Meine Lieblingsmusik, Teil 4: Zeitgemäße Musik – Der Soundtrack zur Krise (I)

Meine Lieblingsmusik, Teil 4: Zeitgemäße Musik – Der Soundtrack zur Krise (I)

Da sitzen wir nun in unseren Wohnungen. Gucken oder lesen manisch Nachrichten. Oder versuchen uns davon abzuschotten. Möchten raus und trauen uns fast nicht. Wir hocken aufeinander. Oder wir sind allein. Auf jeden Fall werden die Nerven langsam dünn. Zeit für ein paar passende Songs.

von Gabriele Lange

Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens…

Himmelblau, Die Ärzte, 2007

Der Himmel ist blau
Und der Rest deines Lebens liegt vor dir
Vielleicht wäre es schlau
Dich ein letztes Mal umzusehen
Du weißt nicht genau warum
Aber irgendwie packt
Dich die Neugier
Der Himmel ist blau
Und der Rest deines Lebens wird schön!

Farin Urlaub von der nach eigener Aussage – und der Meinung vieler Fans – „besten Band der Welt“ hat hier einen Text voller Optimismus geschrieben. Egal, wie es im Moment aussieht: Es ist dein Tag. Es ist dein Leben. Mach was draus. Auch wenn’s vielleicht gerade nicht so toll läuft. Das Video dazu ist eine echte Überraschung. Es geht um Alter, um Hilflosigkeit, um Tod. Und vor allem um unerschütterliche Lebensfreude. „Und du weißt, es wird gut für dich ausgehen!“

Hoffnung

We’ll meet again, Vera Lynn, 1939

We’ll meet again
Don’t know where
Don’t know when
But I know we’ll meet again some sunny day
Keep smiling through
Just like you always do
‚Till the blue skies drive the dark clouds far away

Die Oma darf im Altenheim keinen Besuch bekommen. Die Schwester hat Geburtstag und hockt traurig allein vor dem selbstgebackenen Kuchen. Der Vater vermisst seine Fußballkumpels, die Mutter den Ratsch mit den Freundinnen, die Kinder die Spielgefährten. Ich möchte endlich wieder ein paar liebe Menschen um meinen Küchentisch versammeln. Oder sie wenigstens auf ein Bier treffen. Sogar der nervige Kollege vom Schreibtisch gegenüber fehlt irgendwann im Homeoffice. Und um viele, die wir gerade nicht treffen können, machen wir uns Sorgen.

Vera Lynn hat 1939 einen Song aufgenommen, der mich tief berührt. „We’ll meet again” war das Lied, das den vom Krieg getrennten britischen Familien, Liebespaaren, Freunden Hoffnung machte. Hoffnung darauf, dass sie sich unversehrt wiedersehen würden. Für einen Film hat Vera Lynn den Song vor Soldaten gesungen – und wenn diese sich ihr als Chor anschließen, ist Gänsehaut angesagt (obwohl das Publikum natürlich, wie sich das für Briten gehört, gesittet und ruhig bleibt).

Johnny Cash hat kurz vor seinem Tod eine ruhige, nachdenkliche Version herausgebracht. Mit weniger Pathos – aber mit tiefem Gefühl.

Vera Lynn wurde übrigens vor einigen Tagen 103 Jahre alt. Angesichts der Pandemie hat sie den Song zur Aufmunterung neu veröffentlicht – am Schluss hört man die alte Dame sagen: „Keep smiling and keep singing!”

Glücklich, dass du da bist

La Vie en rose, Edith Piaf, 1945

Quand elle / il me prend dans ses bras
Elle / il me parle tout bas
Je vois la vie en rose

Manchmal ist die Wohnung vielleicht doch zu klein, egal wie sehr wir den Menschen lieben, mit dem wir uns nun zusammen von der Welt abschotten sollen. Doch: Wer heute nicht allein ist, sondern die Sorge, die Unsicherheit mit einem Partner teilen kann, sollte wissen, wie privilegiert er oder sie ist. Jemanden zu haben, der einen beruhigt, wenn die Angst hochkriecht, wenn man einen Koller bekommt – das wiegt die Nerverei auf, dass der andere schon seit Stunden die Spülmaschine hätte ausräumen sollen, dass sie schon wieder hektisch die Vorräte checkt und lieber die rote Beete aufbrauchen will, obwohl er Lust auf Spaghetti hat. Und dass es ganz nett wäre, mal ein paar Stunden die Bude für sich selbst zu haben. Denn wenn du mich in die Arme nimmst, seh ich „la vie en rose“. Marlene Dietrich sang zurückgenommen und elegant, Louis Armstrong hatte mit dem französischen Refrain ein paar Probleme. The Godfather of Punk Iggy Pop knarzt das Chanson tiefenentspannt komplett in merkwürdigem Französisch. Die Jazz-Legende Tony Bennett hat das Lied mit der kanadischen Samtstimme K.D. Lang eingespielt – und die wohl lässigste Version stammt von der 80er-Ikone Grace Jones.

Mir reicht‘s!

Rot und Schwarz, Karel Gott, 1969

Die rote Tür –
Ich streiche sie ab heute schwarz,
Denn alles, was so rosarot war,
Ist jetzt schwarz.
Oh, sag mir doch,
Was ist mit uns denn nur gescheh’n?
Warum muss ich jetzt alles
Schwarz in Schwarz nur seh’n?

Es reicht! Ich will raus. Es ist zu eng hier drin! Wann hört das endlich auf? Ich kann diese Statistiken nicht mehr sehen. Wenn Trump noch einen dämlichen Witz macht, wenn mir noch einer ein Video mit einer hirnrissigen Verschwörungstheorie schickt, wenn mir noch jemand erzählt, dass man nur ein paar Globuli… Dann platz ich! Ich will jetzt mal einfach so raus, ohne im Slalom um irgendwelche rücksichtlosen Idioten rumkurven zu müssen oder mich vor dem Hechelatem dieser Jogger zu fürchten. Es langt!

Karel Gott kennt man ja als den sanften Schmusetenor. Dass die goldene Stimme aus Prag auch ganz anders konnte, als die Babicka oder die Biene Maja zu besingen oder süß davon zu träumen „Einmal um die ganze Wääälllt“ zu reisen, zeigte er in einer irrwitzigen Version von „Paint it Black“ von den Rolling Stones. Begleitet von einem Orchester und hysterischen Csárdás-Geigen tobte er sich 1969 (!) in eine sängerische Ekstase hinein, die sich erst deutlich später Heavy-Metal-Heroen wie Rob Halford von Judas Priest zutrauten. Offenbar musste der freundliche Tscheche mal dringend Dampf ablassen. Kann ich absolut verstehen. So. Noch etwas Headbangen. Das befreit. Allerdings vorsichtig. Die Nackenwirbel sollten drinbleiben.

Gabriele Lange, 05. April 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Meine Lieblingsoper, Teil 3: Christoph Willibald Glucks „Orfeo ed Euridice“, klassik-begeistert.de

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