"La Traviata" in HH:
Ein großer, bewegender Opernabend

Giuseppe Verdi, La Traviata, Staatsoper Hamburg, 19. März 2019

Foto: Wiener Staatsoper (c) Irina Lungu
Staatsoper Hamburg, 19. März 2019
Giuseppe Verdi, La Traviata

von Dr. Holger Voigt

Zu Giuseppe Verdis Anfangszeiten gab es weder Dirigenten noch Opernregisseure. Hatte ein oft allmächtiger Opernimpresario unter Berücksichtigung der zur Verfügung stehenden Sänger und Sängerinnen sowie erwartbarer Einnahmen ein Werk endgültig angenommen, musste der Komponist (unter Mithilfe des Librettisten) „liefern“: Sowohl die musikalische Einstudierung mit dem Orchester als auch die szenisch-dramaturgische Realisation waren die eigentlichen Bewährungsproben.

Giuseppe Verdi war wegen seiner Detailversessenheit bekannt und gleichermaßen gefürchtet. Versuchten die Gesangssolisten sich aus narzisstischen Motiven in den Vordergrund zu singen und eigenmächtig die Werksvorlage in ihrem Sinne „auszudehnen“, war er sehr erzürnt und wütend. Glaubhaftigkeit in Musik und dramaturgische Inszenierung waren sein unveräusserbares Credo und ehernes Grundgesetz: Auf dem Wege zum Herzen der Zuhörer durfte es keine Hindernisse geben – alles ist in der Musik angelegt.

Wie wahr! Heute leben wir indes in Zeiten, in denen sich die musikalische Komposition angesichts sich immer stärker in den Vordergrund drängender Regiekonzepte behaupten muss. Das ähnelt dann durchaus dem Solistenverhalten und kann dazu führen, dass sich die Inszenierung vor die Musik schiebt, anstatt sie aus dem Hintergrund heraus zum Leuchten zu bringen.

Auch diese Hamburger „La Traviata“ in der seit 2013 auf dem Spielplan stehenden Inszenierung von Johannes Erath lässt die Tendenz einer Über-Intellektualisierung an sich klar umrissener Werkstrukturen erkennen. Er verpackt Handlung in Handlung und spielt mit wechselnden Zeitsichten, alles platziert auf einer sich ständig drehenden Scheibe bei gleichwohl offenen Bühnenräumen nach vorn und hinten. „Räume“ also, in denen sich die Protagonisten bewegen oder einfach nur befinden, ohne sich mehr bewegen zu können. Das Ganze wirkt düster und blutleer wie auch die Figuren, die unablässig über die Bühne geführt werden, manchmal als schwer begreifbare Ablenkung vom Geschehen. Doch Verdis musikalische Macht überragt vom ersten bis zum letzten Moment einfach alles, die Depression kommt im Publikum nicht an.

Erath siedelt seine „La Traviata“ auf einem stillgelegten Jahrmarkt an, offenbar als Chiffre für gesellschaftlichen Niedergang. Durch die gesamte Oper werden Personen über die Bühne geführt, die an erloschene Zeiten zu erinnern scheinen. All das findet auf einer Drehbühne statt, so dass mit der Bewegung nicht wirklich ein Raumgewinn verknüpft ist – Bewegung läuft sich tot (sic!). Düstere Bilder entstehen und einzelne Protagonisten werden figürlich als Reminiszenzen ihrer vormaligen Existenz gespiegelt. Es ist schwer, den Vorgängen visuell zu folgen, zumal die sich unablässig bewegende Drehbühne (zumindest von meinem Rangplatz aus) schwindelig machen kann. Wie man auf einer solchen Drehbühne so gut singen kann, ist mir ein Rätsel.

In seiner Bildsprache aus zeitversetzt agierenden Protagonisten bedient sich Erath auch kühner Ideen, die nicht gerade angemessen erscheinen. Er zeigt beispielsweise die Entehrung Violettas als Vergewaltigungsszene. Musste das wirklich sein, was Erhellendes sollte damit zum Ausdruck gebracht werden, das nicht schon im musikalischen Werk selbst niedergelegt ist? Oder sollte die Vergewaltigung eine virtuelle, nur „empfundene“ sein? Sigmund Freud ante portas? Giuseppe Verdi hätte sicherlich darauf verwiesen, dass sich alles in der Musik finden lasse. Der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten ist nun einmal die Gerade: Vom Notenblatt direkt ins Herz der Zuhörer. Dabei bedarf es bei Verdi keiner tiefenpsychologischen Umwege.

Dass es trotzdem ein grossartiger Opernabend wurde und damit zeigte, dass auch Umwege zum Ziel führen können, lag allein an Orchester, Chor und den Gesangssolisten. Allen voran eine überragende Irina Lungu, die die Staatsoper Hamburg geradezu „rockte“. Nur 1-2 Minuten am Anfang schien sie ihre Stimme mit der Akustik der Staatsoper zu justieren – dann war sie in der Spur. Jetzt, wo ich dieses gerade niederschreibe, fällt mir ein, dass mir das auch bei vormaligen Vorstellungen aufgefallen war.

Nach dieser verhaltenen Anfangsphase sang sie wie befreit, intonationssicher, kräftig und völlig frei und losgelöst. Ihr etwas tiefer angesiedeltes Sopran-Timbre, dabei im oberen Bereich traumhaft höhensicher, konnte sich richtig entfalten. Das war eine überwältigende Violetta, eine der derzeit weltbesten Rollenbesetzungen, die man sich vorstellen kann.

Ihre Präsentation der Arien “Teneste la promessa…Addio, del passato” und “Dammi tu forza, oh cielo!“ – getragen vom Forte-Crescendo des Orchesters – ließen die Zuhörer geradezu dahinschmelzen. Momente, die man auf ewig festhalten möchte!

Als Shooting-Star dieses Abends erwies sich einmal mehr der Italiener Simone Piazzola als Giorgio Germont. Ich muss lange nachdenken und fast bis Renato Bruson oder Leo Nucci zurückgehen, um mich an eine deratige Rollengestaltung zu erinnern. Zeigte sich seine Arie „Pura siccome un angelo“ noch etwas kurzsilbig in der Phrasierung, strömte es bei „Di Provenza il Mar e il Suol“ geradezu belcantesk aus ihm heraus – voller warmer Klangschönheit und Überzeugungskraft. Frenetischer Applaus, viele Bravos – ich meinte, sogar einige „Bis“-Rufe im linken oberen Rang gehört zu haben, um ihn zu einer Wiederholung zu bitten. Ein überglücklicher Simone Piazzola nahm die Beifallsbekundungen dankbar entgegen!

Demgegenüber verblasste ein wenig der US-Amerikanische Tenor Stephen Costello in der Rolle des Alfredo Germont. Nicht, weil er schlecht sang – er sang praktisch fehlerfrei, anfangs etwas dünn klingend, aber er wurde im Laufe der Oper immer besser und klangschöner, gewann an Ausdrucksstärke und auch gestalterischer Überzeugungskraft. Er war eben halt nicht ganz so gut wie sein „Opernvater“.

Die anderen Gesangssolisten zeigten ebenfalls gute Leistungen und trugen damit zu dem ausserordentlich positiven Gesamtbild bei.

Das Philharmonische Staatsorchester wurde von Maestro Roberto Rizzi Brignoli durch schnelle Tempi gejagt. Das ist durchaus im Sinne Verdis, der diese Tempi dramaturgisch angelegt hat, um allein musikalisch die Schnelllebigkeit und rastlose Genusssucht einer immer dekadenter werdenden Gesellschaft zu porträtieren – eine sozialkritische Färbung, die dem Komponisten anfänglich vom Publikum übel genommen wurde. Die schnellen Tempi waren für die bisweilen im Bühnenhintergrund platzierten Chorsänger phasenweise ein echtes Problem – sie gerieten mit dem Gesang in Verzug. Vereinzelt galt dieses auch für die Gesangssolisten, doch wurden alle Asynchronizitäten rasch wieder eingefangen.

Ein großer, bewegender Opernabend mit einer hervorragenden musikalischen Demonstration der Tatsache, dass auch szenisch-dramaturgische Umwege zum Ziel führen, solange man sich nicht vollends verfährt.

Dr. Holger  Voigt, 20. März, 2019,  für
klassik-begeistert.de

Musikalische Leitung: Roberto Rizzi Brignoli
Chor: Christian Günther
Violetta Valery: Irina Lungu
Flora Bervoix: Ruzana Grigorian
Annina: Marta Swiderska
Alfredo Germont: Stephen Costello
Giorgio Germont: Simone Piazzola
Gastone: Peter Galliard
Il Barone Douphol: Johann Kristinsson
Il Marchese d’Obigny: Shin Yeo
Il Dottore Grenvil: Alin Anca
Giuseppe: Dongwon Kang
Un Domestico di Flora: Gheorge Vlad
Un Comissionario: Peter Veit
Chor: Chor der Hamburgischen Staatsoper
Orchester: Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

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