Im tragischen Ende entspringt das erste echte Gefühl: Eine großartige Rusalka in München

Rusalka von Antonín Dvořák  Bayerische Staatsoper, München, 18. Juli 2021

Bayerische Staatsoper, München, 18. Juli 2021
Rusalka von Antonín Dvořák

Foto: Rusalka: Kristīne Opolais (Rusalka), Günther Groissböck (Wassermann), W. Hösl ©

von Frank Heublein

Die Inszenierung von Antonín Dvořáks Oper Rusalka des Abends im Nationaltheater in München stammt von Martin Kušej aus dem Jahre 2010.

Der Beginn des Vorspiels könnte auch Sendungen wie den Bergdoktor einleiten, idyllische Klänge. Doch schnell verdunkelt sich die Klangfarbe dramatisch und lässt mich die Tragödie ahnen, die ich zu sehen bekomme. Das Ende jeder beliebigen Bergdoktor Folge ist diametraler Gegensatz zum Ende dieser Oper. Ich erkenne die Herausforderung, Inhalt und Musik zu einer stimmigen Einheit zu formen.

Das Wasserwesen Rusalka verzehrt sich danach, menschliche Gefühle, insbesondere die Liebe zu spüren. Sie bearbeitet Ihren „Chef“, den Wassermann, so lange, bis dieser ihr den Tipp gibt, wer ihr helfen kann, zum Mensch zu werden und Gefühle zu spüren. Es ist die Ježibaba, zu Deutsch: die Hexe.

Doch die Hexe ist wie die Bank im Spielcasino. Egal wer kommt, sie gewinnt immer. Rusalkas netter Versuch, sich lieben zu lassen, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Erst ganz zum Schluss erkennt die verlorene Rusalka, dass man Gefühle nicht „gerade mal schnell eben“ lernen kann. Dass Gefühle keine gerade Autobahn, sondern ein verschlungener Dschungelpfad sind. Dass Gefühle scheitern oder gar implodieren, wenn sie nicht erwidert werden (können). Das weiß die fiese Hexe und setzt noch einen oben drauf und lässt Rusalka zwangsverstummen gegenüber den Menschen. So wird eine Beziehungsaufnahme Rusalkas zu den Menschen, zum Prinzen von vornherein unmöglich gemacht. Rusalka hat von Anfang an keine Chance.

Rusalka will die Liebe kennenlernen und weiß um die Verdammnis nicht, die in der anderen Waagschale liegt. Ihr Unwissen trägt dazu bei, dass sie in die Verdammnis stürzt. Immerhin lernt sie in dieser Tragödie auch die Liebe kennen. Ich erspüre am Ende die gewonnene menschliche Größe Rusalkas. Selbstlosigkeit ist ein wesentlicher Bestandteil der Liebe. Diese Erkenntnis singt sie mit den letzten Zeilen dieser Oper: „Für Deine Liebe, deiner Schönheit Glanz, für deine menschliche unstetige Leidenschaft, für den Fluch, der auf meinem Schicksal liegt, Menschenseele, Gott sei Dir gnädig!“

Herauszustellen ist hier die großartige schauspielerische Leistung Kristīne Opolais als Rusalka. Sie hat Erfahrung mit der Inszenierung, da sie die Münchner 2010er-Premieren-Rusalka ist. Im Menschwerden erhält sie rote High Heels. Auf diesen kann sie nicht laufen. Immer wieder stolpert sie, fällt zu Boden in diesen Schuhen. Ein Sinnbild der Unfähigkeit, menschliche Gefühle auf Kommando zu entwickeln. Das spielt sie toll. Im Gegensatz tänzelt die fremde Fürstin auf noch höheren High Heels den Prinzen locker aus!

Rusalka: Kristīne Opolais (Rusalka). Foto: W. Hösl (c)

Ein interessanter inszenatorischer Nebenaspekt ist die überwiegend männliche Gewalt gegenüber Schwächeren. Sowohl der Wassermann die Nymphen als auch der Förster den Küchenjungen nutzen diese Personen sexuell aus und handeln auch sonst gegenüber ihren „Schutzbefohlenen“ mich abstoßend unmoralisch.

Sei es der Wassermann, der Rusalka mit dem Tipp, sich an die Hexe zu wenden, um Mensch zu werden, – ich unterstelle wissentlich! – den Anstoß in ihr Verderben gibt. Der Jäger, der als Onkel seinen Neffen (heute Abend offensichtlich seine Nichte) missbraucht. Der Prinz, der am Ende des ersten Aktes Rusalka wie eine Trophäe oder ein erlegtes Stück Wild – er sucht nach „seinem weißen Reh“ – über die Schulter wirft.

Die dominante fremde Fürstin nutzt die Schwäche des Prinzen gewissenlos aus, sie singt: „Nein es ist nicht Liebe, Wut nur verspüre ich, dass sie den Platz, der mir gebührt, besetzt, und weil ich meinen Prinzen nicht bekam, soll beider Glück vergehen, für alle Zeit!“. Ruchlos und kalt.

So werden Menschen in den meisten Szenen in diesem Stück nicht durch wahre echte edle reine Gefühle, sondern durch Machtgelüst, physisches Verlangen, Gier und Sex gesteuert. Keine der beiden Alternativen finde ich akzeptabel: weder die Gefühlslosigkeit der Wasserwesen noch die egozentrische Gefühlsgewalt der Menschen.

Die musikalische Einheit auf der Bühne hat keine Schwachstelle. Das Orchester wird von der sicheren Hand Robert Jindras geführt. Das Bayerische Staatsorchester bietet eine starke musikalische Basis für die Sängerinnen und Sänger und überzeugt restlos durch einen vollen harmonische Klang.

Mirjam Mesak, Daria Proszek und Alyona Abramowa als Waldnymphen und Förster Ulrich Reß mit seinem „Küchenjungen“ Yajie Zhang hinterlassen mit ihrer stimmlicher Prägnanz Eindruck und ihre Szenen bereiten mir großen Genuss.

Helena Zubanovich als Hexe beeindruckt im dritten Akt im Duett mit Rusalka. Zuerst herablassend beleidigend dann hochdramatisch im Vorschlag, dass Rusalka sich durch den Mord an ihrem geliebten Prinzen die Rückkehr ins Wasserreich erkaufen kann. Für mich eine der eindrucksvollsten Szenen des heutigen Abends überhaupt.

Musikalisch geht Kristīne Opolais die Oper wie einen Marathon an. Sie teilt sich ihre stimmlichen Kräfte exzellent ein und steigert die stimmliche Kraft und Dramatik von Akt zu Akt. Sehr klug und kontrolliert. Chapeau. Ich dachte nach dem ersten Akt, „da könnte mehr kommen“. Es kommt mehr!

Im zweiten Akt passt inhaltlich ihre eingesetzte Kraft hervorragend zur auch inhaltlich dominanteren diabolischen Powerstimme Alisa Kolosovas als fremde Fürstin. Hätte sie den ersten Akt stärker angegangen, hätte die genannte Trioszene Rusalka, Prinz und fremde Fürstin im zweiten Akt für mich nicht funktioniert. Ein weiteres Highlight im zweiten Akt ist das laut Libretto gezeigte Ballett. Für mich ist es Rusalkas toll gespielte Arie ohne Worte. Ihre Verzweiflung ob des auf der Bühne gezeigten Betrugs des Prinzen mit der fremden Fürstin verstört mich nachhaltig. Mit dem parallelen „Ballett“ der Bräute und Fellabgezogenen Rehen dagegen fange ich wenig an, zu oberflächlich wirkt mir die inszenatorische platte Provokation.

Kristīne Opolais lässt ihre volle stimmliche Brillanz erst am Ende der Oper im Duett mit dem Prinzen aufscheinen. Inhaltlich passt das hervorragend. Der Teil von mir, der sich an der musikalischen Schönheit Dvořáks Musik ergötzt, hätte sich etwa im Duett mit dem Wassermann im zweiten Akt mehr dramatische Stimmenstrahlkraft gewünscht.

Alisa Kolosovas als fremde Fürstin wickelt den Prinzen Dmytro Popov in der Trioszene sekundenschnell um den kleinen Finger und verleibt sich den ganzen Mann im erotischen Handstreich mit gnadenlosem Sexappeal ein. Wow! Äußerst präsent und dynamisch in Person wie in der Stimme.

Tenor Dmytro Popov als Prinz harmoniert mit den beiden sehr unterschiedlichen Sopranpartien der fremden Fürstin und Rusalka wunderbar. Die Rolle verlangt nicht die durchschlagende Stimme eines Heldentenors, das gerade ist der Prinz ja nicht. Klar und exakt auch in den hohen Registern, tadellos setzt er sein stimmliches Highlight zum dramatischen Höhepunkt zum Ende des dritten Aktes à point.

Der Bass Günther Groissböck – DER Bass dieser Bayreuther Festspiele – zeigt großes gesangliches und schauspielerisches Talent. Sein Wassermann ist psychologisch eine anspruchsvolle Rolle. Sein ambivalentes „gefühlloses“ Sorgen um Rusalka. Sein Wissen, dass die Menschen, auf die Rusalka trifft, ihr nicht das geben, was diese sich so sehr wünscht. All das treibt ihn in ein abgrundtiefes und im dritten Akt explodierendes Rachegefühl, das im exaltierten Mord am Jäger kulminiert. Stimmlich unglaublich souverän und präsent. Großartig.

Am Ende steht die immerwährende Verdammnis Rusalkas und doch strahlt zugleich das Wahre Echte des Gefühls: die Liebe und deren Selbstlosigkeit. Die totale Tragödie Rusalkas. Sie ist untotes Irrlicht, weder Mensch noch Wasserwesen, von allen von allem ausgeschlossen. Den geliebten Prinzen befördert sie selbst aus Liebe mittels eines Kusses ins Jenseits. Eine unglaubliche Last. Doch zugleich hat sich ihr größter Wunsch erfüllt: sie kennt das Gefühl der Liebe. Durch diese inhaltliche Ambivalenz Rusalkas hinterlässt die eingängige, schöne und geschmeidige Musik Dvořáks einen intensiv beunruhigenden marternden Nachklang in meinem Innern. Meine anfänglich erkannte Herausforderung meistert dieser Abend. Für mich funktioniert die Zusammenführung von heller romantischen Musik und inhaltlich dunklen Tragödie.

Frank Heublein, 19. Juli 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Programm

Rusalka von Antonín Dvořák

Besetzung

Musikalische Leitung    Robert Jindra

Inszenierung     Martin Kušej

Der Prinz          Dmytro Popov

Die fremde Fürstin       Alisa Kolosova

Rusalka      Kristīne Opolais

Der Wassermann          Günther Groissböck

Die Hexe          Helena Zubanovich

Der Förster       Ulrich Reß

Der Küchenjunge          Yajie Zhang

  1. Waldnymphe Mirjam Mesak
  2. Waldnymphe Daria Proszek
  3. Waldnymphe Alyona Abramowa

Ein Jäger          Boris Prýgl

Bayerisches Staatsorchester

Chor der Bayerischen Staatsoper

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