Verdis Requiem als spirituelle Erfahrung: Teodor Currentzis entfesselt das Jüngste Gericht in der Philharmonie Berlin

Giuseppe Verdi, Messa da Requiem, Teodor Currentzis, Berliner Philharmoniker  Phiharmonie Berlin, 29. November 2019

Am Ende dauert es ganze zwei Minuten ehe Teodor Currentzis durch das Senken der Arme den Weg für den frenetischen Schlussapplaus frei gibt. Man ist ihm dankbar für die Möglichkeit, diese Musik in sich ausschwingen zu lassen. Danach Jubel, Blumen und ehrliche, tiefe Begeisterung im Publikum.

Teodor Currentzis, © Nadia Rosenberg
Phiharmonie Berlin
, 29. November 2019
Giuseppe Verdi, Messa da Requiem
Teodor Currentzis  Dirigent
Berliner Philharmoniker
Zarina Abaeva 
Sopran
Annalisa Stroppa  Mezzosopran
Sergej Romanowsky  Tenor
Evgeny Stavinsky  Bass
musicAeterna Choir 

von Peter Sommeregger

Mit dem November endet traditionell die Zeit der Aufführungen der großen Totenmessen der Musikliteratur von Beethoven über Verdi zu Brahms. Dieser Abend in der Philharmonie setzte in diesem Jahr den Schlusspunkt und geriet gleichzeitig zum Höhepunkt.

Der exzentrische Griechen-Russe  Teodor Currentzis absolviert sein erstes Gastdirigat bei den Berliner Philharmonikern, mitgebracht hat er seinen musicAeterna-Chor aus dem russischen Perm sowie drei der vier Solisten.

Vom ersten Ton an ist der Gestaltungswille des Dirigenten spürbar, das einleitende Requiem entwickelt er langsam im Orchester aufblühend, um das folgende Dies irae mit einer Wucht zu musizieren, die für alle Beteiligten wie für das Publikum an die Grenzen des Machbaren und Erträglichen geht. Dabei spielt das Blech so sauber und gestochen scharf, der Dialog mit dem Chor und den Solisten funktioniert so makellos, dass allein die Präzision  schon bewunderungswürdig ist.

Man merkt schnell, dass sich mit Currentzis, seinem Chor und dem Berliner Orchester Gleichgesinnte gefunden haben, die gemeinsam eine kompromisslose, glühende Interpretation dieses Werkes ermöglichen. Die oft zu lesende Behauptung, das Requiem wäre Verdis beste Oper, kann man so nicht stehen lassen. Zu tief ist die religiöse Empfindung, die dieses Werk trägt, und bei aller Raffinesse der Solopartien unterscheiden diese sich doch sehr von Verdis Opernpartien. Eines haben sie allerdings mit jenen gemeinsam: wirklich gerecht können ihnen nur Spitzensänger werden.

© Olya Runyova

Die Sänger dieses Abends sind in Berlin weitgehend Unbekannte, was sich nach dieser Aufführung schlagartig ändern dürfte. Die junge Russin Zarina Abaeva verfügt über einen leuchtenden, hell timbrierten Sopran, der im Piano  kräftig, im Forte niemals schrill ist. Sie harmoniert optimal mit der kurzfristig eingesprungenen italienischen Mezzosopranistin Annalisa Stroppa. Der Zwiegesang des Recordare lässt die beiden Stimmen optimal verschmelzen, ein Moment schönster Harmonie. Aber auch im Solo des Lux aeterna beweist Stroppa ihre stimmlichen Qualitäten.

Der junge russische Tenor Sergej Romanowsky vereint in seiner Stimme eine fast stählern wirkende Kraft mit der Fähigkeit, sie in zartes Piano zurück zu nehmen. Das Ingemisco und Hostias waren Demonstrationen höchster Gesangskultur. Der Bass Evgeny Stavinsky komplettierte das Solistenquartett mit seinem kräftigen,warmen Bass.

Eine Klasse für sich ist der musicAeterna Chor. Currentzis hat sich ein Ensemble nach seinen kompromisslosen Vorstellungen geschaffen, das in der Präzision seinesgleichen sucht.

Philharmonie Berlin, © Schirmer

Eine gute Idee ist es, den Sopran im finalen Libera me inmitten des Chores zu platzieren. Das ermöglicht ein optimales Verschmelzen der Solostimme mit den Choristen, und Abaeva hat keine Mühe, trotzdem gehört zu werden.

Am Ende dauert es ganze zwei Minuten ehe Currentzis durch das Senken der Arme den Weg für den frenetischen Schlussapplaus frei gibt. Man ist ihm dankbar für die Möglichkeit, diese Musik in sich ausschwingen zu lassen. Danach Jubel, Blumen und ehrliche, tiefe Begeisterung im Publikum.

Peter Sommeregger, 30. November 2019 für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

4 Gedanken zu „Giuseppe Verdi, Messa da Requiem, Teodor Currentzis, Berliner Philharmoniker
Phiharmonie Berlin, 29. November 2019“

  1. Herzlichen Dank für Ihre Kritik, die sich wohltuend abhebt von der geradezu lächerlichen, wohl aus persönlicher Abneigung gegen den Exzentriker Currentzis befangenen und zum Teil auch schlicht falschen Darstellung eines Ihrer Kollegen vom RBB. Wer wie ich über Jahre hinweg die großartigen Interpretationen des Requiems von den Spitzendirigenten unserer Zeit erleben durfte, hätte es nicht für möglich gehalten, dass es noch eine solche mitreißende Steigerung geben könnte.

    Helmut Schäfer

    1. Wie recht Sie haben. Ich habe nach diesem wunderbaren Konzert viele Kritiken gelesen, bei denen ich mich gefragt habe, in welchem Konzert die Kritiker waren. Ich war so beeindruckt, dass ich es seither noch zweimal in der digital concerthall angesehen habe. Ich habe das Verdi Requiem schon oft in hervorragender Qualität gehört, war von dieser Aufführung aber total hingerissen.
      Kritiker, die sich erst einmal am Outfit des Dirigenten abarbeiten, kann ich sowieso nicht recht ernst nehmen.
      Mit freundlichen Grüßen
      M. Rieke

      1. Seien Sie gegrüßt, Frau Jegerlehner.

        „Kritiker, die sich erst einmal am Outfit des Dirigenten abarbeiten, kann ich sowieso nicht recht ernst nehmen.“

        Nicht nur sie. Ich habe die Vermutung, selbst Teodor Currentzis hatte langsam die Nase voll, dass sich Gott und die Welt nur auf seine Springerstiefel mit roten Schnürsenkel gestürzt haben. Wenn ich mich nicht täusche, hatte er bereits beim Verdi-Requiem im Wiener Konzerthaus das Schuhwerk gewechselt. Und wenn nicht bereits an diesem Abend, dann auf jeden Fall beim Da-Ponte-Zyklus, ebenfalls im Wiener Konzerthaus. Da trat er auf der Bühne mit „seriösen“ schwarzen Lackschuhen an, während er nach der Aufführung mit seinem altbekannten Schuhwerk durch die Gänge des Hauses schlenderte.

        Jürgen Pathy

  2. Wer sich am Outfit abarbeitet, sollte den Griffel besser aus der Hand legen. Ich habe Berlin nur aus der Konserve erlebt, teile aber die obigen Kommentare. Currentsis kenne ich im Original aus einigen konzertanten Opernaufführungen im Konzerthaus Dortmund mit seinem Orchester und Chor. Es waren jedes Mal ergreifende Momente, die ich nicht missen möchte.

    Udo Nickel

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