Long Long kehrt zurück nach Bregenz – zwischen Wind und Spiegeln, Teil II

Interview: kb im Gespräch mit dem Tenor Long Long, Teil II  klassik-begeistert.de, 7. August 2026

Bregenz La traviata © Christian Lins

Im Sommer 2026 kehrte der chinesische Tenor Long Long auf die Seebühne der Bregenzer Festspiele zurück – diesmal als Alfredo in VerdiLa traviata.

Als erster chinesischer Sänger, der den internationalen Gesangswettbewerb „Neue Stimmen“ gewann, ist er auf bedeutenden Opernbühnen weltweit aufgetreten, darunter an der Metropolitan Opera in New York, am Royal Opera House in London und an der Bayerischen Staatsoper in München. Nach seinem Auftritt als Herzog von Mantua in Rigoletto im Jahr 2021 war seine Rückkehr nach Bregenz eine besondere Wiederbegegnung mit einem Ort, der ihm bereits vertraut war – diesmal inmitten der zerbrochenen Spiegelwelt der Seebühne.

An der Seebühne spricht Long Long mit Feng Getong, Doktorandin der Neueren deutschen Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Der Verführer und der Liebende: Herzog und Alfredo

klassik-begeistert: Sie haben auf der Seebühne sowohl den Herzog in Rigoletto als auch Alfredo in La traviata gesungen. Beide sind lyrische Tenorpartien bei Verdi, klingen aber sehr unterschiedlich. Wie gestalten Sie die beiden Rollen stimmlich?

Long Long: Was Stimmfach und Gesangstechnik betrifft, gibt es zunächst einige Gemeinsamkeiten. Im direkten Vergleich merkt man aber schnell, wie unterschiedlich die musikalische Sprache der beiden ist. Der Herzog ist deutlich virtuoser. Seine Arien sind meist voller und stärker von einer ungezügelten sexuellen Spannung und körperlichen Energie geprägt. Seine Musik hat eine unmittelbare, nach außen gerichtete Kraft, die seine Wirkung sofort spürbar macht. Alfredos Stimme hingegen erzählt nicht nur die Melodie, sondern zugleich auch die psychologische Entwicklung der Figur.

klassik-begeistert: Wenn wir von der Stimme zur Figur kommen: Was unterscheidet die beiden im Kern? Und wie gehen Sie bei der Gestaltung der Rollen damit um?

Long Long: Der Unterschied wird deutlich, wenn man sich anschaut, was diese beiden Figuren im Innersten ausmacht. Der Herzog bleibt im Grunde vom Anfang bis zum Ende derselbe. Selbst als er erfährt, dass Gilda entführt wurde und in Parmi veder le lagrime einen bewegenden Moment hat, würde ich das nicht einfach als Ausdruck echter Liebe verstehen. Schon bald führen ihn Musik und Handlung wieder zurück in seine Rolle als Frauenheld. Sein Schmerz ist nicht der eines Mannes, der sich wirklich öffnet und einen geliebten Menschen verliert. Dahinter steckt vor allem sein eigenes Verlangen. Auch später übernimmt er keine Verantwortung für seine Beziehungen, sondern macht als Verführer einfach weiter.

Bregenz Rigoletto © Karl Forster

Alfredo ist ganz anders. Bei ihm gehört zunächst etwas Naives und auch ein wenig Ungeschicktes zu einem jungen Mann, der noch nicht weiß, wie er mit seinen Gefühlen umgehen soll. Er hat sein Leben nicht jederzeit unter Kontrolle. Entscheidend ist aber, dass er es mit der Liebe ernst meint. Er ist impulsiv und macht Fehler, durch die er Violetta verletzt. Doch genau das gehört zu seiner Entwicklung: Er liebt sie, verletzt sie, bereut es und lernt schließlich, was Liebe wirklich bedeutet. Deshalb können zwei Tenorrollen von Verdi, die sich stimmlich durchaus ähneln, in Klang, Darstellung und vor allem in ihrem Wesen am Ende ganz unterschiedlich wirken.

Auf der Weltbühne

klassik-begeistert: Sie haben Alfredo schon früh in Ihrer Karriere gesungen und die Rolle inzwischen in China, den USA, Chile, Spanien, Deutschland und Tschechien in ganz unterschiedlichen Produktionen verkörpert. Nach so vielen Alfredos auf den großen Bühnen der Welt: Was bedeutet diese Rolle heute für Sie? Und wie geht es nach Bregenz weiter?

Bregenz La traviata © Christian Lins

Long Long: Alfredo begleitet mich schon seit vielen Jahren. Ich habe ihn in sehr unterschiedlichen Ländern, an ganz verschiedenen Opernhäusern und unter ganz unterschiedlichen Regisseuren gesungen. Mit jeder Produktion lernt man die Figur besser kennen, und gleichzeitig entdeckt man immer wieder etwas Neues an ihr. Gerade das macht diese Rolle für mich so interessant. Man entwickelt eine gewisse Vertrautheit mit Alfredo, aber man darf nie aufhören, ihn neu zu betrachten.

Und viel Zeit zum Abschiednehmen bleibt diesmal ohnehin nicht. Direkt nach Bregenz fliege ich nach Toronto und steige dort bereits am Tag nach meiner Ankunft in eine neue Produktion von La traviata bei der Canadian Opera Company ein, wieder als Alfredo. Das ist für mich eine schöne Gelegenheit, dieselbe Figur unmittelbar nach Bregenz noch einmal aus einer ganz anderen Perspektive zu erleben. Ein vertrauter Alfredo, aber in einer neuen Welt.

klassik-begeistert: Ihre Karriere führt Sie durch ganz unterschiedliche kulturelle Räume, von China über Europa bis auf Opernbühnen in aller Welt. Möchten Sie Ihre eigene kulturelle Prägung bewusst in die westliche Oper einbringen? Oder treten Sie bei einer Rolle zunächst eher in den Hintergrund, um ganz in ihren kulturellen Kontext einzutauchen?

Long Long: Für mich ist es wichtig, das Werk und seinen kulturellen Hintergrund ernst zu nehmen, statt die eigene Herkunft bewusst in den Vordergrund zu stellen. Wenn ich Alfredo, den Herzog oder eine andere Figur singe, möchte ich, dass das Publikum zuerst diese Figur sieht – und nicht „einen Chinesen, der diese Figur spielt“. Meine Herkunft muss dabei nicht verschwinden. Sie ist ein Teil von mir und fließt ganz selbstverständlich in meine Interpretation ein. Aber sie sollte nicht die Figur überlagern.

Jenseits der KI: Was nur der Live-Moment kann

klassik-begeistert: Ich möchte besonders mit Ihnen über KI und Oper sprechen. Glauben Sie, dass KI eines Tages menschliche Opernsänger ersetzen könnte?

Long Long: Viele sind überzeugt, dass Künstler nicht ersetzt werden können, weil Kunst etwas zutiefst Menschliches ist. Ich bin mir da nicht so sicher. KI ist ein gewaltiges System, das immer mehr Informationen und Daten verarbeiten kann. Je weiter sie sich entwickelt, desto mehr kann sie auch die Eigenheiten, Ausdrucksformen und Erfahrungen unzähliger Künstler aufnehmen. Daraus könnten Formen von Darstellung entstehen, die wir uns heute vielleicht noch gar nicht vorstellen können.

Bregenz La traviata © Christian Lins

Man darf auch nicht vergessen, dass Darstellung immer mit einer gewissen Kontrolle verbunden ist. Wenn ein Schauspieler auf der Bühne weint, heißt das nicht, dass er tatsächlich in Trauer versinkt. Ein guter Darsteller muss beides miteinander verbinden: Er muss die Figur emotional erleben und gleichzeitig Stimme, Körper und Timing unter Kontrolle behalten. Man darf sich also nicht völlig in der Rolle verlieren.

Und genau deshalb halte ich es für denkbar, dass KI irgendwann auch solche Fähigkeiten erlernen kann. Was Künstler über Jahre an Technik, Erfahrung und Ausdruck entwickeln, lässt sich zumindest theoretisch analysieren und nachbilden. Deshalb würde ich nicht ausschließen, dass KI eines Tages auch menschliche Darsteller ersetzen könnte.

klassik-begeistert: Wenn KI eine Rolle irgendwann nahezu perfekt darstellen könnte, läge für menschliche Künstler das Wertvollste des Live-Erlebnisses gerade in dem, was sich nicht reproduzieren lässt. In Bregenz steht La traviata innerhalb von 33 Tagen 28 Mal auf dem Spielplan. Trotzdem ist keine Vorstellung genau wie die andere. Was macht diesen Unterschied für Sie aus?

Long Long: Wenn man sich in jeder Vorstellung wirklich auf die Figur einlässt, fühlt sich keine davon wie eine bloße Wiederholung an. Natürlich braucht man eine eine solide Gesangstechnik. Aber genauso wichtig ist es, immer wieder nach neuen Möglichkeiten zu suchen. Wenn man jeden Abend genau dasselbe macht, wird man selbst irgendwann müde, und das merkt auch das Publikum.

Ich versuche deshalb, in jeder Vorstellung kleine Dinge anders zu machen. Ein Satz kann heute etwas sanfter klingen, beim nächsten Mal vielleicht intensiver oder emotionaler. Diese kleinen Veränderungen halten mich selbst wach und präsent.

In Bregenz kommt noch etwas Besonderes hinzu: Das Wetter, das Licht und der See sind jeden Abend anders. Man spielt mitten in der Natur, und die Umgebung verändert sich ständig. Dadurch entsteht jedes Mal eine etwas andere Atmosphäre. Genau das macht für mich den Reiz des Live-Erlebnisses aus.

La traviata Bregenzer Festspiele © Anja Koehler

klassik-begeistert: In Bregenz kommt diese Ungewissheit sogar aus der Natur selbst. Gab es einen Moment, in dem Sie besonders deutlich gespürt haben, dass die Natur Teil der Aufführung wird?

Long Long: Natürlich. Zum Beispiel bei Sempre libera. Ich stand weit oben auf einem der Spiegelfragmente. In diesem Moment kam eine leichte Brise vom See, meine Haare und meine Kleidung bewegten sich im Wind. Da wurde mir plötzlich bewusst, dass ich nicht in einem geschlossenen, kontrollierbaren Theaterraum stand. Die Natur war keine Kulisse, sondern Teil dessen, was gerade auf der Bühne geschah. Ich hatte sogar das Gefühl, dass meine Stimme mit dem Wind über den See hinausgetragen wird. Eine solche Erfahrung kann ein klassisches Theater kaum bieten.

klassik-begeistert: Was nehmen Sie aus dieser Zeit in Bregenz mit?

Long Long: Vor allem ein anderes Verständnis davon, was eine Live-Aufführung sein kann. Oper ist immer eine Kunst des Augenblicks. In Bregenz teilen Künstler und Publikum nicht nur denselben Ort und denselben Moment, auch die Natur gehört dazu. Wind, Wasser, Licht und die Stimmung des Sees sind Teil des Abends und jedes Mal ein wenig anders. Diese Erfahrung werde ich sicher mitnehmen. Sie hat mir noch einmal gezeigt, wie unmittelbar und einzigartig eine Aufführung sein kann. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich gerne eines Tages nach Bregenz zurückkehren würde.

klassik-begeistert: Herzlichen Dank für Ihre Zeit und die spannenden Einblicke in Ihre Arbeit!

Getong Feng, 8. August 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Interview: kb im Gespräch mit dem Tenor Long Long, Teil I klassik-begeistert.de, 6. August 2026

Verdi, La Traviata, Bregenzer Festspiele Seebühne Bregenz, 22. Juli 2026 PREMIERE

Leoš Janáček, Die Ausflüge des Herrn Brouček Bregenzer Festspiele, Festspielhaus, 23. Juli 2026

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