Mit Pauken und Trompeten – Mailänder lassen die Elbphilharmonie erbeben

Giuseppe Verdi, Messa da Requiem, Coro e Orchestra del Teatro alla Scala, Riccardo Chailly,  Elbphilharmonie Hamburg

Foto: Daniel Dittus (c)
Elbphilharmonie Hamburg, 25. Mai 2018
Coro e Orchestra del Teatro alla Scala
Tamara Wilson, Sopran
Ekaterina Gubanova, Mezzosopran
René Barbera, Tenor
Ferruccio Furlanetto, Bass
Dirigent Riccardo Chailly
Giuseppe Verdi, Messa da Requiem

von Sebastian Koik

Im Dies irae bläst einen der Chor fast um. Wie ein mächtiges Gewitter fegen der Chor und das Orchester der Mailänder Scala durch die Elbphilharmonie. Das überwältigt und ergreift die Zuhörer physisch. Zwerchfelle vibrieren, Körper erzittern. Die Gäste aus Mailand werden gewaltig laut und scheinen selbst die Wände der Elbphilharmonie zum Erbeben zu bringen. Dies irae, Tag der Rache, singt der 90-köpfige Chor aus Italien, aus der Mailänder Scala, dem vermutlich berühmtesten Opernhaus der Welt. Und ganz genau so klingt es!

Verdi hat mit seinem Requiem ein großes Drama über das Ende geschaffen. Und seine Landsleute unter der Anleitung von Riccardo Chailly liefern in Hamburg voller heißer italienischer Leidenschaft großes Drama ab. Der Dirigent leuchtet dynamische Extreme aus und lässt es so laut werden, wie es bisher nur selten in der Elbphilharmonie wurde.

Der Star-Dirigent und seine Mailänder Musiker haben einen großen Ruf in der Musikwelt. Einen guten Namen haben auch die vier Solisten.

Ekaterina Gubanova begeistert in der Mezzosopran-Partie mit wahrhaft großer Stimme und enorm langem Atem. Ihr Gesang ist voller Präsenz, Autorität und natürlicher Selbstverständlichkeit. Auch über lautem Chor und Orchester ist sie jederzeit bestens zu hören, ihre großartigen Höhen strahlen wundervoll.

Der Tenor René Barbera ist ebenfalls stets gut hörbar über dem allgemeinen Geschehen, was bei den Pegeln alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist. Seine Höhen sind herrlich schön und dicht. Nur in tieferen Lagen klingt er etwas angestrengt und unnatürlich.

Der Bass Ferrucio Furlanetto begann erst im Alter von 22 Jahren sein Gesangsstudium – und ist trotzdem schon seit viereinhalb Jahrzehnten auf der großen Bühne. Seine besten Tage wird er hinter sich haben und manche der Rollen seines Repertoires wohl nicht mehr singen können.

Doch seine Solisten-Rolle im Verdi-Requiem füllt er ganz wunderbar und sehr treffend aus. Er ist ganz drinnen in seiner Rolle, seine gesangliche Darstellung hat Autorität. Seine tiefe Stimme ist erhaben und ehrfurchtsgebietend. Sein Bass klingt wie aus einer anderen Welt. Furlanetto legt sehr viel Gefühl, Überzeugung und Lebendigkeit in seinen Gesang. Als er kurz vor dem finalen Libera me „Ewige Ruhe gib Ihnen, Herr“ singt, dann klingt das so, als könne das niemand, auch der Herr im Himmel, nicht abschlagen. Furlanettos Stimme ist in höherem Alter noch groß und sehr präsent.

Die Sopranistin Tamara Wilson ist die einzige der vier wunderbaren Solisten, die nicht immer über die Klangmassive von Chor und Orchester kommt. Ihre Höhen klingen schön und kraftvoll, ihre Mittellage ist angenehm dicht. In den tieferen Lagen muss sie allerdings kämpfen, teilweise wirkt sie dabei angestrengt und klingt etwas unnatürlich.

Von gewaltiger Massivität ist dann wieder der Chor im finalen Libera me. Das lässt keinen kalt. Die Italiener erobern bei ihrem ersten Auftritt in der Elbphilharmonie das Publikum im Sturm und beenden den Abend so, wie sie ihn begonnen haben: mit erschütternden Pauken und Trompeten.

Sebastian Koik, 27. Mai 2018,
für klassik-begeistert.de

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