Liederabend Wiener Staatsoper: Vom Bariton Tomasz Konieczny sind noch viele eindrückliche Begegnungen zu erwarten

Liederabend TOMASZ KONIECZNY,  Wiener Staatsoper, 11. Juni 2020

Wiener Staatsoper, 11. Juni 2020:
Liederabend TOMASZ KONIECZNY
Klavier: Lech Napierala
Fotos: Michael Pöhn (c)

Dr. Sieglinde Pfabigan (onlinemerker.com)

Wenn man unter „Stars“ unverwechselbare Persönlichkeiten versteht, dann gehört der polnische Bassbariton und Kammersänger der Wiener Staatsoper gewiss dazu. Seit wir ihn als Alberich in der nun ein Dutzend Jahre alten „Ring des Nibelungen“-Produktion kennen lernten, zeichnete er sich durch große Eindringlichkeit aus, mit seiner damals schon unglaublich durchschlagskräftigen Stimme und Höhen, die schon fast in den tenoralen Bereich übergingen. Inzwischen hat er, nach dem Umstieg vom Zwerg zum Gott, eine beeindruckende resonante Tiefe dazugewonnen, die ihm neben den Extremcharakteren auch fest in sich ruhende Menschenbilder gestalten hilft. Der Liedsänger Konieczny präsentiert nun eine Stimme, wie ich mich in diesem Bereich keiner ähnlichen entsinne. Zwischen den Extremen einer in allen Lagen geradezu unheimlichen Kraft und fast gesprochenen, manchmal fast tonlosen leisen Phrasen bewegt sich sein Vortrag. Die Notenblätter, die er den ganzen Abend vor sich liegen hat, tun da wohl nichts zur Sache, sichern ihm nur die richtige Reihenfolge.

Aber eines haben alle 12 Richard-Strauss-Lieder, die „Drei Lieder aus dem Zyklus Znad Wilii“ des polnischen Komponisten Romuald Twardowski und die 11 Rachmaninow-Lieder in seiner Darbietung gemeinsam: Es sind größtenteils Liebeslieder, die wenigsten davon auf Glücksmomente fokussiert, und alle werden zumindest teilweise mit allerhöchstem Krafteinsatz vorgetragen. Wirklich lyrischer Gesang, wie die klassischen Liedkomponisten ihn mehrheitlich fordern, wird kaum geboten. Aber die Intensität, mit der Konieczny alles Gesungene zum Besten gibt, ist schon beeindruckend.

Was man ihm in früheren Jahren oft mit Recht vorwarf, nämlich dass er, vermutlich zu leichterer Bewältigung, Vokalverfärbungen einbrachte, ist nun auf ein Minimum reduziert. Seine deutsche Aussprache in den Strauss-Liedern ist tadellos. Bei den polnischen und russischen Gesängen, wo ich außer “O bosche“ kein Wort verstand, kann ich das nicht beurteilen.

Die Lieder von Richard Strauss haben größtenteils eines gemeinsam: Sie können von Besitzern aller Stimmlagen und Künstlern aller Nationalitäten eindrucksvoll präsentiert werden.

Schon bei der „Heimlichen Aufforderung“ fiel auf, dass bei Zurücknahme der Stimme das Spezielle Timbre des Sängers verloren ging und durch beinah überdeutliche Artikulation im Flüsterton wettgemacht werden sollte. An der Heftigkeit seiner Gefühle konnte nie gezweifelt werden. Das An-die-Brust-Sinken, Küsse-Trinken, Rosen-in die-Haare-der- Geliebten-Flechten, wie es die letzte Strophe der „Heimlichen Aufforderung“ kundtut, ließ die „wunderbare, ersehnte Nacht“ wie von Wotan erlebt klingen. Zweifellos imposant! In seinem Landsmann Lech Napierala hatte er am Flügel einen sehr guten Kompagnon, der aber auch für viele feine, sanfte, nachdenklich machende Momente sorgte. Was uns auf den ersten Blick bzw. unserer bisherigen Kenntnis des Liedes „Morgen“, an dem die Sonne wieder scheinen wird, so ganz friedlich und ausgeglichen dünkt, wird etwa bei den fast tonlos deklamierten Zeilen „Werden wir still und langsam niedersteigen“ gleichsam hinterfragt und am Ende „Und auf uns sinkt des Glückes stummes Schweigen“ auch noch mit einem bedenklichen Blick unterstützt. „All mein Gedanken“, die zur Liebsten wandern, tun dies sehr lebhaft und rhythmisch prägnant.  Darauf verwandelt sich der Sänger gleich wieder in den „unglückhaften Mann“, der auch scherzhaft- ironisch besungen werden könnte. Von einem Heldenbariton freilich klingt das anders: „Dich will ich, komm heraus“ wird im fortissimo gefordert und weil er dann gar nicht mehr warten kann, erleben wir „meine Schimmel wolln’s nicht leiden“ als Götter- und Heldendrama Straussisch-Wagnerischer Prägung. Und auch in „Cäcilie“ brennen die Küsse und mit geradezu heldentenoralen Höhen erlebt er das Bangen in stürmischen Nächten, und bei „was Leben heißt,umhaucht von der Gottheit Weltschaffendem Atem“  „lichtgetragen zu seligen Höhn“ die gewünschte Erfüllung seines Liebeswunsches, gekrönt von einem imposanten Spitzenton.

In „Sehnsucht“ kann sich die Stimme dann wieder in den unteren Regionen erholen und z.B. bei „Ich neige mich vor dir: Ich liebe dich“ schafft er ein allerdings energisches Piano und lässt das Ende des Liedes „Ich liebe dich“ mit einem wunderschönen Crescendo in leiser Höhe ausklingen. Auch in „Ach Lieb, ich muss nun scheiden“ lässt er mit einem ausdrucksvoll gehauchten Piano enden.

Bei „Allerseelen“ ertönt das 3malige  Strophenende „Wie einst im Mai“ eher ungläubig, dann fast grimm und (da auf jedem Grabe ein Tag im Jahr den Toten frei  ist) zuletzt sogar grell. „Ruhe meine Seele“ überrascht dann schon nicht mehr („Diese Zeiten sind gewaltig“) durch die finale Bedrohung, die nicht vergessen werden soll. Danach kommt die Seele nicht mehr zur Ruhe.  Die „Zueignung“ findet ebenfalls in einem imposanten fortissimo-„Habe Dank“ ihr theatralisches Ende. Und es überrascht dann nicht mehr, wenn im letzten deutsch gesungenen Lied, betitelt „Ich liebe dich“, wo vier adelige Rosse uns zum silberbeschlagenen Altar mit dem Sarg der Geliebten begleiten, am Ende „Den Dolch in der Scheide, Dir nach in den Tod!“ großes Musiktheater zu erleben ist.

Pause durfte es ja keine geben. Also folgten nach einem kurzen Abtritt der beiden Künstler die polnischen und russischen Gesänge.

Betitelt „Znad Wilii“, „Kaziúk, Kaziúk, Kaziúk“ (wildes Getriebe auf einem großen winterlichen Jahrmarkt) und „Schlittenfahrt“ (mit einem Rappen und Träumen von „brennenden Küssen“) sind auch diese polnischen Lieder keine „Gute Nacht“-Gesänge.

Andreas Schmidt und Tomasz Konieczny in der Polnischen Botschaft in Wien

Leidende Herzen sind auch bei Sergej Rachmaninow das vorherrschende Thema: „Ich war bei ihr“, „Bleib doch, verlass micht nicht!“, „Gestern haben wir uns getroffen“, „Ein züchtigender Gott nahm mir“, „Grübeln“ „Lange verliebt“ (natürlich mit wehvollem Ende, bei dem zuletzt die Klavierbegleitung leise verebbt), „Du wirst von allen so geliebt“ (Hinterfragung der Gefühle einer offenbar allseits geliebten Person), „Sie ist strahlend wie der Mittag“ mit dem Ende: „Ach, ein ewig weinendes Meer ist verliebt in das stille Ufer“. Und zuletzt wird in „Es ist Zeit“ die eigene Schwäche beklagt, wenn „Das Sein entschwindet, die Scham verlischt, das Gewissen schläft. Kein Licht um uns, und nur die Eitelkeit erhebt die Stimme“. Fast verärgert klingt da die Stimme des Sängers.

Der Dauereinsatz solch heftiger Emotionen hat ihr aber offenbar nicht geschadet. Dass dieser Liederabend bei den Zuhörern den Wunsch bekräftige, Tomasz Konieczny weiterhin in möglichst vielen hochdramatischen Rollen zu erleben, bestätigte der lange Applaus, der noch zwei Zugaben, eine russische von Rachmaninow (Arie aus „Aleko) und dann eine polnische (Kozak) von Stanislaw Moniuszko ermöglichte. Dem Sänger wie dem Pianisten, der natürlich alle Dramen bestens mitgestaltet hatte, war keine Ermüdung anzumerken. Von Wagners Göttervater bis zum russischen Zaren sind da noch viele eindrückliche Begegnungen zu erwarten.

Sieglinde Pfabigan, 12. Juni 2020

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