Kinder erleben hier eine andere Welt als Erwachsene

Heidi, Johanna Spyri,  Salzburger Landestheater, 29. Dezember 2021

Foto: © Tobias Witzgall

Salzburger Landestheater, 29. Dezember 2021

Heidi, Johanna Spyri
Kinderstück mit Musik

von Lothar und Sylvia Schweitzer

Für uns erwachsene Opernbesucher sind hier angenehm viele Kinder, erstaunlich auch viele Kleinkinder. Sie haben sich spürbar gut unterhalten. Ein Bub verband Theater anscheinend aus Erzählungen der Erwachsenen mit viel Applaus, weil er des Öfteren unmotiviert hineinklatschte, oder mit dem Kasperltheater, wo Kinder manchmal angeleitet werden sich laut zu äußern. Nicht eine ausgezeichnete Vorstellung von der Oper „Hänsel und Gretel“ im Salzburger Marionettentheater sondern dieses Musical animierte in Folge Enkel Aeneas (8 Jahre) auffallend seine Stimme auszuprobieren und zu singen.

Aber sehen Kinder hier nicht eine andere Welt als Erwachsene? Wir zum Beispiel waren an manchen Stellen fast zu Tränen gerührt. Wenn zum Beispiel der misanthropische Großvater Almöhi durch die Begegnung mit Heidi immer weichherziger wird. Eine größere Lebenserfahrung ist eben von Vorteil.

Vor dem zweiten Teil haben wir uns etwas gefürchtet. Da verlässt Heidi wieder das Haus der Familie der behinderten Klara, der sie so viel Sonnenschein gebracht hat, um zurück in die Berge zu ziehen. Wohl gönnt ihr das die gutherzige Klara. Aber ein Trost bleibt. Stadt und Land gehen eine Beziehung ein. Jeden Winter wird Heidi von den frostigen Bergen wieder in die Stadt zu Klara, ihre zweite Heimat, zurückkehren.

Es wäre nicht das Landestheater, gäbe es nicht eine vorbildliche Vorstellung und Inszenierung. Neben der Autorin Johanna Spyri sollen die Namen des Komponisten Stephan Witt und des Regisseurs und Vaters der Bühnenfassung, Marco Dott gebührend gewürdigt werden. Die ansprechende Optik (Bühne und Kostüme) stammt von Katja Schindowski. Unerlässlich für das Stück sind Bewegung und Tanz. Hier zeichnet das Duo Josef Vesely und Kate Watson. Geheimnisvoll im Hintergrund bleibt für gewöhnlich die Dramaturgie (Christina Piegger).

Für die bereits bühnenerfahrene Patrizia Unger kommt die Rolle der Heidi wohl einige Jahre zu spät. Gewiss schwieriger und risikoreicher wäre es, auf eine jüngere Talententdeckung zu setzen. Beachtenswert sind die Doppelbesetzungen. Ein Sängerschauspieler spielt zwei gar nicht verwandte Charaktere. So Aaron Röll einerseits den unverbildeten Ziegenhirten, andrerseits den Diener in feinem Hause und raubt uns noch dazu mit seinen akrobatischen Leistungen den Atem. Axel Meinhart, der Max Dettweiler in „The Sound of Music“, mimt sowohl den einsiedlerischen Großvater von Heidi als auch den verwitweten, oft auf Geschäftsreisen sich flüchtenden Vater der gehbehinderten Klara, obwohl diese beiden Typen zarte Querverbindungen aufscheinen lassen. Gesanglich interessanter ist die Partie des Almöhi. Als Opernfans hätten wir halt gern gehabt, wenn Axel Meinhardt einmal ein tiefes F eingelegt hätte. Wir vermissen ein Live-Orchester. Die Musik läuft vom Band, ohne nähere Angaben im Programm.

Elisabeth Mackner hat zweieinhalb Generationen – eine in die Jahre gekommene Tante  und die jugendliche Klara – zu verkörpern. Auch Hauslehrer und Türmer sind in Wirklichkeit eine Person. Enkel Aeneas sah immer zwei Persönlichkeiten. Ein Bravo für die Schauspielkunst!

© Tobias Witzgall

Britta Bayer spielt die gestrenge Erzieherin Fräulein Rottenmeier so, dass man mit Klara leidet. In dem Werk wird das Leben mit ihren Licht- und Schattenseiten den Kindern vor Augen gebracht, ohne ihnen den Lebensmut zu nehmen.

Gehen die kleinen Theaterfans mit dem kostenlosen, zweimal gefalteten Programmblatt sorgsam um, können sie es als Würfelspiel weiter verwenden und die Erinnerung an eine schöne Matinee kann wach bleiben.

Lothar und Sylvia Schweitzer, 29. Dezember 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Richard Wagner, Die Meistersinger von Nürnberg, Kinderoper, Bayreuther Festspiele, 27. Juli 2019

          

Kinderoper – Bayreuther Festspiele, Der Ring des Nibelungen, 4. August 2018

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