Hana Chang © Kaupo Kikkas
4. Philharmonisches Konzert: Verehrt und verewigt
Ein Musikerlebnis der Extraklasse, das vom rundum enthusiasmierten Auditorium mit gebührend lang anhaltendem Beifall bedacht wird.
Maurice Ravel Le Tombeau de Couperin, Suite d’Orchestre
Johannes Brahms Violinkonzert D-Dur op. 77
Edward Elgar Enigma-Variationen op. 36
Hana Chang Violine
Finnegan Downie Dear Dirigent
Die Bremer Philharmoniker
Bremer Konzerthaus Die Glocke, 15. Dezember 2025
von Dr. Gerd Klingeberg
Da steht sie, nahezu bewegungslos, Geige und Bogen hängen locker in ihrer Hand: Violinistin Hana Chang, eine zierliche Person vor dem groß besetzten Orchester, das sich in den mehr als drei langen Minuten der Sinfonie-Einleitung bereits auf optimale Betriebstemperatur eingespielt hat. Dann kommt Bewegung in die junge Solistin; geschmeidig und punktgenau fädelt sie sich ein in das laufende orchestrale Geschehen, legt aus dem Stand heraus gehörig zu, behauptet sich mit attackierend kraftvollem Strich und dem satten, tragfähigen Klang ihrer Amati höchst eindrucksvoll gegen die vermeintliche Übermacht des Ensembles.
Brahms’ Violinkonzert, dereinst gar als unspielbar deklariert, ist eine der ganz großen Herausforderungen für jeden ambitionierten Violinisten. Die 23-jährige amerikanische Geigerin, die schon jetzt mit einer wahrhaft beeindruckenden musikalischen Vita aufwarten kann, bewältigt die hochkarätigen spieltechnischen Raffinessen mit bemerkenswerter Bravour; die schnellen Passagen kommen locker und leicht, die ruhigeren Sequenzen imponieren mit sanglicher Süße. Dazu erweist sich Chang als nuanciert auslotende, sensibel agierende Interpretin.
Atemberaubende Fingerakrobatik
Die Wartezeit bis zum Start der Solostimme ist auch im 2. Satz Adagio nur unwesentlich kürzer als im Kopfsatz; Chang erwartet ihren Einsatz mit stoischer Gelassenheit. Über sanfter Holzbläser-Grundierung legt die Oboe zunächst eine verklärte Melodie vor, die variierend von der Sologeige mit virtuos vorgetragenen lieblichen Figurationen kantabel umspielt wird. Das ist Musik für die Seele, auch wenn man sich dafür ein vielleicht noch etwas ruhigeres Tempo, noch ein Quäntchen mehr an „romantischer“ Innigkeit gewünscht hätte – was bei Chang durchaus zu spüren ist, vom Orchester indes nur ansatzweise aufgenommen wird.
Dafür darf es im abschließenden Allegro giocoso umso schwungvoller, impulsiver zur Sache gehen. Und da gibt es für Solistin und Ensemble kein Halten mehr. Mit Verve und mitreißender Vehemenz geht’s an die feurigen ziganen Rhythmen, ausgelassen, aber dennoch blitzsauber, auch bei den geradezu fingerakrobatischen, atemberaubend schnellen Doppelgriffpassagen, die Chang indes gleichermaßen mit Temperament und Eleganz souverän absolviert. Schließlich der finale Sturmlauf, unter gegenseitigem Anfeuern hochgradig fesselnd und begeisternd bis hin zu den drei donnernden Schlussakkorden. Frenetischer Beifall brandet auf. Als äußerst gefühlvolle Bach-Interpretin erweist sich Chang mit der Zugabe, dem Largo aus der Bach-Sonate Nr. 3 für Violine solo, in derart empfindsamer Intonierung, dass für einen Moment absolute Ruhe im Saal herrscht.
Bei solch überwältigender, berauschend imponierender Klangfülle, die bei Brahms’ sinfonischem ‚Achttausender‘ zu Gehör gebracht wird, verwundert es hingegen wenig, dass die zuvor gewiss etwas bescheidenere, gleichwohl in plastischer Farbintensität gespielte Orchestersuite „Le Tombeau de Couperin” von Ravel im Nachhinein leider doch etwas in den Hintergrund rückt. Zumal das Orchester auch nach der Pause mit Elgars berühmten „Enigma-Variationen“ ein weiteres grandioses Klanguniversum eröffnet.
Kunstvoll komponierte, grandios nachgezeichnete Charakterstudien
Unter der umsichtigen Stabführung des britischen Dirigenten Finnegan Downie Dear lassen die Bremer Philharmoniker dabei keineswegs enigmatische, sondern vielmehr detailliert ausgeführte, durchweg ausdrucksstarke Zeichnungen entstehen, als sehr gelungene Abbilder der unterschiedlichen, kompositorisch kunstvoll erstellten Elgar’schen Charakterstudien.

So wird eingangs in gemütvoll freundlichen, zarten Klängen Elgars Gattin Caroline Alice skizziert; humorvoll karikierend geraten etwa die Bilder des hitzigen Mimen Richard Baxter Townshend sowie der ziemlich tollpatschigen pianistischen Versuche des Architekten Arthur Troyte Griffith. Dazu kontrastieren breite romantische Harmonien als stimmiges musikalisches Porträt der Bratschistin Isobel Fitton. Und mittendrin „Nimrod“, einer der in der gesamten romantischen Musik wohl schönsten, innigsten, berührendsten Sätze, den die Philharmoniker vom nur einen Hauch über der Hörschwelle liegenden Pianissimo zu überaus breitflächigen Harmonien aufblühen lassen: Einfach nur zum Heulen schön!
Und dann wieder, in nicht minder kontrastreicher orchestraler Präsentation, die Szenerie der aufgeregten wuseligen Versuche eines George Robert Sinclairs, seine eigensinnige Bulldogge Dan bei Fuß zu zitieren. Oder, als wonnevolles Idyll in sepiafarbigen satten Klängen, die Cello-Seligkeit eines Basil G. Nevinson.

Schließlich, als letzte der 14 Variationen, Edward Elgar in persona als Selbstbildnis: Da scheint Downie Dear mit seinem motivierenden Dirigat ohne jedwede britisch-noble Zurückhaltung glatt über sich hinauszuwachsen, dieweil die Philharmoniker in einer exzeptionellen Steigerung mit donnernden Pauken, tosendem Blech und resolut agierenden Streichern und Bläsern ihr volles dynamisches Potenzial abrufen zu empire-stolzer koronaler Prachtentfaltung in überwältigender, schwerlich noch zu toppender „Pomp and Circumstance“-Manier.
Ein Musikerlebnis der Extraklasse, das vom rundum enthusiasmierten Auditorium mit gebührend lang anhaltendem Beifall bedacht wird.
Dr. Gerd Klingeberg, 16. Dezember 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
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