Wagner für Einsteiger: Tannhäuser oder die Wahrheit liegt in der Mitte

Richard Wagner, Tannhäuser,  Tiroler Festspiele Erl

Foto: Xiomara Bender (c)
Richard Wagner, Tannhäuser
Tiroler Festspiele Erl, 21. Juli 2018

von Barbara Hauter

Wagner-Opern sind nichts für Einsteiger, Musikverstand ist erforderlich, und die Kenner sind unter sich. „Tannhäuser“ scheint etwas niederschwelliger zu sein und das Tor zur Wagnerwelt zu öffnen. Seine Story –ein Mann sucht Erlösung – ist schnell erzählt, und zudem verspricht der Untertitel eine „romantische“ Oper.

Die Festspiele im Tiroler Erl – quasi als Gegenbild zu Bayreuth – locken mit einer weniger elitären, entspannten Atmosphäre. Zum Festspielhaus spaziert man zwischen Kuhweiden entlang. In der Üppigkeit der Natur wirkt dann das Opernhaus umso nüchterner, statt großstädtischem Prunk nackter Beton und harte Kirchenbänke statt Plüschsessel. Kein schwerer roter Vorhang trennt Zuschauer von den Akteuren, so nah dran am Geschehen ist man selten. Selbst das Orchester ist zum Anfassen: es sitzt mit auf der Bühne statt im Orchestergraben. Gustav Kuhn, Dirigent, Regisseur und musikalischer Leiter in Personalunion, nutzt diese Kargheit, um seine Zuhörer ganz mit Musik pur einzufangen. Ablenkung durch üppige Ausstattung wird nicht geboten. Das Bühnenbild ist auf wenige Andeutungen reduziert.

Im ersten Akt ist das fast schmerzhaft: Tannhäuser gibt sich im Venusberg völlig der sinnlichen, körperlichen Liebe hin. Schwül-erotisch ist die Stimmung. Doch das Zuschauerauge bekommt keinen opulenten Sinnesgenuss. Die Aussage des ersten Aktes tragen fast gänzlich die Orchestermusiker und die Sänger: Tannhäuser, Tenor Gianluca Zampieri, ist der reizvollen, aber künstlichen Welt überdrüssig. So sehr Venus Marlene Lichtenberg auch silberhell lockt, es bleibt kalt zwischen ihnen. Man kann seine Sehnsucht nach dem echten Leben nachempfinden.

Der erste Akt endet mit Erleichterung: Tannhäuser verlässt den Venusberg und findet, in der Hoffnung seine angebetete Elisabeth in einem Sängerwettstreit erobern zu können, wieder zurück in die Gemeinschaft der Ritter, angeführt von Landgraf Hermann. Carsten Wittmoser gibt den Landesfürsten verständnisvoll, gütig.  Sein warmer, wohltönender Bass signalisiert: dieser Herrscher will stets das Beste für seine Untertanen, nicht grimmige Willkür, sondern Mitgefühl und Überlegtheit liegen in seiner Stimme.

Der zweite Akt gehört ganz Elisabeth, gesungen von Agnes Selma Weiland, die ihr fulminantes Rollendebut gibt. Elisabeth ist der Preis, den die Ritter durch ihre Sangeskunst erobern wollen. Thema des Castings ist „die reine Liebe“. Natürlich soll Tannhäuser siegen, aber als er hört, welche abgehobenen Vorstellungen Wolfram von Eschenbach (Michael Kupfer-Radecky) von der Liebe hat, outet er sich als Venusberg-Erfahrenen. Die Gesellschaft ist geschockt. Agnes Selma Weilands klare, aber feurige Stimme übertönt das Chaos, das ausbricht. Sie ist sicher und rein in ihren Gefühlen, in ihrer Liebe – und in dieser Darbietung anbetungswürdig. Elisabeth setzt sich für den verdammten Tannhäuser ein und der wird zur Buße auf Pilgerschaft nach Rom geschickt.

Im dritten Akt kehrt die Pilgergruppe zurück. Doch ohne Tannhäuser. Die am Boden zerstörte Elisabeth betet für ihn – und die Sopranistin singt die Reine dabei in eine andere, fast übermenschliche Sphäre. Wolfram, von Kupfer-Radecky überzeugend präsentiert als rechtschaffener, treuer Ritter, der zu seinen Idealen steht und Elisabeth vergöttert, singt ihr ein Lied zum Abschied. Doch während er im Sängerstreit noch der reinen Minne huldigt, besingt er pikanterweise den Abendstern – die Venus. Freud lässt grüßen.

Da kehrt Tannhäuser doch noch zurück – unerlöst von seiner Schuld. Elisabeth sollte nach Drehbuch sterben, gefolgt von Tannhäuser. Doch die Erlösung in Erl findet ein versöhnliches Ende: Elisabeth, die Heilige, umarmt Venus, die Hure. Die beiden verschmelzen unter Elisabeths weitem Engelsgewand zu einem Sinnbild der Einheit. Wie im richtigen Leben liegt die Wahrheit auch in der Liebe in der Mitte der Extreme. Und dann gibt es Sinnliches für Aug und Ohr: Das Schlussbild ist so bombastisch, dass auch Wagner-Einsteiger auf ihre Kosten kommen. Das Tor zur Wagner-Welt ist aufgestoßen.

Barbara Hauter, 23. Juli 2018, für
klassik-begeistert.de

Barbara Hauter, M.A. Germanistik, Psychologie und Biologie, schreibt seit sie die Tastatur bedienen kann für Tagespresse, Zeitschriften und Internet. Als Redakteurin betreute sie viele Jahre Foto- und Tierzeitschriften. Als freie Journalistin sind ihre Themenschwerpunkt Menschen, Tiere und Medizin. Ihre Passion sind „Kritiken fürs Volk“, weil sie dafür brennt, mehr Menschen für Klassik und Ballett zu begeistern. Barbara Hauter lebt in der schönen Opernstadt München.

Sängerinnen und Sänger der Accademia di Montegral
Tannhäuser: Gianluca Zampieri
Wolfram von Eschenbach: Michael Kupfer-Radecky
Landgraf Hermann: Carsten Wittmoser
Biterolf: Julian Orlishausen
Reinmar von Zweter: Michael Doumas
Heinrich der Schreiber: Wolfram Wittekind
Walther von der Vogelweide: Ferdinand von Bothmer
Elisabeth: Agnes Selma Weiland
Venus: Marlene Lichtenberg
Ein junger Hirt: Maria Novella Malfatti
Vier Edelknaben: Giancarla Bettella, Victoria Liashkevich, Alina Sivitskaya, Yuko Ugai
Orchester und Chorakademie der Tiroler Festspiele Erl
Musikalische Leitung und Regie: Gustav Kuhn
Bühnenbild: Folko Winter
Kostüme: Lenka Radecky
Dramaturgie: Andreas Leisner

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