"Hoffmanns Erzählungen": Groteske Figuren in der Volksoper Wien

Jacques Offenbach, Hoffmanns Erzählungen,  Volksoper Wien

Foto: Barbara Pálffy/Volksoper Wien (c)

Volksoper Wien, 5. Mai 2018
Jacques Offenbach, Hoffmanns Erzählungen

von Jürgen Pathy

Zu Beginn der skurrilen Inszenierung des Künstlergespanns Doucet & Barbe drängt sich in der Volksoper Wien der Teufel in den Mittelpunkt des Geschehens. Des unverschämten Jacques Offenbachs wegen, der es wagte ihn in „Orpheus in der Unterwelt“ zu verspotten, führt er einen fassungslosen Monolog. Der Antichrist fühlt sich auch brüskiert wegen der regelmäßig auftauchenden Teile der Originalpartitur, obwohl er höchstpersönlich Sorge getragen habe, diese verschwinden zu lassen – kurzum: Lucifer brennt vor Wut!

Letztendlich wird dieses auf verschiedener Erzählungen des Dichters E.T.A. Hoffmann basierende Musikdrama den Titelhelden zu einer bitteren Erkenntnis führen: „Püppchen, Primadonna oder Kurtisane. Drei Frauen und doch nur eine. Drei Seelen, in Wirklichkeit keine“.

Auf dem Weg zur Erkenntnis weiß Vincent Schirrmacher in der Volksoper Wien dieses Mal deutlich besser zu überzeugen als noch als Prinz in Antonín Dvořáks „Rusalka“. Die entrückte Reise ins Unbewusste des Komponisten Jacques Offenbach – der auf der Suche nach der Liebe sein ultimatives Meisterwerk erschaffen hatte – gelingt dem jungen Ensemblemitglied darstellerisch glaubwürdig.

Ob als torkelnder Besoffener der von Klein-Zack fantasiert, als geblendeter Verliebter oder als vor den Kopf gestoßener Junggeselle: Schirrmacher überzeugt an diesem Abend – vor allem auch mit einem bewundernswerten hohen Register im Forte, das ihm frenetischen Szenenapplaus beschert.  Nur zum Ende hin kämpft er mit seinen Kräften: die Rezitative wirken ungeschmeidig, den zuvor verblüffenden Höhen fehlt das nötige Volumen.

Seine unglücklichen Amouren enden alle in einer Tragödie: Aufgrund eines geplatzten Wechsels zerstört Coppelius den karikaturistischen Automaten Olympia, dessen Spitzentöne selbst über der weiten Tessitura noch angenehmes Wohlbefinden erzeugen – dafür sorgt die beeindruckende Gesangskunst der Hausdebütantin Sophia Theodorides.

Die junge Sängerin Antonia segnet das Zeitliche, weil sie den perfiden Überredungskünsten des dämonischen Doktors Mirakel nicht widerstehen kann und sich dessen Tod geweihter Sangeskunst hingibt. Çigdem Soyarslans Darbietung der leidenschaftlich Liebenden kann E.T.A. Hoffmanns Vorgaben des Originaltextes (Rat Krespel) betörend widerspiegeln: „Der Klang von Antoniens Stimme war ganz eigentümlich und seltsam, oft dem Hauch der Äolsharfe, oft dem Schmettern der Nachtigall gleichend. Die Töne schienen nicht Raum haben zu können in der menschlichen Brust.“

Qualitativ – dramaturgisch, gesanglich, orchestral – sticht der Antonia-Akt deutlich aus dem gesamten Werk hervor: Neben der famosen Soyarslan, einem wieder einmal herausragenden Weltklasse-Bassisten Stefan Cerny (Krespel) können Gerrit Prießnitz und das Orchester der Volksoper Wien den Spannungsbogen durchgehend aufrechterhalten und emotional mitreißen. Eine Meisterschaft, die das Orchester und dessen Stabführer leider nicht über die gesamte Nettospielzeit von knapp drei Stunden beibehalten können. Einen unüberhörbar schwachen Tag erwischt die Klarinette.

Selbiges Schicksal ereilt die dritte Liebschaft: die Kurtisane Giulietta quält das Publikum mit einem schmerzhaft schrillen Gesang – Ursula Pfitzner ist in dieser Partie eine Fehlbesetzung.  Generell hinkt der Giulietta-Akt, der bei der Uraufführung der fantastischen Oper am 10. Februar 1881 in der Opéra-Comique Paris noch gestrichen wurde, qualitativ weit hinter den restlichen Akten hinterher.

Nur die Diamanten-Arie des schelmischen Dappertutto erhält zu Recht stürmischen Beifall: der Niederösterreicher Josef Wagner mimt insgesamt einen großartigen – in vierfacher Maske wiederkehrenden – dämonischen Gegenspieler Hoffmanns.

Neben Publikumsliebling Vincent Schirrmacher (Hoffmann), der deutschen Koloratursopranistin Sophia Theodorides (Olympia), der bezaubernden türkischen Sopranistin Çigdem Soyarslan (Antonia) empfängt auch Hoffmanns ständiger Schatten den lautesten Schlussapplaus: Mezzosopranistin Elvira Soukops geniale Verkörperung der Muse, deren hämischer Spott das ein oder andere Mal zwar zu ordinär ausfällt, lässt darstellerisch keine Wünsche offen und kann stimmlich mit einem beachtenswerten Timbre aufhorchen lassen.

Nachdem Hoffmann die Erfüllung seiner Sehnsüchte nicht in der Liebe findet, sondern nur Arglist, Eifersucht, Mord und Intrige, bleibt in Offenbachs Drama nur ein Rückschluss offen: nicht die Liebe, sondern die Kunst alleine führt zum wahren Glück!

Wer keine Probleme mit grotesken Figuren, frivolen Showeinlagen und ordinären Provokationen hat, dem seien die Vorstellungen ab dem 10. Mai 2018 empfohlen.

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 6. Mai 2018, für
klassik-begeistert.de

Gerrit Prießnitz, Dirigent
Regie und Choreographie, Renaud Doucet
Ausstattung, André Barbe

Vincent Schirrmacher, Hoffmann
Elvira Soukop, die Muse / Niklaus
Sophia Theodorides, Olympia
Çigdem Soyarslan, Antonia
Ursula Pfitzner, Giulietta
Josef Wagner, Lindorf / Coppelius / Dr. Mirakel / Dapertutto
Stefan Cerny, Luther / Krespel
Alexander Pinderak, Cochenille / Franz / Pitichinaccio
Karl-Michael Ebner, Andres / Spalanzani
Antonias Martina Mikelić, Stimme der Mutter
Ben Connor, Hermann
Christian Drescher, Nathanael
Alexandre Beuchat, Wolfram / Schlemihl
Maximilian Klakow, Wilhelm
Bettina Shilov, Frau Luther
Renate Pitscheider, Stella

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