Rising Stars 25: Álfheiður Erla Guðmundsdóttir, Sopran – ein Nordlicht mit Strahlkraft

Rising Stars 25: Álfheiður Erla Guðmundsdóttir, Sopran,  klassik-begeistert.de

Foto:   © Valgeir Einarsson

Die Entwicklung und Karriere vielversprechender NachwuchskünstlerInnen übt eine unvergleichliche Faszination aus. Es lohnt sich dabei zu sein, wenn herausragende Talente die Leiter Stufe um Stufe hochsteigen, sich weiterentwickeln und ihr Publikum immer wieder von neuem mit Sternstunden überraschen. Wir stellen Ihnen bei Klassik-begeistert jeden zweiten Donnerstag diese Rising Stars vor: junge SängerInnen, DirigentInnen und MusikerInnen mit sehr großen Begabungen, außergewöhnlichem Potenzial und ganz viel Herzblut sowie Charisma.

von Dr. Lorenz Kerscher

 

Palais Lichtenau session – Richard Strauss: Wasserrose; Álfheiður Erla Guðmundsdóttir, Sopran, Kunal Lahiry, Klavier, aufgenommen Jan. 2020

Die Chancen, Rising Stars in Konzertsälen und Opernhäusern zu entdecken, waren während der zurückliegenden Pandemiezeit gering. Diese Lücken mussten Videoübertragungen im Internet schließen und einige Künstlerinnen und Künstler gingen auch in die Offensive, um sich in dieser Form zu präsentieren. Hierzu zählte die Isländerin Álfheiður Erla Guðmundsdóttir, die von 2014 bis zu ihrem Abschluss im vergangenen Jahr an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin studierte und derzeit Ensemblemitglied am Theater Basel ist. Für sie traf es sich gut, dass sie Anfang 2020 an einer Produktion sehr hochwertiger Videoaufnahmen klassischer Lieder in einem noblen Ambiente mitgewirkt hatte, die dann während des ersten Lockdown unter dem Titel „Palais Lichtenau Sessions“ in Youtube veröffentlicht wurden. Zusammen mit dem Pianisten Kunal Lahiry, der ein gefragter Liedduopartner vieler Rising Stars ist, konnte sie in fünf Liedern aus dem 19. und 20. Jahrhundert überzeugende stimmliche Möglichkeiten, stilistische Flexibilität und Ausdrucksreichtum unter Beweis stellen (siehe obiges Beispiel und unten verlinkte Playlist).

Es kam dann die Zeit der aus dem eigenen Hausstand übertragenen Videos, beginnend mit einer minimalistischen Version von „Des Fischers Liebesglück“ mit E-Bassbegleitung. Von einem Hauskonzert mit Kunal Lahiry, das im April 2020 als Bezahlangebot produziert wurde, habe ich bereits berichtet. Die Pandemiesituation besserte sich dann bis Sep. 2020 so weit, dass sie am Theater Basel bei einer Produktion von Olivier Messiaens „François d’Assise“ in der Rolle des Engels vor Publikum auftreten konnte und dafür großes Lob der Rezensenten erntete. Doch Ende des Jahres wirkte sie wieder nur vor leerem Saal an einem Weihnachtskonzert in Reykjavik mit. Nur für die Videoübertragung sang sie dort Arien von Händel und Mozart, die eines festlich gestimmten Livepublikums würdig gewesen wären.

 

Georg Friedrich Händel: Lascia ch’io pianga (Álfheiður Erla Guðmundsdóttir, Sopran, Dez. 2020)

Im Jahr 2021 hatte sie weiterhin Pech mit Corona. Im Mai reiste sie für einen Liederabend nach Reykjavik, der jedoch wegen neuerlich gestiegener Infektionszahlen nicht stattfinden konnte. Zu diesem wollte sie auch selbst gestaltete Videoprojektionen zeigen. Doch am Ende konnten nur einige wenige Lieder, ergänzt mit den Darbietungen einer Tänzerin, als Stream übertragen werden. Ansonsten konnte sie die „gewonnene“ Zeit wenigstens für einen Ausflug zum Vulkan Fagradalsfjall nutzen, der zu dieser Zeit sehr heftig Feuer spuckte.

Im Juni war sie dann als Teilnehmerin des Wettbewerbs BBC Cardiff Singer of the World nominiert, was alleine schon eine große Auszeichnung ist. Doch wieder wurden ihre Pläne durchkreuzt: nach ihrer Ankunft ging die Meldung ein, dass im Flugzeug in ihrer Nähe ein positiv Getesteter gesessen war. Also wurde sie, obwohl sie keinerlei Symptome aufwies, in Quarantäne geschickt und konnte nicht mehr auftreten. Glücklicherweise wurde sie aber für die Teilnahme im nächsten Jahr gesetzt und kann sich 2022 auf noch höherem Reifegrad präsentieren. Sie wird, dessen bin ich sicher, die vielen Fachleute, die diesen Wettbewerb verfolgen, mit herausragender Leistung überzeugen.

Immerhin lieferte mir das Internet in der Pandemiezeit genug Material, um die junge Isländerin näher kennenzulernen. Bereits ihre Großmutter Álfheiður Laufey Guðmundsdóttir war Sängerin, wovon auch ein Tonbeispiel zeugt. Ihr Vater Guðmundur Emilsson ist Dirigent und stellt sich im Internet z. B. als Interpret von Beethovens zweiter Symphonie vor. So folgte die 1993 geborene Álfheiður Erla der Familientradition, indem sie von Jugend an der Söngskóli Sigurðar Demetz in Reykjavik Gesangsunterricht nahm und dort auch schon Bühnenerfahrung sammelte. Seit 2014 studierte sie an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin erlangte dort 2018 den Bachelor und 2021 den Master of Music. Wichtige Opernrollen konnte sie schon dort erarbeiten, u. a. die Susanna in „Figaros Hochzeit“ zusammen mit Slávka Zámečníková als Gräfin. Das war ein frühzeitiges Zusammentreffen zweier vielversprechender Rising Stars! Wie es dann so schön heißt, „rundeten Meisterklassen ihre Ausbildung ab“, wobei Startenor Piotr Beczała ganz offensichtlich sehr gerne mit ihr arbeitete.

 

SongStudio 2019: Piotr Beczała Master Class: Grieg’s „Zur Rosenzeit“

Bühnenluft schnupperte sie 2019 als Papagena an der Berliner Staatsoper unter den Linden, als Hannchen in „Der Vetter aus Dingsda“ am Theaters Altenburg-Gera und seit 2020 am Theater Basel, dessen Ensemble sie derzeit angehört. Dort wirkte sie schon, wie oben erwähnt, als Engel in Olivier Messiaens „François d’Assise“ und in der zeitgenössischen Musiktheaterproduktion „Die Mühle von Saint Pain“ mit und wird bald auch als Papagena sowie in szenischen Umsetzungen der „Matthäuspassion“ und der „Carmina Burana“ zu erleben sein.

Neben dem Gesang betätigt sie sich auch als Foto- und Videokünstlerin. Nicht wenige Bilder, mit denen sich andere Nachwuchstalente im Internet präsentieren, stammen von ihr. Zu einigen ihrer Gesangsaufnahmen produzierte sie auch Videos für YouTube oder zur Vorführung bei ihren Livekonzerten, was wegen der Corona-Beschränkungen bislang noch nicht verwirklicht werden konnte. Mit ihrem Liedduopartner Kunal Lahiry hat sie einen engagierten Mitstreiter, um damit dem klassischen Lied neue Impulse zu geben.

 

GEORGE CRUMB WIND ELEGY. Álfheiður Erla Guðmundsdóttir and Kunal Lahiry

Für den Durchbruch nach ganz oben wird sie noch einige Geduld aufbringen müssen. Sehr viele Nachwuchstalente stehen zum Teil schon länger in den Startlöchern und die Möglichkeiten, sich zu bewähren, sind immer noch selten und unsicher. Immer wieder bringen Covidfälle in den Ensembles, Orchestern und Chören Sand ins Getriebe des Spielbetriebs. Stop and Go wird leider noch einige Monate lang die Fahrweise sein, bis sich der Stau allmählich auflösen kann. Doch dann erwarte ich, dass Álfheiður Erla mit der Strahlkraft, Vielseitigkeit und Beweglichkeit ihrer Stimme, mit der Legatokultur ihrer Medodiebögen, mit Textverständlichkeit und Ausstrahlung entscheidende Pluspunkte sammeln wird, die zu interessanten Engagements führen und ihr die verdienten Karrierechancen eröffnen können.

Weiterführende Information:

Biografisch sortierte Playlist in Youtube

Offizielle Webseite

Álfheiður Erla Guðmundsdóttir in Wikipedia

Lorenz Kerscher, 10. Februar 2022, für
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Lorenz Kerscher, Jahrgang 1950, in Penzberg südlich von München lebend, ist von Jugend an Klassikliebhaber und gab das auch während seiner beruflichen Laufbahn als Biochemiker niemals auf. Gerne recherchiert er in den Internetmedien nach unentdeckten Juwelen und wirkt als Autor in Wikipedia an Künstlerporträts mit.

Dr. Lorenz Kerscher„‘Musik ist Beziehungssache‘, so lautet mein Credo. Deshalb bin ich auch als Chorsänger aktiv und treffe mich gerne mit Freunden zur Hausmusik. Eine neue Dimension der Gemeinsamkeit eröffnet sich durch die Präsenz vieler, vor allem junger Künstler im Internet, wo man Interessantes über ihre Entwicklung erfährt, Anregungen zur Entdeckung von musikalischem Neuland bekommt und auch in persönlichen Kontakt treten kann. Man ist dann kein Fremder mehr, wenn man ihnen als Autogrammjäger begegnet oder sie sogar bei einem Konzertbesuch im Publikum trifft. Das ist eine schöne Basis, um mit Begeisterung die Karrieren vielversprechender Nachwuchskünstler mitzuerleben und bei Gelegenheit auch durch Publikationen zu unterstützen.“

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