10 Fragen an den Bassbariton Tomasz Konieczny: "Ich sehe nach vorne mit großer Hoffnung… Ja, die Welt wird nach der Krise besser"

Interview: 10 Fragen an den Bassbariton Tomasz Konieczny  klassik-begeistert.de

Dieses Interview mit dem weltweit führenden Wotan-/ Wanderer- sowie Alberich-Darsteller, Tomasz Konieczny, entstand während dreier spannender Tage in der Polnischen Botschaft im schönen Wien-Hietzing. Die wunderbare Gastgeberin, Frau Botschafterin Jolanta Roza Kozlowska, ermöglichte dem polnischen Bass und Bassbariton gemeinsam mit seinem in Wien lebenden Pianisten Lech Napierala in einem wunderbaren Salon mit Steinway-Flügel seelenreiche und nachhaltige Proben und Aufnahmen – vor allem von russischen und polnischen Liedern. 

Erfrischende und kreative Gespräche mit Frau Botschafterin Kozlowska sowie der Hietzinger Bezirksvorsteherin Magistra Silke Kobald ließen erahnen, dass in nicht ferner Zukunft neue spannende Kulturprojekte in diesem gesegneten Gemeindebezirk für Aufsehen sorgen werden. Auch die Frau des Pianisten, die Informatikerin Marta Napierała, und die Tochter Hania verfolgten mit Hingabe die Aufnahmen.

Viele Opernfreunde erinnern sich noch gerne an die bedrückend schöne und packende „Walküre“ von Richard Wagner im Mai 2015 – mit Tomasz Konieczny als Wotan und Evelyn Herlitzius als Brünnhilde. Selten wurde diese wundersame Vater-Tochterliebe eindringlicher aufgeführt als unter dem Dirigat von Sir Simon Rattle in der Wiener Staatsoper. 2018 debütierte Konieczny bei den Bayreuther Festspielen als Friedrich von Telramund im Lohengrin unter Christian Thielemann. 2019 erfolgte das Debüt an der Metropolitan Opera New York als Alberich (Dirigat Philippe Jordan). 

Tomasz Konieczny ist am 10. Januar 1972 in Łódź (Lodsch) geboren, der mit knapp 700.000 Einwohnern drittgrößten polnischen Stadt nach Warschau und Krakau.

Interview: Andreas Schmidt, Herausgeber klassik-begeistert.de

Foto: Tomasz Konieczny, der Pianist Lech Napierala und die polnische Botschafterin in Wien, Jolanta Roza Kozlowska während der Proben in der ehrwürdigen Polnischen Botschaft in Wien. Alle Fotos (c) Andreas Schmidt

Klassik-begeistert.de: Lieber Tomasz, wie geht es Ihnen und Ihrer Familie?

Tomasz Konieczny: Uns geht es gut obwohl ich im Moment von meiner Familie getrennt bin – ich in Wien, wo ich bis Ende meines Gastvertrages an der Wiener Staatsoper dem Arbeitgeber zur Verfügung stehe, meine Frau und meine Söhne verbleiben bei Düsseldorf, wo sich unser Haus befindet, in Ratingen. Wir versuchen fit und kreativ zu bleiben. Der mittlere Sohn macht eine Ausbildung in einem Krankenhaus, der älteste, der Musikwissenschaft studiert, beschäftigt sich im Moment sehr viel mit Audioaufnahmen und der jüngste, siebzehn, ist bereits zum Internat zurückgekehrt, wo der Unterricht zwar noch nicht stattfindet. Aber die jungen Menschen werden von der Leitung des Internats mit verschiedenen Aufgaben betraut, was für sie bestimmt besser ist als zuhause zu sitzen und Filme auf dem Smartphone anzuschauen.

Meine Frau  ist als Schauspielerin  in einer ähnlichen Situation wie ich ohne Beschäftigung, ohne eine Ahnung, wie es weiter geht. Wir warten wie sich die Situation weiter entwickelt. Ob wir bald wieder unsere berufliche Tätigkeiten ausüben dürfen, ist fraglich. Man versucht zu probieren, zu lernen, Briefe zu schreiben, die Unterlagen zu bearbeiten. Alles wofür man in den letzten Jahren keine Zeit hatte. Es ist eine Mischung aus Kreativität und Unmut…

Bislang war es Ihnen noch nicht möglich, nach Polen zu reisen um Ihrer Mutter mit Ihrer Familie die letzte Ruhe zu gewähren….

Möglich wäre es irgendwie schon gewesen. Man könnte aus Wien nach Polen fahren, allerdings rund um Tschechien über Deutschland und nur so, dass man in Polen die zweiwöchige Quarantäne machen müsste. Mein Bruder war in Lodz – meiner Heimatstadt – bei der Mutter, als sie am 5. April verstarb. Wenn ich damals nach Polen gefahren wäre, hätte mein Bruder auch in Quarantäne gemusst. Also zuhause, ohne ausgehen zu dürfen über zwei Wochen. Wir haben uns entschieden die Mutter einzuäschern und die Bestattung erst dann zu machen, wenn meine Familie nach Polen kommen darf. Wir warten sehnsüchtig auf den Tag, wo wir wieder normal zwischen Ländern verreisen dürfen.

Was haben Sie vor einem Jahr getan, und wie sieht Ihr Alltag heute aus?

Vor einem Jahr endete gerade mein unglaublich erfolgreiches Debüt an der Metropolitan Opera in New York. Ich kam danach nach Wien und hatte hier im Mai ein sehr gelungenes Debüt als Danton an der Wiener Staatsoper. Dann das 150-Jahres-Jubiläum der geliebten Wiener Staatsoper. Das waren wunderbare Zeiten. Ich wurde ja Anfang 2019 Kammersänger der Wiener Staatsoper. Es lagen tolle Perspektiven vor mir. Ich sang wieder meinen geliebten Wotan in Wien.

Jetzt sollten es 17 verschiedene Auftritte an der Wiener Staatsoper sein in der Zeit zwischen März und Juni mit fünf tollen Partien in acht verschiedenen Opern: Rheingold/Wotan, Walküre/Wotan, Siegfried/Wanderer, Cardillac, Kaspar/Freischütz, Fidelio/Pizarro, Arabella/Mandryka. Und ein Abschiedskonzert für Dominique Meyer – ein Direktor, der mir so viel hier in Wien ermöglicht hat, der meine Karriere gefördert hat, der mich über Jahre unterstützte… Alles ist nun weg. Anfangs Juni sollte ich dann nach Bayreuth um wiederum den Telramund sowie den Gunther im neuen Ring zu singen. Auch das wurde mir abgenommen. Ich bin im Prinzip über sechs Monate von März bis Ende August arbeitslos…

Nennen Sie bitte drei Schlagworte, wenn Sie das Wort Corona hören…

Enttäuschung, Schmerz, Unsicherheit.

Welches sind die einschneidendsten Veränderungen seit Ausbruch der Corona-Pandemie? Können Sie ihr auch etwas Positives abgewinnen?

Das Positive ist, dass ich mich jetzt sehr viel mit meinen Partien beschäftige. Ich übe jeden Tag Stücke, für die ich früher kaum Zeit hatte. Ich habe bereits alle Partien aufgefrischt, die ich an der Wiener Staatsoper von März bis Juni singen sollte, und nun bearbeite ich den Fliegenden Holländer, den ich 2023 an der MET und woanders singen werde, sowie Beethoven 9. Symphonie. Ich lerne neues Material für die Liederabende mit meinem Pianisten Lech Napierala, der ein Wiener ist. Eigentlich hatten wir niemals die Zeit um es so genau zu bearbeiten. Wir möchten kreativ sein. Ich habe nun eine professionelle Ausrüstung für die Aufnahmen gekauft, Mikrofone und anderes. Wir nehmen jede Probe auf, die wir dank der Polnischen Botschafterin Frau Jolanta Roza Kozlowska in der Polnischen Botschaft in Wien-Hietzing machen dürfen. Dann hören wir die Aufnahmen gemeinsam an, verbessern und nehmen wieder auf. Es ist eine neue Art Arbeit für mich. Sehr genau und sehr fein. So lerne ich auch meine „Record-Stimme“ zu mögen, die ich normalerweise nicht so gerne aufgenommen höre. Es passiert da etwas sehr Positives während dieser Arbeit. Man könnte sagen, es ist eine innere Reise, eine Wanderung zu Dir selbst. Das ist sehr positiv. Das Wetter ist wunderbar. Ich fahre jeden Tag vom 7. Bezirk mit dem Fahrrad zur Botschaft. Die Bäume blühen, die Vögel singen als ob nichts passiert ist. Ich lebe sehr sparsam. Das ist auch positiv.

Der Rest ist negativ: die Sehnsucht nach der unerwartet verstorbenen Mutter, nach der Familie in Deutschland, die Sehnsucht nach der Wiener Staatsoper und meinem geliebten Wiener Publikum, der beinahe physischer Schmerz, dass man nicht öffentlich singen und darstellen kann. Das man sich nach 13 Jahren an der Wiener Staatsoper nicht richtig verabschieden darf. Die Sehnsucht nach Normalität, die Enttäuschung, dass sich die Kulturpolitiker uns gegenüber sehr distanziert verhalten, als ob es uns gar nicht gebe. Die Ahnung dass alles, was ich mit Liebe und Leidenschaft über die Jahre gemacht habe, so fragil ist. Die Feststellung, dass die Politik, die sich in normalen Zeiten so gerne mit unserem Namen im Rahmen der Kulturnation Österreich schmückt, jetzt von uns ohne jegliche Geste der Solidarität allen freischaffenden Künstlern gegenüber abwendet. Das ist sehr, sehr schmerzhaft und peinlich. Das enttäuscht sehr.

Ich habe gerade die Liste der Opern ausgedruckt, die für Sie ausgefallen sind und ausfallen werden – alle an der Wiener Staatsoper und bei den Bayreuther Festspielen. Das verschlägt einem ja die Sprache, auf was Sie alles verzichten müssen… 33 Opernabende fallen für Sie flach… Das ist ja grausam…

Wir verstehen es, dass mit dem Spielverbot den Schwächsten in der Pandemiezeit geholfen wird. Wir sind gar nicht dagegen. Wir machen alles mit. Und wir haben nur einen Schimmer Hoffnung, dass auch uns in der schweren Zeit mit einer Solidaritätsgeste geholfen wird. Anderseits muss auch ausgesprochen werden, dass die meisten von uns, wenn es nicht anders geht, auch zum Klagen bereit sind. Bald werden wir ja wie verzweifelte wilde Tiere sein. Die Politiker demütigen uns sehr heftig im Moment. Deshalb beschwöre ich die Regierenden: Helft uns zu überstehen. Lasst uns nicht ans Äußerste gehen. Macht mit uns mit.

Der künstlerische persönliche Verlust ist enorm. Ich leide sehr darunter. Ich bin bereit zu arbeiten. Jeden Tag träume ich davon wieder auf der Opernbühne stehen zu dürfen. Jeden Tag hoffe ich, dass es nur ein böser Traum war. Dass ich morgen aufwache und zur Probe in die Oper mit dem Fahrrad fahre… Man kann ja versuchen mit Aufnahmen zu arbeiten. Aber es bringt nichts ohne das Publikum. Wir sind live. Wir arbeiten an einem Stoff, der nur an einem lebendigen Theater aufgeführt werden kann. Das ist unser Glück und jetzt auch unser Fluch…

Sie engagieren sich auch für Freischaffende Künstler in Österreich und haben gerade bei einem vielbeachteten Klassik-Abend in ORF III, wo auch Sie, Juan Diego Flórez und Anna Netrebko auftraten, eine Lanze für die Freien gebrochen…

Ich komme aus Polen. In Polen hat sich vor gar nicht so langer Zeit der Arbeiter Lech Walesa mit Millionen zusammengetan um die Rechte der anderen, um Freiheit und Gerechtigkeit zu erkämpfen. Dieser einfache Arbeiter Lech Walesa wurde zum Präsidenten von Polen, bekam den Nobelpreis und sprach vor dem amerikanischen Senat, wurde berühmt und angesehen. Polen konnte dadurch eine politische Wende erwirken, ohne Blutvergießen – eine Wende, die dann die Berliner Mauer fallen ließ… Man muss Mut haben zu sprechen, wenn Ungerechtigkeit passiert. Warum werden manche Künstler in der Pandemie bezahlt und manche nicht? Warum müssen die freischaffenden Künstler allein diese Last tragen? Die Institutionen werden doch weiter von ihren Trägern subventioniert. Die Kartenverluste werden durch die Kurzarbeiterregelung vom Staat gedeckt. Wo bleibt die Solidarität mit den eigenen Künstlern, die zwar freischaffend, aber als Schmuck für die Institutionen im Alltag taugen? Könnten diese Institutionen – die „Flaggschiffe der Österreichischen Kulturnation“ohne ihre Gäste auskommen? Wer treibt die Touristen nach Wien, nach Salzburg? Nicht zufälligerweise eine berühmte Opernsängerin, die FREISCHAFFEND arbeitet? Gleichzeitig werden die Ensembles in Theatern durchgehend abgebaut. Die zynische Debatte darüber, dass sich die Freischaffenden selbst ihr Los gewählt haben, ist einfach schrecklich.

Wie gelingt es einem Künstler, ohne Publikum bei Laune zu bleiben?

Es gelingt ihm schlecht. Das Publikum ist ein Teil unseres Berufes. Er versucht sich zu retten, indem er übt, denkt, an seiner Stimme arbeitet, seine Diktion verbessert, die Rollen analysiert und neue kennenlernt. Er versucht nicht verrückt zu werden. Er bemüht sich für das Publikum fit, schön und gesund zu bleiben. Er probiert manches aus. Er liest, studiert, diskutiert, analysiert und versucht nicht in die tiefe Depression zu fallen. Es ist für ihn nicht einfach. Doch er bleibt munter und kreativ, willig und leidenschaftlich. Er wird sehr hungrig nach der Arbeit. Der Künstler ist ja bereit jeden Tag wieder auf die Bühne zu gehen. Sofort!

Wir haben uns dreimal in der wunderschönen Polnischen Botschaft im wunderschönen Wien-Hietzing getroffen, wo Sie mit Ihrem Pianisten Lech Napierala neue Stücke einspielen. Sie bereiten auch 10 polnische Stücke vor, die Sie mit dem Krakauer Musikprofessor auch für einen Online-Meisterkurs einspielen wollen. Was können Sie uns über dieses Projekt schon sagen?

Es sind mehrere Projekte, die wir im Sinn haben. Im Moment ist alles möglich. Wir bekamen gerade eine Zusage des Trägers in Polen, die das Projekt des Online-Meisterkurses – eines Workshop mit zehn Polnischen Liedern, darunter zwei Zyklen des polnischen Komponisten Romuald Twardowski, der im Juni 90 wird, sowie zwei Lieder des Vaters der Polnischen Nationaloper, Stanislaw Moniuszko – bewilligt. Das Projekt wirdspeziell für eine interaktive Internetplattform konzipiert. Es wird vier Ebenen beinhalten. Das Onlinekonzert als eine Ebene, dann Einzelunterricht mit dem Pianisten Dr. hab. Lech Napierala über die Interpretation, mein Unterricht als dritte Ebene sowie eine gemeinsame Probe, während der wir an den Liedern zusammen mit dem Pianisten arbeiten werden. Es soll ein Anfang einer Initiative, einer Plattform sein, auf der man in der Zukunft auch andere Werke und Opernmonologe darstellen würde. Das Projekt sollte den jungen Sängern aus der ganzen Welt ein wenig die polnische Kultur näher bringen. Für die Musikfans könnte es gleichzeitig eine Möglichkeit sein ein Onlinekonzert zu besuchen. Für die Gesangstudenten und Pianisten sollte es eine Unterrichtsplattform sein, die ihnen einen Verweis gibt, wie man die polnischen Lieder lernt. Ich träume davon später etwas Ähnliches für polnische Sänger mit Wagnermonologen zu präsentieren…

Abgesehen davon wollen wir in der Polnischen Botschaft ein paar Liederabende von uns Videoaufnehmen. Wir haben zusammen mit dem Pianisten Lech Napierala schon drei CDs aufgenommen: Winterreise (auf Polnisch neu gedichtet von Stanislaw Baranczak), Winterreise im Original sowie Twardowski-Lieder (6 Zyklen). Diese CD sollte im Juni Premiere haben. Der Komponist Romuald Twardowski wird ja im Juni 90. Nun müssen wir auch diese CD-Premiere verschieben. Wir hoffen sie kommt im Oktober 2020 raus. Demnächst wollen wir auch eine CD mit russischen Liedern von Rachmaninow und Mussorgskij herausbringen. Was wir jetzt in der Polnischen Botschaft tun, ist auch eine Art Vorbereitung oder vielleicht so etwas wie „making off“…

Mit welchem musikalischen Werk stimulieren Sie Ihr Immunsystem? Gibt es Musik, die Sie gesund hält oder gesund macht?

Ich liebe Jazz und Bach. Gerade Bach hat für mich etwas sehr Jazziges in sich. „Diese Zeiten sind gewaltig, bringen Herz und Hirn in Not.“ Musik hat immer etwas Heilendes in sich. Ich empfinde es als Segen, dass ich jeden Tag mit der Musik leben kann. Wir betrachten im Moment viele Komponisten: Rachmaninow, Mussorgskij, Mahler, Strauss, Twardowski und…mein Traum: George Gershwin. Davon träume ich, seit ich ein Kind war: Lieder von George Gershwin, auf eine Weise gesungen, wie es damals mit den amerikanischen Liedern George London zu pflegen vermochte. Einfach mit voller Stimme, klassisch gesungen. Das geht! Ich werde es beweisen. Wir werden es mit Lech beweisen (lacht).

Sie sind ja auch gelernter Schauspieler… Sind es auch Filme und Werke der Literatur, die Sie derzeit aufbauen?

Ich gucke, vermutlich wie viele Menschen in der Pandemie, ein paar TV-Serien. Es bringt mir ein wenig Entspannung. Seit jeher habe ich Science-Fiction-Filme gemocht. Die gucke ich auch jetzt gerne. Ich versuche auch Filme anzuschauen, für die ich in der letzten Zeit aufgrund meiner Arbeit und des gefüllten Kalenders keine Zeit hatte. Die Oscarnominierten… Auch die polnischen Filme, die zuletzt entstanden. Wie Andrzej Wajda immer sagte: Man muss die eigene Zeit fühlen, um ein guter Künstler zu sein. Früher hat mich Kino begeistert. Nun begeistert mich die Oper. Ich gehörte zu der kleinen Gruppe der Sängerkollegen, die sehr gerne in die Oper gehen. Live. Oper IMMER live. Aber auch das wurde mir nun abgenommen…

Momentan verbringen viele Musikliebhaber viel Zeit in ihren eigenen vier Wänden. Gibt es ein Buch, eine CD oder auch Streamingangebote, die Sie uns dringend empfehlen würden?

Ich empfehle Bücher. In dieser Zeit Bücher zu lesen, wirkt organisch und echt. Die streamings sind sehr nett. Besonders freue ich mich über meine streamings mit Ring-Auftritte als Wotan an der Wiener Staatsoper. Eine sehr schöne, wenn auch in der jetzigen Situation ein wenig traurige Erinnerung… Allerdings ist es sehr lustig, dass ich mich in mehreren Streamings im Moment finden kann – dabei werden wir, die beteiligten Sänger fast gar nie diesbezüglich angefragt. Und auch natürlich dann die berühmte „Force Majeur“… Ein wenig absurd ist das ganze… Aber es ist gut, dass es die Streamings gibt. So bleiben die Menschen im Kontakt mit der Oper.

Was ich empfehlen würde ist der Kanal von Elisabeth Kulman, Whats opera docs: https://www.youtube.com/channel/UCcS6jR6tVE8Z64GwLIgeaxw

Da kann man, wenn man interessiert ist, die echten Informationen über die Lage der freischaffenden Künstler erfahren.

Kommen wir zur ersten Frage zurück: Wo sehen Sie sich in einem Jahr?

Normalerweise könnte ich Ihnen ganz genau sagen wo ich mich in einem Jahr an dem und den Tag befinde. Nun werden wir ja sehen ob das so wird wie geplant. Wo ich mich sehen möchte? Ich möchte arbeiten. Vernünftig an einem tollen Projekt in einem echten lebendigen Theater an einer echten Opernpartie arbeiten. Ob das die „Patriarchen“ der Politik zulassen, werden wir ja sehen… Denn die Kultur scheint doch für die Regierenden nicht SO wichtig zu sein… Geplant ist es, dass ich am 10. Mai 2021 in Hamburg bin. Mal sehen…

Es gibt Zukunftsforscher, die nach überstandener Corona-Krise eine Verbesserung des Weltklimas – ökologisch wie sozial – prophezeien. Teilen Sie diese Einschätzung? Wie ist Ihre Vision?

Das Leben verläuft nicht linear. Wir haben unsere Höhepunkte und unsere Tiefen. Wenn man einen Höhepunkt erreicht, kann man sicher sein, dass es eine Niederlage geben wird. Nach dem Winter wird das Leben neu geboren. So wird es auch womöglich mit der Welt nach der Coronakrise. Ich hoffe es sehr für meine Kinder, für die Kunst, für die Welt. Wir nehmen es an, so wie es ist. Beim Tod sieht man ein neues Leben. Ein Leben bringt schon von Anfang an einen Tod mit sich. Es kreist alles. Und es ist auch richtig und gut so. Das gibt uns die Möglichkeit uns zu ändern, uns zu entwickeln, aufzuwachen, zu bedenken, aufzubauen. Ich sehe nach vorne mit großer Hoffnung…Ja die Welt wird nach der Krise besser…

Schauen wir in die Glaskugel: Die Heilige Corona, auch Schutzpatronin gegen Seuchen, hat ein Einsehen mit uns und beendet die Pandemie. Alle Musikclubs, Theater und Opernhäuser öffnen wieder. Für Ihren ersten Auftritt haben Sie drei Wünsche frei: Wo, in welcher Produktion und mit wem teilen Sie die Bühne?

Ich hatte bereits einen Wunsch: Ich wollte an meiner geliebten Wiener Staatsoper im Frühling 2020 mit dem Ring, Cardillac, Fidelio, Freischütz und Arabella eine wunderschöne, künstlerisch sehr kreative Zeit erleben. Ich hätte da auf der Bühne die besten Kollegen der Welt gehabt. Ich lebte diesen Traum. Ich habe mich wahnsinnig seit Jahren darauf gefreut. Dann hat der liebe Herr Bundeskanzler Kurz während nur einer Pressekonferenz mir alles abgenommen. Was bringt das, dass ich mir was erträumen werde? Die Planung meiner Auftritte für die Zukunft ist da und fertig. Was es auch sei, welche Opernbühne oder Podium der Welt: ich freue mich drauf wieder normal arbeiten zu dürfen, den Menschen die Emotionen zu zeigen, die Leidenschaft zu entfachen, sich mit den Kritikern auseinanderzusetzen, ich freue mich auf jede Art der künstlerischen Tätigkeit die ich nach dem Ende des Vorstellungsverbotes ausüben kann. Es ist wirklich nicht so wichtig mit wem ich da auf der Bühne stehen werde. Ich werde mich auf jede Kollegin, auf jeden Kollegen sehr freuen. Jede Oper, jedes Konzert wird mir große Freude bereiten. Ich kann es wirklich kaum erwarten…

Ganz herzlichen Dank für dieses Interview, lieber Tomasz Konieczny,
und für die drei wunderschönen und interessanten Tage mit Ihnen in der Polnischen Botschaft in Wien.

Ich danke Ihnen.

Interview: Andreas Schmidt, 19. Mai 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Andreas Schmidt und Tomasz Konieczny in der Polnischen Botschaft in Wien

Ein Gedanke zu „Interview: 10 Fragen an den Bassbariton Tomasz Konieczny
klassik-begeistert.de“

  1. Kein Kommentar, sondern nur ein paar Worte an Herrn Koniezcny – wir, die Musikbegeisterten, warten und freuen uns auf den Tag, wo wir „unsere“ Künstler wieder live hören können (denn in Videos und CDs und im Streaming, soweit das möglich ist, hören und sehen wir sie ja sowieso). Und wünschen Ihnen, aber natürlich auch allen Künstlerkollegen, dass die Zeit bald kommt, wo wir wieder in der Oper, im Konzertsaal sitzen, und Ihrem Auftritt „entgegenbibbern“ (auf Wienerisch entgegenfiebern).

    Ich bin leider sehr alt, aber ich hoffe, das alles noch zu erleben. Alle meine guten Wünsche und bedenken Sie immer – Ihr Publikum steht hinter Ihnen.

    Erika Kaiser

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