Berlin: Standing Ovations für Placido Domingos Macbeth

Giuseppe Verdi, Macbeth,  Staatsoper Unter den Linden, 23. Mai 2019

Foto: Placido Domingo, ©Chad Batka
Staatsoper Unter den Linden
, 23. Mai 2019
Giuseppe Verdi, Macbeth

Daniel Barenboim, Dirigent
Harry Kupfer, Inszenierung
Placido Domingo, Macbeth
Rene Pape, Banquo
Sergio Escobar, Macduff
Ekaterina Semenchuk, Lady Macbeth

von Peter Sommeregger

Der spanische Opernsänger Placido Domingo ist 78 Jahre alt, und er ist kein Bariton. Diese beiden unleugbaren Tatsachen müssten eigentlich für eine Aufführung von Verdis düsterster Oper eine Katastrophe bedeuten. Dass der Abend aber mit Ovationen für eben diesen Sänger endet, hat nichts mit dem Respekt vor dieser Persönlichkeit oder mit dankbarem Rückerinnern an frühere Tage zu tun, es ist ehrliche Begeisterung für eine vielleicht nicht perfekte, aber zutiefst berührende und künstlerisch ausgefeilte Interpretation, die Verdis Intention einer gebrochenen, zum Bösen verführten Gestalt bedrückend realistisch abbildet.

Das Instrument, das Domingo dafür zur Verfügung steht, ist seine nach wie vor unverwechselbare Stimme, die natürlich eine Tenorstimme geblieben ist, auch wenn er inzwischen Baritonpartien interpretiert. Den baritonalen Kern hatte seine Stimme schon immer, so fällt es ihm erstaunlich leicht, auch die tieferen Register zu besetzen. Transponiert wird da und dort natürlich schon, aber umso individueller fällt dieser Macbeth aus. Hier versucht einer gar nicht erst, ein guter Bariton zu sein, er ist fachübergreifender Künstler auf höchstem Niveau. Faszinierend zu hören, wie gut diese Stimme fokussiert ist, den Zusatz „immer noch“ kann man sich getrost sparen.

Neben diesem Ausnahme-Künstler zu bestehen, ist keine leichte Aufgabe. Rene Papes Banquo prunkt mit satter Bass-Tiefe, und bleibt trotzdem ein wenig blass im Gesamteindruck. Der Tenor Sergio Escobar füllt die undankbar kurze Rolle des Macduff mit seinem schön timbrierten Tenor befriedigend aus.

Die Lady der Ekaterina Semenchuk punktet schon in ihrer Auftrittsarie mit der ganzen Power ihres dramatischen Mezzosoprans. Ein wenig unscharf wirkt die Phrasierung aber immer dann, wenn es zu den wenigen lyrischen Passagen dieser Partie kommt. Die Koloraturen im Trinklied sind allerdings ihre Sache nicht, da mogelt sie sich gerade einmal so durch. Eindrucksvoll gelingt ihr dagegen die Nachtwandel-Szene, nur der finale Spitzenton misslingt leider.

Daniel Barenboim steht am Pult und hat natürlich das Orchester vorzüglich im Griff, aber speziell in der zweiten Hälfte des Abends macht sich eine gewisse Behäbigkeit der Tempi breit.

Das Ärgernis des Abends ist die völlig aus der Zeit gefallene Inszenierung Harry Kupfers. Die Idee, die Handlung in einer südamerikanischen Militärdiktatur anzusiedeln, wäre ja noch durchaus stimmig, aber bei der Umsetzung scheint ihm sein früheres gutes Gespür für Dramaturgie abhanden gekommen zu sein. Die Protagonisten werden weitgehend sich selbst überlassen, womit nicht jeder gut umgehen kann. Der in dieser Oper stark beschäftigte Chor darf auch lediglich herumstehen oder -liegen. So beschädigt der Regisseur seinen früheren Ruhm doch beträchtlich.

Ein zwiespältiger Abend also, aber Placido Domingos Leistung macht ihn zum lohnenden Erlebnis!

Peter Sommeregger, 24. Mai 2019 für
klassik-begeistert.de

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