Das Musikfest Hamburg 2024 beleuchtet musikalisch das Thema "Krieg und Frieden"

NDR Elbphilharmonie Orchester, Prager Philharmonischer Chor, Thomas Hampson Bariton  Elbphilharmonie, 26. April 2024

Foto © NDR Marco Borggreve

NDR Elbphilharmonie Orchester
Prager Philharmonischer Chor
Thomas Hampson Bariton

Lukáš Vasilek Einstudierung Prager Philharmonischer Chor

Dirigent Alan Gilbert

Elbphilharmonie, 26. April 2024

von Harald Nicolas Stazol

Wie studiert man Charles Ives’ 4. Symphonie ein? Denn es gilt ganz zu Anfang, Alan Gilbert und seinem Orchester größtes Lob auszusprechen, ihrer größten Leistung, des noch größeren Orchesters, denn zur Aufführung, die mit absoluter Sicherheit nicht mehr so schnell kommen wird, mit zwei notwendigen Dirigenten, oben, ganz oben links extra Schlagwerk, vorn der hundertköpfige Prager Chor, links auf Ebene 16 nochmal ein Miniorchester samt Harfe, zu schweigen von der donnernden Orgel und drei weiteren Tasteninstrumenten – wie übt man, und beherrscht man diesen unüberschaubaren See aus Musikern?
Dieser hin- und herwogt in der amerikanischen 4., dass einem die Augen und vor allem die Ohren übergehen, und ja, da sind solche Dissonanzen, dass es schon höchster Professionalität und Hingabe und Beherrschung bedarf, um dieses Mammut-Spätwerk überhaupt auf die Bühne unseres Beton- und Glaspalastes zu bringen.

Die 4. kann man durchaus als pièce de résistance betrachten und so warne ich das Paar mit dem schweren schwäbischen Akzent in der Pause, wir teilen uns die Sitzbank, schon vorher – sie sind wegen eines Feuerwehreinsatzes am Hauptbahnhof- „gestrandet“, die Dame mit einer schwarzgefärbten Kleopatra-Frisur und ihrem Mann, „Ja, das erschte Stück, des mit den Geigen hat gefallen“, der „der Liedteil überhaupt net, a schlechter Sänger, und man hat ihn überhaupt net verstande“, und ich sage, „Ja, die Texte waren ja auch auf Englisch“ – „Ach so, desch habe wir halt gar net verstande, wir möge ja eher Rossini, desch war ja alles nix“ – da wünsche ich noch viel „Vergnügen!“, und entfliehe schnellstens, allerschnellsten Schrittes, zum Glück hat es schon einmal geläutet.

Der Sänger schlecht? Offenbar sind die schwäbischen Zuhörer wirklich unwissend, denn da singt doch der weltberühmte Bariton Thomas Hampson, dass es eine tief beeindruckende Freude ist, mitten rechts im so treffsicheren Orchester unter Alan Gilbert, die Lieder des Charles Ives, „Oh Captain, my Captain“, des Gedichts, das der nun wirklich bedeutende amerikanische Poet Walt Whitman auf den Tod Roosevelts geschrieben hat. Und „desch mit de Geigen?“

Thomas Hampson, Elbphilharmonie © Claudia Höhne

Es ist die wundertraurige Melodie von Samuel Barber – man hat es wiederum beim Tode Kennedys gespielt, und auch beim 11. September 2001 – es gilt als „traurigstes Musikstück überhaupt“, und als es Barber an Toscanini sendet, bekommt er keine Antwort, reist nach New York an die Carnegie Hall, und stellt fest, dass der berühmteste Dirigent der Welt es gerade probt.

Schon da, in kleinerer Besetzung, zur Eröffnung des sinnigen „Internationalen Musikfestes Hamburg“ – „Krieg und Frieden“ – ich kenne das Stück seit 35 Jahren und höre es nun zum ersten Mal live – nun wirklich auf das Alleräußerste ergreifend, ja ganz leise, dann ein wenig, wenig lauter, dann wieder hauchfein – nur die Huster (warum nur, warum???) überlagern es auf das Enervierendste, was eine Leistung des NDR Philharmonieorchesters, zu recht live auf NDR Kultur im Radio übertragen, als Beginn dieses Festivals, ja so passend zur Weltlage ist, eine Umsetzung, zu der man einfach nur gratulieren kann!

Auftritt Thomas Hampson, in großer Toilette, will sagen im Gehrock, bebrillt, großgewachsen, er hat die Texte auf Ipad, und legt los, ganz karamelig, ganz sanft, ganz tragend, ganz hinreißend!

Ernst aber auch! Und militärisch, ja kriegerisch, diesmal Kurt Weill, der emigriert ist mit der Gattin Lotte Lenya, wieder Whitman:

„Beat, beat drums – blow bugles blow! „

Rechts die Übersetzung im Programmheft

„Durch die Fenster brecht und Türen mit unbarmherziger Gewalt
Und in der stillen Kirche löst die Andacht auf…“

Ein wenig verwirrend die Tatsache, dass die Liedtexte nicht der Abfolge der Songs entsprechen, doch man blättert ein wenig hin und her – Problem gelöst, das Ganze etwas verhalten beklatscht.

Und dann tobt er sich aus, in der Vierten, Charles Ives (im Hauptberuf äußerst erfolgreicher Versicherungsvertreter, nur nebenbei, doch Thomas Mann ist ja auch im Schreiben der Buddenbrooks noch bei der Münchner Feuerversicherung – Job erlaubt Genie?) – und so mag der zweite Satz versöhnen, eine Variation des Chorals „Nearer, my God, to Thee“ – die Melodie, die das heldenhafte Orchester ja auch beim Untergang der Titanic bis ganz zum Untergang spielt, nichts Fragmentarisches mehr, ergreifend geradezu, doch beim dritten Satz brechen schon die ersten auf, mir völlig unverständlich!

Zum Schluss… ein Gewitter von Applaus.

Harald Nicolas Stazol, 28. April 2024, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

PROGRAMM:

Samuel Barber
Adagio for Strings op. 11

Charles Ives
Songs My Mother Taught Me / Bearbeitung für Orchester von Toshio Hosokawa
Tom Sails Away / Bearbeitung für Orchester von Toshio Hosokawa
Memories: a. Very Pleasant; b. Rather Sad / Bearbeitung für Orchester von Toshio Hosokawa
The Housatonic at Stockbridge / Bearbeitung für Orchester von Toshio Hosokawa
The Things Our Fathers Loved / Bearbeitung für Orchester von Toshio Hosokawa

Kurt Weill
Four Walt Whitman Songs

Arnold Schönberg
Friede auf Erden für gemischten Chor a cappella op. 13

Charles Ives
Sinfonie Nr. 4

Sommereggers Klassikwelt 175: Der Komponist Samuel Barber klassik-begeistert.de, 1. März 2023

London Symphony Orchestra, Sir Antonio Pappano, Janine Jansen Tonhalle Düsseldorf, 24. April 2024

Kommentar von Dr. Brian Cooper: Verhaltenskodex für das 21. Jahrhundert klassik-begeistert.de, 28. April 2024

Ein Gedanke zu „NDR Elbphilharmonie Orchester, Prager Philharmonischer Chor, Thomas Hampson Bariton
Elbphilharmonie, 26. April 2024“

  1. Über Musikgeschmack kann man unterschiedlicher Meinung sein, anscheinend besonders zwischen Hamburger Musikkritikern und schwäbischen Zuhörern. Zumindest bei der zweiten Aufführung am 27. April gab es kein „Gewitter von Applaus“.

    Ein anderer Punkt ist mir unangenehm aufgefallen: Warum dirigiert nicht der anwesende Chef des Prager Philharmonischen Chors Lukas Vasilek den Schönberg nach der Pause? Er, der alles mit seinem Chor einstudiert hatte, durfte nur tatenlos dabei sitzen und zusehen, wie Alan Gilbert dirigierte.

    Warum macht Alan Gilbert das? Meine Frau, die Psychoanalytikerin, hat natürlich eine Erklärung parat, die ich hier aber besser nicht wiedergebe. Wäre einfach zu peinlich für Herrn Gilbert.

    Dr. Horst Schmidt

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert