Krypta Konzert in Hamburg: Abtauchen in verborgene, tiefmenschliche Gefühlswelten

Hamburger Camerata, Krypta Konzert,  St. Michaelis, Hamburg

Krypta Konzert: In Memoriam Einojuhani Rautavaara
Die Hamburger Camerata im Michel

  • Benjamin Britten
    aus Simple Symphony 4 (1934)
    Sentimental Sarabande, Frolicsome Finale
  • Carl Nielsen
    Bläserquintett 43 (1922)
    Allegro ben moderato, Menuet – Trio, Präludium – Tema con variazioni
  • Benjamin Britten
    Lachrymae 48a, Reflexionen über ein Thema von Dowland (1950/76)
    Thema und Variationen
  • Kalevi Aho
    Solo XII für Bratsche – In memoriam Einojuhani Rautavaara (2017)
  • Einojuhani Rutavaara
    Suite für Streicher (1952)
    Presto, Andante, Vivace assai (alla giga)

von Ricarda Ott

„Musik ist Leben; und unauslöschlich wie dieses.“

Wer die Krypta von St. Michaelis kennt, weiß um die Besonderheit dieses weitflächigen, niedrigen Raumes unter dem Hauptkirchenraum in der Hamburger Neustadt. 52 gedrungene Granitsäulen stützen die Grabkammer des prächtigen Michels, hier ruhen neben vielen anderen die Gebeine des berühmten Hamburger Musikdirektors Johann Mattheson (1681-1764) und Carl Philipp Emanuel Bachs (1714-1788).

Obwohl nur wenige Stufen unter Straßenniveau, scheint dieser Ort entrückt vom Leben und vom Alltäglichen. Hier regiert die Stille, die Andacht, die Vergänglichkeit.

Ein Konzert, ja weltliche Musik in jenen ehrwürdigen Räumlichkeiten? Unbedingt – vor allem, wenn es ein Konzert ‚in memoriam‘ eines Komponisten ist, eines voller klingender Stille, erhabener Andacht und bedrückender Vergänglichkeit.

Benjamin Brittens ‚Sentimental Sarabande‘, der 3. Satz aus seiner Simple Symphony op. 4 für Streichorchester, eröffnet und stimmt ein. Satter, wunderschöner Streicherklang breitet sich aus und verströmt Hoffnung und Trost. Profund erdet die Oktave im Cello und sanglich die darüber fließende, mit Nachdruck gespielte Melodie in den Geigen. Die Musiker der Hamburger Camerata – und das gilt für das gesamte Konzert – spielen mit einer Hingabe, die jede Phrase, jeden Klang erfüllt.

Das ‚Frolicsome Finale‘ der Sinfonie gleicht anschließend einem hitzigen Disput voller lebensbejahender Kraft und Energie. Die Musiker – es leitet der Konzertmeister Gustav Frielinghaus vom ersten Pult aus – sind wach, aufmerksam und reaktionsschnell. Wer nur wenige Meter von den Musikern entfernt sitzt, kann wunderbar beobachten und lauschen.

Die Musiker spielen mittig der Krypta im Halbkreis, das Publikum in zahlreichen Stuhlreihen ergänzt diesen Kreis. Es gibt keine Bühne, die Musiker kommen von unterschiedlichen Seiten aus Räumen, teils hinter Trennwänden hervor. Alles wirkt ein wenig improvisiert, doch der musikalische Vortrag ist das gesamte Konzert über absolut überzeugend.

Carl Nielsens Bläserquintett op. 43 zeigt anschließend in spannendem Kontrast zum gerade verklungenen Streicherklang die vielfältige Klangschönheit der fünf Holzbläser. In drei charakterlich unterschiedlichen Sätzen setzt der von Mozarts Quintett für Klavier und Bläser inspirierte Nielsen die Stimmen musikalisch fest umschlungen, miteinander wetteifernd oder gar scharf kontrastierend ein. Ein spannendes Werk, das als einziges an diesem Abend in einer größeren, akustisch weittragenderen Umgebung besser gewirkt hätte.

Auch den zweiten Teil des Konzertes eröffnet Britten mit dem Werk Lachrymae – Reflections on a Song of John Dowland für Viola und Streichorchester. Weniger hoffnungsvoll als nachdenklich webt Britten zunächst fragmentarisch und variiert das Klagelied Dowlands If my complaints could passions move (1604) in die moderne Klangsprache des Stücks, bis die Melodie schließlich am Schluss als Choral in voller Länge erklingt.

Es ist eine Suche, ein kraftvolles Streben hin zur runden, vollendeten Melodie. Eine tiefmenschliche Suche nach Vollendung, Trost und innerem Frieden, auf die sich die immer präsente Solistin Hiyoli Togawa mit der tiefen Stimme ihrer Bratsche und die Musiker begeben und den Zuhörer mitziehen. Großartige Komposition, großartige Interpretation.

Suchte man einen Ort, der desorientiertes Streben, ein Gefühl des einsamen Verlorenseins, aber auch der kraftvollen Stille und des vollkommenen Friedens assoziativ verkörpert, so wäre dies vielleicht Lappland.

Dort, in der tiefen Stille endloser Wälder und spiegelglatter Seen hat der finnische Komponist Kalevi Aho (*1949) das Werk Solo XII für Bratsche – In Memoriam Einojuhani Rautavaara komponiert. Das Hiyoli Togawa gewidmete und erst 2017 von ihr selbst uraufgeführte Werk erklang an diesem Abend zum ersten Mal überhaupt in Deutschland und blieb aus verschiedenen, schwerlich in Worte zu fassenden Gründen eines der Highlights des Abends. Sphärisch und irdisch interpretierbare Klänge der fast menschlich „sprechenden“ Bratsche; auch hier Fragmentarisches gegen Vollkommenes, eine immerfort währende auskomponierte, tief berührende Stille.

Zuletzt erklingt die Suite für Streicher von Einojuhani Rautavaara (1928-2016) selbst. Das als Frühwerk Rautavaaras geltende neoklassizistische Werk ist wandelbar, kraftvoll und feingliedrig zugleich, expressiv und intim. Ein starker Abschluss eines Konzertes, das den aufmerksamen Zuhörer in verborgene, tiefmenschliche Gefühlswelten zu transportieren vermochte und in sakral-andächtiger Atmosphäre die Worte Carl Nielsens – „Musik ist Leben; und unauslöschlich wie dieses“ – in bester Weise umzusetzen wusste.

Nach dem Konzert steigt man die Stufen wieder hinauf, ist zurück im pulsierenden Herzen der Großstadt und um Eindrücke, Empfindungen und wunderschöne Klänge bereichert.

Ricarda Ott, 2. Februar 2018, für
klassik-begeistert.de

Viola – Hiyoli Togawa
Violine & Leitung – Gustav Frielinghaus
Flöte – Imme-Jeanne Klett
Oboe – Gonzalo Mejía
Klarinette – Johann-Peter Taferner
Horn – César Cabanero Martínez
Fagott – Markus Pfeiff
Hamburger Camerata

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