Der Chorgesang beim Liverpool Oratorio triumphiert in Neumünster

Paul McCartney, Liverpool Oratorio  Holstenhallen in Neumünster, 13. Juni 2026
©  Simon Redel

 

Am 13. Juni war in den Holstenhallen in Neumünster ein Konzert zu erleben, das aus vielerlei Gründen außergewöhnlich, vielleicht einzigartig, war.

Liverpool Oratorio
Paul McCartney und Carl Davis

Sopran:  Caroline Bruker
Mezzosopran:  Mireille Lebel
Tenor:  Ian Spinetti
Bass:  Sönke Tams Freier

Chöre aus Schleswig-Holstein und Hamburg
Schleswig-Holsteinisches Sinfonieorchester
Harish Shankar,  musikalische Leitung

Holstenhallen in Neumünster,
13. Juni 2026
von Carsten Ingwersen

 

Die Grundidee des Konzerts war, in einem großen Event zu zeigen, wie lebendig die (Amateur-) Chorszene in Schleswig-Holstein und Hamburg ist und durch die Aufführung des selten zu hörenden „Liverpool Oratorio“ von Paul McCartney und Carl Davis die klanglichen Möglichkeiten des Chorgesangs zu präsentieren.Dazu wurde ein Chor zusammengestellt, der aus etwa 500 Sängerinnen und Sängern bestand und der sich zusammensetzte aus 15 Chören. Schon der Anblick des riesigen Chorblocks in der Halle war unglaublich eindrucksvoll. Der optische Eindruck wurde aber durch die Musik noch übertroffen.  Das Liverpool Oratorio ist so vielseitig wie die teilnehmenden Chöre, es entzieht sich deshalb trotz des Namens einer Genrezuordnung.

Gerade aufgrund dieser unterschiedlichen im Oratorio zusammenkommenden Klangfarben und Stilelemente ist es bestens geeignet für eine Veranstaltung wie diese, die den Chorgesang  in  seiner Vielseitigkeit feiert. Regelmäßig verändert sich die Konstellation des Chors, so werden einige Passagen von den Frauen, andere von den Männern oder den Knaben gesungen. Die bewegendsten Takte sind aber diejenigen, die den Chor in seiner Gesamtheit auftreten lassen. Es ist bemerkenswert, wie homogen ein großer Chor klingen kann, der aus so vielen kleineren Chören zusammengesetzt ist.

Den Orchesterpart übernahm das Schleswig-Holsteinische Sinfonieorchester unter der bewährten Leitung  von Harish Shankar, und zwar mit unglaublicher Präzision und Spielfreude. Das Orchester wurde durch Mitglieder des Landesjugendorchesters und Studierende der Musikhochschule Lübeck verstärkt.  So wurde der Idee Rechnung getragen, vielen Nicht-Profis die Teilnahme an einer großen Konzertproduktion zu ermöglichen.

Die Gesangssolisten waren mit viel Gespür für die passenden Stimmen ausgewählt. Caroline Bruker (Sopran) sang die Partie der weiblichen Protagonistin Mary Dee. Es gelang ihr, diesen Part in aller erforderten emotionalen Tiefe ergreifend auszuleuchten.
Mireille Lebel (Mezzosopran) hatte gleich drei Partien zu singen, dies gelang ihr meisterhaft und fesselnd. Der Tenor Ian Spinetti sang  in grandioser Weise den jugendlichen Hitzkopf Shanty, den männlichen Protagonisten.
Sönke Tams Freier, der gemeinsam mit Rolf Nedebock maßgeblich an der Planung des Konzerts beteiligt war, übernahm ebenfalls drei Partien und brillierte mit Präzision,  Wandlungsfähigkeit und sonorer  Stimme sowie ausgewogenen Gesang.

Der erste Satz des Liverpool Oratorio stellt die beklemmend-bedrohliche Situation für die Menschen während der Luftangriffe des zweiten Weltkriegs dar, in die hinein der Protagonist Shanty geboren wird. Die Streicher malen musikalisch das Bild der herannahenden Flugzeuge mit ihren Bomben, die wie ein Wespenschwarm Bedrohung über die Stadt bringen. So baut das Orchester eine finstere Stimmung auf, bis dann erst der Knabensopran solo („non nobis solum“ – nicht nur für uns selbst, sondern für die ganze Welt sind wir geboren) und dann der Knabenchor effektvoll Licht ins Dunkel bringen. Schließlich setzt der gesamte, aus etwa 500 Sängerinnen und Sängern bestehende Chor ein und das mit einer Macht und emotionalen Dringlichkeit, die dem Publikum demonstrieren, was Chorklang bewirken kann. Mit Einsatz der Pauke zur Darstellung von Kriegshandlungen werden Erinnerungen an Haydns Paukenmesse oder Beethovens Missa Solemnis geweckt.

Der Klang des Chors steht, nicht zuletzt durch den Einsatz der Knaben, regelmäßig in Anlehnung an die Tradition der der englischen Kathedralmusik. Wenn am Ende des ersten Satzes („Mother and Father Holding their Child“) das Idyll und die mit der Geburt des Kindes verbundene Hoffnung auf eine sichere Zukunft ohne Krieg beschrieben wird, ist dies musikalisch wie ein Carol ausgestaltet, das dem Chor die Gelegenheit bietet, sich von seiner andächtigen, innigen Seite zu präsentieren.

Der zweite Satz befasst sich mit der Erfahrung des Lebens als Schüler. Hier unterbricht ein humorvoll-skurriles Lied zum Lernen der spanischen Sprache die Dramatik der Handlung, lustvoll musiziert von Gesangssolisten, Knabenchor und Orchester.

Im dritten Satz erscheint dem Protagonisten im Traum seine zukünftige Frau. Hier ist erstmals das Thema („I’ll always be here“) zu hören, das in den folgenden Sätzen mehrfach wieder aufgegriffen wird.

Der weitere Handlungsverlauf schildert Szenen des Lebens, wie sie vielen Menschen bekannt sind, etwa Hektik am Arbeitsplatz, Differenzen in der Partnerschaft und daraus folgende Krisen. Als Mary Dee sich von ihrem Mann extrem verletzt fühlt, verlässt sie die Wohnung und läuft in ihrem emotional erregten Zustand vor ein Auto. Sie wird lebensgefährlich verletzt und nur der Gedanke an das (noch ungeborene) Leben ihres Babys erhält sie am Leben und läutert Shanty. Äußerst eindrucksvoll und kraftvoll geraten hier die Choreinsätze, die das Wirken einer transzendentalen Kraft darstellen, („Stop, Wait, Hold on to Life“).

Es folgt ein vom Chor vorgetragenes Gotteslob („God is Good“), das an die Anthems der englischen Kirchenmusik erinnert und gesungen von einem Chor dieser Dimension eine große  akustische und emotionale Kraft entwickelt. Diese Kraft wird nach einem geradezu opernhaften Quartett  der Krankenschwester, Mary Dee, Shanty und dem Priester noch einmal gesteigert. Als der harmonische Gesang mit seiner Kraft eine so große Halle erfüllt, bleibt im Publikum niemand unberührt.

Das Publikum ist entsprechend begeistert von diesem Konzertabend und nach dem letzten Takt vergeht keine Sekunde bis es  zu den nicht enden wollenden Standing Ovations von den Stühlen springt.

Zu Beginn wurde ein Ziel des Konzertabends formuliert, nämlich Menschen dazu zu bringen, zu sagen, dass sie auch in einem Chor singen wollen.

Genau das war nach Ende des Konzerts dann auch aus dem Publikum zu hören – Mission erfüllt.

Carsten Ingwersen, 18. Juni 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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