"Die Frau ohne Schatten" in Berlin: Man weiß nicht wie einem geschieht bei diesem Meisterwerk

Richard Strauss (Musik), Hugo von Hofmannsthal (Text), Die Frau ohne Schatten,  Staatsoper Unter den Linden, Berlin

Fotos: © Hans Jörg Michel 
Staatsoper Unter den Linden, Berlin
, 14. Oktober 2018
Richard Strauss (Musik), Hugo von Hofmannsthal (Text), Die Frau ohne Schatten

von Gabriel Pech

Jubel nach jedem Akt. Am Ende stehende Ovationen. Die Stimmung ist ausgelassen wie bei einem Rockkonzert. Und das bei einer der kompliziertesten Opern des Repertoires: Die Frau ohne Schatten von Richard Strauss, Libretto von Hugo von Hofmannsthal. Dieses Werk ist gespickt mit Metaphern und Symbolen, es ist eine Reise in die Geisterwelt der Träume.

Ein kleiner Disclaimer vorweg: In diesem vierstündigen Werk werden die Grundprobleme von Menschlichkeit und Partnerschaft verhandelt, die Musik ist nicht die leichteste und die Handlung wurde vermehrt „zu komplex für die Opernbühne“ genannt. Wer wirklich der Meinung ist, seine jugendlichen Kinder in solch eine Veranstaltung zu schleppen, der sollte sich nicht wundern, wenn niemand daran Spaß hat. Dafür um die hundert Euro pro Karte auszugeben, erscheint dem Rezensenten als nicht besonders ratsam. Immerhin hat diese Familie bereits nach dem 1. Akt aufgegeben, zur Freude der Umsitzenden…

Wer sich allerdings auf den Stoff einlässt, träumt einen phantastischen Traum mit der Kaiserin, die ihren Schatten sucht. Camilla Nylund nimmt uns mit in die Geisterwelt und die Menschenwelt. Sie geleitet das Publikum und ist gleichzeitig Zuschauerin. Ihr Sopran hat eine durchdringende Qualität, manchmal wirkt sie etwas überanstrengt. Für eine Hauptrolle könnte sie durchaus noch mehr Präsenz vertragen. Spätestens im letzten Akt aber hat sie uns zumindest spielerisch überzeugt, und wir leiden mit ihr unter der schweren Entscheidung, ob man eigenes Glück auf Kosten anderer erlangen kann oder nicht.

Ihre treue Amme und Weggefährtin ist Michaela Schuster. Sie ist eines der besonderen Geschenke an diesem Abend. Vom ersten Moment an ist ihr Spiel einnehmend und bühnenfüllend. Sie thront über dem Bühnengeschehen, ist sympathischer Bösewicht. Ihr Alt ist zauberhaft weich und herrschaftlich dunkel. Alle stimmlichen Gemeinheiten, die ihr Strauss in die Partitur geschummelt hat, meistert sie mit einer souveränen Flexibilität. Im Duett mit dem Geisterboten zeigt sie dem Bass, wie gute Tiefen klingen sollten.

Ein weiteres Highlight ist das Färberehepaar, das den menschlichen Gegenpart zu Kaiser und Kaiserin darstellt und von der Amme fast ins Verderben gestürzt wird. Egils Silins singt den Färber Barak sehr einfühlsam. Sein Bassbariton ist warm und weich. Er geht mit einer selbstverständlichen Präsenz bis in die leisesten Nuancen. Seine Frau singt Elena Pankratova. Sie ist eine klassische Diva, die sich auch mit Abstand am meisten Zeit zum Verbeugen lässt. Verdient hat sie sich den Applaus allemal, sie brilliert mit einem strahlenden Sopran. Manchmal lässt sie den Wagner etwas raushängen und wird leider etwas zu schrill – Wagner-Erfahrungen einen dieses Ensemble, viele sind häufig zu Gast in Bayreuth.

Simon O’Neill gibt uns als Kaiser einen energetischen Tenor. Auch er wirkt etwas angestrengt, entwickelt aber eine ungeheure Strahlkraft. Er singt charakterstark und akzentuiert.

Unter all diesen guten Sängerinnen und Sängern thront Simone Young, die souverän den Taktstock schwingt. Die Staatskapelle Berlin schwingt sich zu Höchstleistungen auf, denen die Dirigentin auch noch beim Schlussapplaus gehörigen Respekt zollt. Besonders die sanften, erdigen Töne bleiben im Ohr und das phänomenale Blech. Dadurch wird das Chaos am Ende des zweiten Aktes zu einem durchscheinenden Meisterwerk.

Eine ausgezeichnete Idee dieser Inszenierung sind die drei Tänzerinnen und Tänzer, die als Weiße Gazelle (Sarah Grether), Schwarze Gazelle (Paul Lorenger) und Falke (Victoria McConnell) immer wieder die eigentliche Fabel der Geschichte in den Vordergrund rücken. Die Tiere sind sehr realistisch dargestellt und involvieren das Publikum emotional. Dies ist nur eine von vielen phantastischen Ideen, mit denen Claus Guth (Inszenierung) und Christian Schmidt (Bühnenbild, Kostüme) dem Werk die nötige Magie entlocken. Die Bühne ist wunderbar wandlungsfähig, ohne je das kontinuierliche Gesamtkonzept zu verlassen. Die vielen Einfälle und Symbole geben dem Publikum das Gefühl, noch mindestens zwei Tage über diesen Abend nachdenken zu müssen.

Man weiß gar nicht, wie einem geschah.

Gabriel Pech, 15. Oktober 2018
für klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Simone Young, Musikalische Leitung
Claus Guth, Inszenierung
Christian Schmidt, Bühnenbild, Kostüme
Olaf Winter, Licht
Andi A. Müller, Video
Martin Wright, Einstudierung Chor

Simon O’Neill, Der Kaiser
Camilla Nylund, Die Kaiserin
Michaela Schuster, Die Amme
Boaz Daniel, Der Geisterbote
Egils Silins, Barak
Elena Pankratova, Baraks Frau
Paul Lorenger, Schwarze Gazelle, Keikobad
Sarah Grether, Weiße Gazelle
Victoria McConnell, Falke
Uri Burger, Floris Dahlgrün, Alevander Fand, Nikos Fragkou, Oren Lazovski, Männer in SchwarzStaatsopernchor
Kinderchor der Staatsoper Unter den Linden
Staatskapelle Berlin

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.