zuvor übernommen.

In der Abfolge von neun musikalischen Nummern, die durch Secco-Rezitative miteinander verbunden sind, ist »Il viaggio a Reims« mehr eine Revue oder – so Rossinis eigene Bezeichnung – eine »Kantate«. Die Regisseurin Laura Scozzi vermag es, die knapp drei Stunden über und über auszufüllen, beinahe zu überfrachten mit bildlichen Details, Witz und einer reichlichen Portion Groteske. Das Europa in der Semperoper Dresden schillert in vielen Farben. Neben dem Brexit und den französischen Gelbwesten setzt Laura Scozzi auch MeToo gnadenlos und bisweilen etwas überstrapaziert in Szene. Denn so zieht die ohnmächtige Gräfin von Folleville nicht die Besorgnis der Anderen auf sich, sondern als Objekt sexueller Avancen die Linsen der Smartphones. Aus dem vierten Rang wehen Flugblätter ins Publikum, die ein großes Ja zum europäischen Gedanken verkünden und nach der Pause erklingt als Einlagenummer die Hymne der Europäischen Union – Ludwig van Beethovens »Ode an die Freude«.

Georg Zeppenfeld (Lord Sidney), Komparserie
© Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Umgeben von verspiegelten Glasfassaden gibt die Drehbühne Einblick in das Europäische Parlament. Neben dem Plenarsaal gibt es noch Büros, einen gläsernen Fahrstuhl sowie eine Cafeteria mit Kaffeeautomaten und Sitzbank. An einem Konferenztisch – drapiert mit Blumen, Fingerfood und Champus – verkündet ein Banner »Buon Viaggio a Reims«. Bei Laura Scozzi findet sich Balochis Figurensetting im hektischen Treiben der Europäischen Kommission wieder.

Die EU-Regierungschefs reichen sich für eine Balletteinlage die Hände – oder eben auch nicht. Eine im Direkt TV Europe übertragene Talkshow endet kurzerhand in einer munteren Schlägerei und einer technischen „Störung“ der Liveübertragung. England packt seine Akten in Kisten, bekommt blau-gelbe Abschiedsblumen überreicht und auf dem Schreibtisch des entsetzten Lord Sidney vollführt die Queen ein Striptease. Wladimir Putin greift nach dem rotweißen Spielball »Polen« und letztendlich nimmt Polens Hochzeit mit der EU doch den russischen Präsidenten ins Schlepptau – oder auf die Schleppe. Mitten im Gerangel der Mächtigen vermag es die »berühmte römische Improvisationskünstlerin« Corinna, die erhitzten Gemüter durch ihren harfenbegleiteten Gesang zu besänftigen, und die EU wird zur flirrenden Zaubershow mit weißen Tauben und Kaninchen.

Eine Gangway führt ins Nichts, denn in Brüssel streikt schließlich nicht nur der Kopierer, sondern auch die Airline und die muntere Reisegruppe sitzt in der Abflughalle fest. So fiebert man dem Ergebnis der französischen Präsidentschaftswahlen eben auf dem Monitor entgegen und Don Profondo macht im glitzernd blauen Anzug den Showmaster für das musikalische Diner. Baron von Trombonok gibt die deutsche Nationalhymne zum Besten und Lord Sydney schmettert »God save the Queen«, bevor er mit seinem blauen Koffer dem Brexit entgegenzieht. Die abschließende Hommage Corinnas auf den neuen französischen Amtsträger verschmilzt mit dem Zerrbild Karls X. Neckisch-fies und süffisant grinsend reißt er der personifizierten Europa die gelben Sterne vom blauen Kleid.

Es lohnt sich auf jeden Fall!

Pauline Lehmann, 3. November 2019, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Musikalische Leitung Francesco Lanzillotta
Inszenierung Laura Scozzi
Bühnenbild Natacha Le Guen de Kerneizon
Mitarbeit Bühnenbild Isabelle Girard-Donnat
Kostüme Fanny Brouste
Licht Fabio Antoci
Video Stéphane Broc
Choreografie Olivier Sferlazza
Chor Jörn Hinnerk Andresen
Dramaturgie Juliane Schunke

Corinna Elena Gorshunova
Marchesa Melibea Maria Kataeva
Gräfin von Folleville Hulkar Sabirova
Madame Cortese Iulia Maria Dan
Chevalier Belfiore Mert Süngü
Graf von Libenskof Edgardo Rocha
Lord Sidney Georg Zeppenfeld
Don Profondo Maurizio Muraro
Baron von Trombonok Martin-Jan Nijhof
Don Alvaro Bernhard Hansky
Don Prudenzio Tilmann Rönnebeck
Don Luigino / Zefirino Beomjin Kim
Delia Anna Kudriashova-Stepanets
Maddalena Menna Cazel
Modestina Tamara Gura
Antonio Doğukan Kuran
Gelsomino Gerald Hupach
Zauberkünstler Joe Walthera und Pafema
Hammerklavier Hans Sotin
Flöte Rozália Szabó
Harfe Shiho Minami
Sächsische Staatskapelle Dresden
Sächsischer Staatsopernchor Dresden
Damen und Herren der Komparserie
Tänzer*innen

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