Erl kann Wagner – auch nach Kuhn: Umjubeltes „Rheingold“ in der Inszenierung von Brigitte Fassbaender

Richard Wagner, Das Rheingold,  Tiroler Festspiele Erl

Tiroler Festspiele Erl

Richard Wagner, „Das Rheingold“

von Dr. Charles E. Ritterband         

Der „Ring“ war das Ding von Gustav Kuhn, dem Gründer der Tiroler Festspiele Erl, das ist und bleibt unbestritten. Sein Dirigat von Wagners epochalem Mammutwerk war herausragend, seine Inszenierungen vielleicht weniger – doch der Name dieser inzwischen aus ganz anderen Gründen diskreditierten Figur wird noch lange mit dem „Ring“-Zyklus verbunden bleiben. Und jene Unkenrufe, die prophezeiten, dass Erl nach der Ära Kuhn keinen ebenbürtigen „Ring“ mehr auf die Bühne bringen könne, wurden durch die „Rheingold“-Inszenierung der deutschen Sängerin und Regisseurin Brigitte Fassbaender, die gegenwärtig im Rahmen der Festspiele 2021 im alten Passionsspielhaus zu sehen ist, gründlich widerlegt.

Das Rheingold, Tiroler Festspiele Erl. Foto: Xiomara Bender

Was Fassbaender, die ja selbst auch sehr oft die Fricka gesungen hat, da gemeinsam mit ihrem kongenialen Bühnenbildner und Kostümschöpfer Kaspar Glarner auf die Bühne brachte, war gleichermaßen intelligent, visuell durchwegs berückend und, im vollendeten Dirigat von Eric Nielsen, musikalisch hervorragend. Schon der Text im Programmheft spricht von profundem Verständnis für Wagners vielschichtige Opernschöpfung. Sie nennt den „Ring“ das „vielleicht bedeutendste und herausforderndste Werk der gesamten Opernliteratur“. Das erklärt, weshalb sie mit so viel offensichtlichem Respekt an dieses Werk herangegangen ist.

Das Rheingold, Tiroler Festspiele Erl. Foto: Xiomara Bender

Brigitte Fassbaender definiert den „Ring“ als Endzeitdrama, eine „ungeheuer kluge Vorausschau, wie wir unsere Welt vernichten“. Sie bezeichnet – vielleicht erstaunlich – Alberich als die Titelfigur im „Ring des Nibelungen“, als einen „Menschen von heute“. Sie gesteht ihre Faszination durch den Zauber des Theaters, der mit Bühnenbild, Licht und Kostümen Fantastisches bewirkt. Und genau dies ist ihr und Glarner in dieser Produktion gelungen. Das mächtige Orchester, hinter einem Gaze-Vorhang plaziert, auf den schemenhaft das glühende Gold und die Bergewelt um Walhalla projiziert werden und dahinter die Musiker nur ahnen lässt, leistet Gewaltiges – und da es dem Publikum gegenüber sitzt, kommt die geradezu überwältigende Akustik, noch dazu in diesem hölzernen Saal, voll zum Tragen.

Das Rheingold, Tiroler Festspiele Erl. Foto: Xiomara Bender

Die Akteure glänzten durch zweierlei: eine exzellente Ensemble-Leistung, aus der keiner der Sänger und keine der Sängerinnen mit übermäßiger Profilierung herausragte – und erstklassige schauspielerische Leistung, denn im „Ring“ wird ja, fast wie in einem Film der da abläuft, eine spannende, dramatische Geschichte erzählt. Und das bringen nur Akteure zustande, die eben nicht nur erstklassige Sänger, sondern ebenso erstklassige Schauspieler sind.

Das Rheingold, Tiroler Festspiele Erl. Foto: Xiomara Bender

Kaspar Glarner betont denn auch im Programmheft, dass die Figuren „sehr menschlich“ angelegt worden seien. Fassbaender hat die Psychologie dieser Figuren im Griff: die frustrierte Ehefrau Fricka, mit Wotan aus Überdruss und Eifersucht „heillos zerstritten“ und dagegen Erda als die „eigentlich adäquate Partnerin“ von Wotan – die ihm „als einzige das Wasser reichen kann“. Und Wotan selbst, der „sich selber abschafft“, ist für Fassbaender die zwiespältigste Figur im „Ring“ und, aus der Sicht Wagners, „vermutlich auch die autobiografischste“ – voller Skrupel und zugleich Skrupellosigkeit, mit Zweifeln und Resignationen, ein „unglaublicher Womanizer“, wie Wagner es ja auch selbst war.

Das „Rheingold“ ist in den Worten Fassbaenders „eine Männer-Oper“. Doch bei aller Präzision in der Darstellung der menschlich-psychologischen Dimension dieses vierteiligen Dramas bleibt der „Ring“ für Fassbaender eine Märchenwelt, eine „ungeheure Mixtur, die Wagner mit seiner unendlichen Fantasie erschaffen hat“.

Charles E. Ritterband, 18. Juli 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Engelbert Humperdinck, Die Königskinder Festspielhaus Erl, 17. Juli 2021

Regie: Brigitte Fassbaender

Musikalische Leitung: Eric Nielsen

Bühnenbild und Kostüme: Kaspar Glarner

Wotan: Simon Bailey

Loge: Ian Koziara

Alberich: Craig Colclough

Mime: George Vincent Humphrey

Fricka: Dshamilja Kaiser

Erda: Judita Nagyová

Fasolt: Thomas Faulkner

Fafner: Anthony Robin Schneider

Freia: Monika Buczkowska

Donner: Manuel Walser

Froh: Brian Michael Moore

Woglinde: Ilia Staple

Wellgunde: Florence Losseau

Floßhilde: Katharina Magiera

Orchester der Tiroler Festspiele Erl

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