„Falstaff“ an der Wiener Staatsoper: Perfekt und konservativ

Giuseppe Verdi, Falstaff,  Wiener Staatsoper

Foto: (c) Wiener Staatsoper/ Ashley Taylor
Wiener Staatsoper,
27. Juni 2018
Giuseppe Verdi, Falstaff

von Thomas Genser

Dass Giuseppe Verdi mit dem Genre der komischen Oper zeitlebens Schwierigkeiten hatte, merkt man im Falstaff an der Wiener Staatsoper kein bisschen. In seinem letzten Bühnenwerk sorgt der Gigant der italienischen Oper für komödiantische Unterhaltung und einige wenige empfindsam-lyrische Passagen – nicht umsonst handelt es sich hierbei um eine sogenannte Comedia lirica. Das Ensemble setzt sich aus Rollendebütanten und “alten Hasen” zusammen und stellt dadurch eine ausgewogene Mischung von jugendlichem Esprit und routiniertem Bühnengestus dar.

Ambrogio Maestri in der Titelrolle gilt als der Falstaff-Spezialist überhaupt. Der Italiener hat die Partie weltweit bereits über 200 Mal (!) aufgeführt. Da passt einfach alles: Mit starker Stimme, die sich auch in tiefen Lagen gut durchsetzt, schauspielerischem Geschick, einer gehörigen Portion Komik und hoher Textverständlichkeit ist alles vorhanden, was einen guten Falstaff ausmacht. Die Rolle des Ford übernimmt Christopher Maltman: Der britische Bariton, dessen Timbre ein wenig heller ist als jenes des Titelhelden, zeigt in seiner Soloszene hochsubtilen Ausdruck, bleibt ansonsten eher unauffällig. Seine Gattin, Alice Ford, verkörpert recht stark Olga Bezsmerta.

Jinxu Xiahou haucht seinem Fenton gewaltig Leben ein: Extrem kraftvoll und geschmeidig ist die Stimme des chinesischen Tenors – himmlisches Vibrato beweist er in seinem Duett mit Andrea Carrolls Nannetta. Diese liefert einen hochempfindsamen Sopran, der bei Bedarf mit einem hohen Maß an Durchschlagskraft aufwarten kann. An dieser mangelt es leider den übrigen Sängern und Sängerinnen in manchen Abschnitten der Inszenierung (Regie: David McVicar). Benedikt Kobel gibt die kleinere Rolle des  Dr. Cajus, die beiden Diener Pistola und Bardolfo verkörpern Ryan Speedo Green und Herwig Pecoraro. Während ersterer viel Witz und warmes Timbre, aber schlechte Textverständlichkeit aufweist, ist bei zweiterem der deutsche Akzent störend. Ansonsten ist der Tenor des gebürtigen Vorarlbergers hell und kantig.

Die Rollen von Monika Bohinec (Mrs. Quickly) und Margaret Plummer (Meg Page) sind ebenfalls unauffällig, fügen sich aber ausgezeichnet in das Gesamtbild ein. Bohinecs Mezzosopran ist deutlich und glatt, ihr fehlt aber Luft nach unten. Plummers Stimme stellt einen stabilen Fels in der musikalischen Brandung dar.

Wunderschön anzusehen ist das Bühnenbild von Charles Edwards: Zwei große Holzgerüste mit verbindender Brücke stellen eine erhöhte zweite Ebene dar, auf der parallel Handlungselemente ablaufen und die je nach Szene anders eingesetzt wird. Im Finale bildet die kreativ verzierte Eiche im Schlosspark von Windsor das zentrale Bühnenelement. Kostüme (Gabrielle Dalton) und Ausstattung sind bewusst zeitgemäß gestaltet – auf Wunsch von Zubin Mehta, der die Premiere dieser Produktion im Jahr 2016 dirigierte. Alles in allem wirkt die Inszenierung ein klein wenig konservativ, darin liegt aber genau ihr Reiz.

Am Pult steht der Amerikaner James Conlon, dessen Dirigat das perfekte Bindeglied zwischen dem Geschehen im Orchestergraben und auf der Bühne darstellt, das Zusammenspiel ist unglaublich präzise! Obwohl das Orchester stellenweise fast zu laut wird, überzeugt es mit nuancenreichen Farben wie dem üppigen Trillerteppich im 3. Akt. Zu bemängeln ist lediglich ein unsauberer Einsatz des Solohorns in der letzten Szene. Ansonsten: Bravissimo!

Thomas Genser, 28. Juni 2018, für
klassik-begeistert.de

Dirigent: James Conlon
Regie: David McVicar
Bühnenbild: Charles Edwards
Kostüme: Gabrielle Dalton
Licht: Paul Keogan
Bewegungsregie: Leah Hausman
Falstaff: Ambrogio Maestri
Ford: Christopher Maltman
Fenton: Jinxu Xiahou
Alice Ford: Olga Bezsmertna
Mrs. Quickly: Monika Bohinec
Meg Page: Margaret Plummer
Nannetta: Andrea Carroll
Dr. Cajus: Benedikt Kobel
Bardolfo: Herwig Pecoraro
Pistola: Ryan Speedo Green

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