"Der Rosenkavalier" in Wien: Mehr als solide, aber nicht top

Richard Strauss, Der Rosenkavalier,  Wiener Staatsoper, 27. März 2019

Foto: Stephanie HOUTZEEL stellte den Jubiläums-Rosenkavalier dar           Foto (C): M. Pöhn
Wiener Staatsoper,
27. März 2019
Richard Strauss, Der Rosenkavalier

von Manfred A. Schmid (onlinemerker.com)

Die 1003. Vorstellung folgt zwar erst am kommenden Samstag, aber diese vorweggenommene Reverenz war einfach zu verlockend. Immerhin hat Richard Strauss als Musikdramatiker mehr mit Mozart gemein als mit allen anderen Komponisten, Wagner eingeschlossen. Um nur einen Beleg anzuführen: Die tiefgründige Auslotung der Psyche ihrer Frauengestalten – am Beispiel der Gräfin Almaviva oder der Marschallin, woran selbstverständlich auch die beiden kongenialen Ausnahme-Librettisten Da Ponte und Hofmannsthal ihren gebührenden Anteil haben.

Wie gewiss auch schon in der 1000. und 1001.  Aufführung, erweist sich Adam Fischer am Dirigentenpult wieder einmal als verlässlicher Garant für eine gediegene, inspirierte und wohldosierte musikalische Realisierung, mit einem guten Draht zu den Sängerinnen und Sänger auf der Bühne und kongenialem Einverständnis mit dem Orchester. Da blüht herrliche Musik so richtig auf. Der Frühling ist da – im Aufbrausen der sich anbahnenden Liebesbeziehung zwischen Sophie und Octavian, doch auch der Spätsommer und darauffolgende Herbst kündig sich– in den melancholischen Reflexionen der Marschallin – schon an.

Adrianne Pieczonka, als Marschallin bereits 2004 bei den Salzburger Festspielen in Erscheinung getreten, hat sich diese Partie inzwischen trefflich angeeignet. Ihr Sopran ist fülliger geworden, sein weiches Timbre vermittelt eine Selbstsicherheit, die zwar allmählich ins Wanken gerät, schließlich aber in einem schmerzlich errungenen, letztlich aber souverän abgeklärten, überaus großzügigen Verzicht mündet. Die an ihrer Stimme vermissten dunklen Farben haben sich noch immer nicht in dem Maße eingestellt, dass die Bettszene mit Octavian im 1. Akt von überbordender Sinnlichkeit geprägt wäre. Immerhin geht es da ja um das Nachspiel zu dem im orchestralen Vorspiel vollzogenen Liebesakts, da wären etwas mehr Gefühlsüberschwang und Zärtlichkeit durchaus vorstellbar. Pieczonkas Stärke freilich ist nicht die Sentimentalität, sie stellt vielmehr eine grüblerische Frau dar, die sich tiefgründigen existenziellen Fragen stellt und so an Charakterstärke, Reife und Einsicht gewinnt.

Stephanie Houtzeel ist ein in jugendlicher Leidenschaft entbrannter Octavian, der sich bemüht, nicht die Kontrolle über seine Emotionen zu verlieren. Das führt dazu, dass er zuweilen ein bisschen zu unterkühlt wirkt. Stimmlich bewältigt die Mezzosopranistin die Hosenrolle mit Bravour. Chen Reiss ist eine ideale Besetzung für die Partie der Sophie. Naiv, erwartungsvoll und ergeben sowie von entzückender Erscheinung. Von Octavian ermuntert, erweist sie sich aber – angesichts des rüpelhaften Werbens ihres vom Vater ausgesuchten Bräutigams – alsbald auch als ein kleiner Trotzkopf. Sie berührt mit strahlender Höhe. Das Terzett „Hab mir´s gelobt“ am Schluss mit Octavian und der Marschallin sowie ihr Liebesduett mit Octavian gelingen vortrefflich. Ein bisschen verhuscht diesmal die Überreichung der silbernen Rose; im Normalfall ein Fall für Gänsehaut.

Peter Rose meldet sich, eben erst von einer schweren Erkältung genesen, als Ochs von Lerchenau zurück, lässt sich aber ansagen. Man ahnt nichts Gutes. Und in der Tat, er agiert zwar vortrefflich, scheint aber beim Singen stark zu markieren, wirkt stimmlich überfordert. Ob er sich für das Kommende schonen wolle? Kann das gut gehen? Nein, es geht nicht: Im 2. Akt übernimmt Wolfgang Bankl – wie schon in der Aufführung davor, diese Partie. Als Einspringer aus dem Haus okay, das Format für einen Ochs in einem so hochkarätigen Besetzungsumfeld hat er nicht.

Die Leitmetzerin singt Caroline Wenborn aus voller Kraft, als ob es sich um eine Open-Air-Wagner-Vorstellung bei ausgefallenem Tonsystem handeln würde. Benjamin Bruns bringt die italienisierende Tenorarie bei der morgendlichen Toilette mit gebührendem Schmelz, Michael Laurenz und Ulrike Helzel geben ein gutes Intrigantenpaar ab. Merkwürdig zerfahren wirkt diesmal Clemens Untereiner als Faninal. Der sonst so vielseitig einsetzbare Bariton hat wohl einen schlechten Tag erwischt und bleibt – trotz merklicher Bemühungen – eher farblos. Kann auch sein, dass er – wieder einmal – einfach zu viel will und daran scheitert. Viel aus seiner Rolle macht hingegen die Hausbesetzung von Jörg Schneider als umtriebiger Wirt. Diesen hellen, starken Tenor möchte man gerne bald in wichtigeren Rollen erleben.

Geboten wird eine Aufführung, die aus dem Routine-Repertoirebetrieb hervorsticht. Mehr als solide, aber nicht top. Zufriedener Applaus, aber nach fünf Minuten schon wieder vorbei.

Manfred A. Schmid, 28. März 2019

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