Uraufführungs-Reigen der Dresdner Musikfestspiele: Eine überaus hörenswerte kompositorische Hommage an Beethoven

Mira Wang, Jan Vogler, Daniel Ottensamer, Kent Nagano, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg,  Elbphilharmonie, 27. Mai 2021

Foto: © Claudia Höhne

Elbphilharmonie Hamburg, Konzertaufzeichnung vom 24. und 30. April 2021, Stream vom 27. Mai 2021 im Rahmen des Streaming-Festivals der Dresdner Musikfestspiele

Mira Wang, Violine
Jan Vogler, Violoncello
Daniel Ottensamer, Klarinette

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Kent Nagano, Dirigent

William Blank: »Alisma«. Tripelkonzert für Violine, Violoncello, Klarinette und Orchester (Uraufführung)

Johannes Brahms: Sinfonie Nr. 3 F-Dur op. 90

von Pauline Lehmann

Die Dresdner Musikfestspiele und ihr Intendant Jan Vogler haben sich Uraufführungen quasi zur Herzensangelegenheit und zur Visitenkarte gemacht. Die zeitgenössischen Tonschöpfungen sind nicht nur ein interkulturelles Plädoyer und führen von Dresden rund um den Globus, sondern sie lassen auch die Vielfalt der musikalischen Gattungen ins Scheinwerferlicht treten.

Nach der »Buddha Passion« des chinesisch-amerikanischen Komponisten Tan Dun und des Konzerts für Violoncello und Orchester »Drei Kontinente« aus der Feder von Nico Muhly (USA), Sven Helbig (Deutschland) und Zhou Long (China) zeigt William Blanks Tripelkonzert »Alisma« einmal mehr, dass sich die musikalische Moderne am Puls der Zeit befindet. Als eine Hommage an den großen Tonschöpfer der Klassik braucht sie vor dessen gigantischen Fußstapfen aber keinesfalls zurückschrecken. Vielmehr eröffnet sich ein eindrucksvoller musikgeschichtlicher Dialog.

Dabei war der Weg zum Publikum alles andere als einfach: Als Auftragswerk für die Dresdner Musikfestspiele anlässlich des Beethoven-Jubiläums komponiert, war die Uraufführung ursprünglich bereits im letzten Jahr geplant gewesen. Nachdem auch die für Mai dieses Jahres angesetzte Ausweichpremiere im Dresdner Kulturpalast vor Publikum nicht möglich war, erlebte die Komposition – doppelt verspätet und digital, aber mit einer besonderen Intensität und Tiefe – ihre Uraufführung im Rahmen des Internationalen Musikfestes Hamburg.

Daniel Ottensamer, Klarinette. Foto: © Claudia Höhne

In seinem Werk macht der Schweizer Komponist William Blank (* 1957) quasi einen intertextuellen Bezug auf, ist es doch eine musikalisch-kompositorische Huldigung von Beethovens Tripelkonzert op. 56 für Klavier, Violine und Violoncello, welches im Jahr 1807 entstand. Aber dennoch: Die Werke sind verschieden, kompositionstechnisch gehen ihre Urheber unterschiedliche Wege. Während Ludwig van Beethoven mit der dreisätzigen Anlage seines Werkes die Tradition der Sinfonie concertante fortsetzt, ist William Blanks Komposition einsätzig. Neben die Violine und das Cello tritt hier als drittes Soloinstrument nicht das Klavier, sondern die Klarinette.

Den Namen »Alisma« leiht sich William Blanks Werk von einer weiß bis rosa blühenden Wasserpflanze (dt. Froschlöffel). Diese wird nicht nur metaphorisch in ihrem Wachsen, Blühen und Vergehen, sondern auch formal zur Vorlage. So lassen sich die drei Blütenblätter der Alisma mit ihren jeweils sechs Samen mit den drei Solisten sowie mit der dreiteiligen Form mit jeweils sechs Abschnitten überein bringen.

William Blanks Werk wirkt episodisch. In einem im Programmheft veröffentlichten Interview spricht der Komponist selbst „vom regelmäßigen Erscheinen kurzer Klangzellen, die eine fortlaufende Umwandlung erfahren“. Das Orchester malt eine ständig wechselnde Grundierung, wobei das Rhythmisch-Perkussive dominiert. Zu den Soloinstrumenten treten immer wieder Soli aus dem Orchester hinzu. In grellen Höhen und kleinsten Intervallen lotet William Blank die klanglichen Grenzen der Soloinstrumente aus.

Jan Vogler, Violoncello. Foto: © Claudia Höhne

Umgeben von den dunklen, (fast) leeren Rängen der Hamburger Elbphilharmonie entsteht unter dem Dirigat Kent Naganos ein intensiver und hochkonzentrierter musikalischer Dialog. Der Klang ist beinahe transparent. Die veränderte Sitzordnung des Orchesters spielt dieser Innigkeit und Tiefe in die Hände. So sitzt das Orchester in Kreisform, die Holzbläser sind hierbei vor die Streicher gerückt.

Der zweite Programmpunkt führt mit Johannes Brahms’ Dritter Sinfonie in das ausgehende 19. Jahrhundert. Entstanden während eines Sommeraufenthaltes 1883 in Wiesbaden, wurde die Dritte am 2. Dezember des gleichen Jahres im Großen Saal der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien mit Hans Richter am Pult uraufgeführt. Anlässlich dieses Ereignisses urteilte der berühmt-berüchtigte Musikkritiker Eduard Hanslick über Brahms’ bis dato vorhandenes sinfonisches Œuvre: „[…] als künstlerisch vollkommenste erscheint mir die Dritte. Sie ist gedrungener in der Form, durchsichtiger im Detail, plastischer in den Hauptmotiven. Die Instrumentirung ist reicher an neuen reizenden Farbenmischungen als die früheren.“ 

Brahms’ Dritte ließ die Zeitgenossen in poetischen Gedanken schwelgen, so auch den Geiger Joseph Joachim, für den sich mit der Sinfonie unweigerlich Bilder von Hero und Leander aus der antiken griechischen Sagenwelt verbanden. Und Clara Schumann schwärmt in einem Brief vom 11. Februar 1884 an den Komponisten: „Welch ein Werk, welche Poesie, die harmonischste Stimmung durch das Ganze, alle Sätze wie aus einem Gusse, ein Herzschlag, jeder Satz ein Juwel! – Wie ist man von Anfang bis zu Ende umfangen von dem geheimnisvollen Zauber des Waldlebens! Ich könnte nicht sagen, welcher Satz mir der liebste? Im ersten entzückt mich schon gleich der Glanz des erwachten Tages, wie die Sonnenstrahlen durch die Bäume glitzern, alles lebendig wird, alles Heiterkeit atmet, das ist wonnig!“

Die Streicher nehmen die abfallende Tonfolge, die das erste Thema des in Sonatenform gehaltenen ersten Satzes bildet, emphatisch und kraftvoll. Das pastorale Seitenthema, welches vor allem von den Holzbläsern getragen wird, kommt sanft und verspielt daher. Bewundernswert ist auch die Dynamik, welche Kent Nagano den Schlussakkorden der einzelnen Sätze verleiht. Für diese Brahms-Interpretation, die diffizil mit der individualistischen Kompositionsweise des Werkes umgeht – so ist der dritte Satz eher bedeckt und der vierte mit seinen choralartigen Elementen wieder feierlich –, reicht ein einziges Wort aus: Herrlich!

Die diesjährige Dresdner Festspielsaison beginnt mit einer Streaming-Woche vom 24. Mai bis zum 3. Juni 2021 und setzt sich mit Live-Veranstaltungen im Juni und im Herbst fort. Die Streams sind jeweils zehn Tage nach der Ausstrahlung auf dem YouTube-Kanal der Dresdner Musikfestspiele sowie unter https://www.musikfestspiele.com/de/programm-tickets/streaming-woche/ verfügbar.

Pauline Lehmann, 30. Mai 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Internationales Musikfest Hamburg Digital, 28. Mai 2021

Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Kent Nagano, Nobuyuki Tsujii, Elbphilharmonie Hamburg, 28. Oktober 2019

Georg Friedrich Händel, „Israel in Egypt“ (Oratorium), Balthasar-Neumann-Chor, Balthasar-Neumann-Ensemble, Thomas Hengelbrock Elbphilharmonie, Hamburg, Live-Stream, 16. Mai 2021

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.