Himmlische Freuden mit Brechungen – zweimal Mahler in ungewöhnlicher Kombination

Rotterdams Philharmonisch Orkest, Yannick Nézet-Séguin Dirigent,  Elbphilharmonie, 27. April 2022

Photos: © Daniel Dittus

All das hätte so schön sein können, so würdig, so himmlisch. Was hat ein großer Teil dieses Publikums hier gesucht? Spaß und Belustigung?

Großer Saal der Hamburger Elbphilharmonie, 27. April 2022

Valentin Sylvestrov – Prayer for Ukraine
Alma Mahler – aus: Fünf Lieder
Gustav Mahler: Symphonie Nr. 4 G-Dur

Rotterdams Philharmonisch Orkest
Yannick Nézet-Séguin Dirigent

Mezzosopran: Karen Cargill
Sopran: Christiane Karg

von Dr. Andreas Ströbl

Wer nichts von den massiven Eheproblemen im Hause Mahler weiß – und das dürfte auf einen Großteil des Publikums am 27. April im Großen Saal der „Elphi“ zutreffen – hätte vermuten können, dass im Hintergrund der Programmzusammenstellung dieses Konzertabends traute Harmonie gestanden hätte. Die gemeinsamen Kompositionen eines Ehepaars – wie modern mag so etwas scheinbar daherkommen. Das Gegenteil ist der Fall.

Es ist für eingefleischte Verehrer Gustav Mahlers, dieses unfassbar sensiblen, feinnervigen Menschen, schwer zu fassen, dass er gleich zu Beginn seiner Ehe mit Alma Schindler der begabten jungen Frau das Komponieren verbot. Die war immerhin Schülerin bei Zemlinksy gewesen und hatte auch ein Verhältnis mit ihm angefangen. Aber auch das war Gustav Mahler: ein Despot und Perfektionist, dem oft die Geschmeidigkeit für ein lässigeres Miteinander abging.

Wären Konflikte bis zum Fremdgehen Almas mit dem Architekten Walter Gropius vermeidbar gewesen, wenn der große Gustav noch eine Göttin neben sich geduldet hätte? Nun, eine Göttin der Musik wäre Alma wohl nicht geworden, aber vielleicht hätte Gustav sich und seiner Frau einiges erspart, wenn er sie als Komponistin ernstgenommen hätte. Das tat er viele Jahre später, mit schlechtem Gewissen, und gab einige der Lieder nach Bearbeitung heraus. Bevor es vier aus den „Fünf Liedern“ Almas gab, erklang zur Eröffnung des Konzerts „Prayer for Ukraine“ von Valentin Sylvestrov gleichermaßen als klagende Reminiszenz an die katastrophale aktuelle Situation in Osteuropa. Der Komponist ist einer der Millionen Flüchtlinge, die vor dem russischen Vernichtungskrieg in den Westen geflohen sind.

Die Schottin Karen Cargill ist vor allem als Wagner-Sängerin bekannt und so brachte sie mit ihrem warmen, vollen Mezzosopran sowohl die schwüle Schwere als auch die frohen, spielerischen Aspekte dieser Lieder wunderbar zum Ausdruck. Manches erinnert in diesen Fin-de-siècle-Stücken in der Tat an Wagner, die Farbigkeit der Orchestrierung und ein geheimnisvolles Klangschimmern sind genuin spätromantisch.

Karen Cargill (c) Daniel Dittus

Gegen den satten Klang des leidenschaftlich spielenden Orchesters sang Cargill mühelos und fein artikuliert an. Ist „Die stille Stadt“ von einer dramatischen Breite geprägt, so ist „In meines Vaters Garten“ mit den dunklen Farben eines symbolistischen Gemäldes ausgeführt. Auch die Länge des Liedes mit seinem märchenhaften Text geht, der symphonischen Größe des Orchesters entsprechend, über das übliche Format hinaus.

„Laue Sommernacht“ bringt trotz der programmatischen Dunkelheit doch leichte Momente ins nächtliche Spiel und endet geradezu luftig. Eine lyrische Leichtigkeit verleiht „Bei dir ist es traut“ wienerischen Schmelz mit einem leichten Wink in Richtung der Sezessionisten und ihrem Hang zum Vergolden, hier durch gleißende Klangtupfer gemalt.

Der Genuss dieser selten aufgeführten Lieder hätte groß sein können, hätte nicht das Publikum durch das Klatschen nach jedem Lied die Stimmung empfindlich gestört. Ohnehin waren viele in Freizeitkleidern gekommen (weshalb müssen eigentlich Baseball-Kappen in Innenräumen getragen werden? War Regenwetter im Großen Saal vorhergesagt worden?), was auf entsprechendes Verhalten vorausdeutete. Aber es sollte noch ärger kommen.

Nun Mahlers 4. Symphonie: Ein Werk, das mit seinem naiven Schellengeklingel beginnt, „als ob es nicht bis Drei zählen kann“, wie Mahler selbst bemerkte. „Dann aber geht es gleich ins Große Einmaleins und zuletzt wird schwindelnd mit Millionen und Abermillionen gerechnet“. Sicher hat „die 4.“ von allen Mahler-Symphonien die meisten ironischen Anteile und spielt mit musikalischen Humoresken. Aber das geht, wie immer bei Mahler, mit heftigen Brechungen und der ständigen Drohung vor der Katastrophe einher.

Der Dirigenten-Weltstar Yannick Nézet-Séguin lotete all das aus, was Mahler an Spannungsbögen fordert; präzise und dabei mit größtem Engagement und körperlichem Einsatz unterstrich er all die Differenzen, Tempowechsel und abrupten Übergänge, die in die extremen Stimmungsschwankungen von Mahlers Psyche blicken lassen. Die großartigen Rotterdamer mit ihren beeindruckenden Solistinnen und Solisten schmiegten sich in dieses mitreißende Dirigat; Nézet-Seguin umarmte, streichelte, stupste fordernd, stach mit dem Finger in den Klangkörper hinein, um einzelne Töne geradezu herauszupflücken.

Yannick Nézet-Séguin, (c) Daniel Dittus

Man war immer wieder an die Karikaturenfolge von Otto Boehler erinnert, der Mahler schattenrissartig in seinen ausgreifen Bewegungen und seinem Ringen um Innigkeit und Klarheit mit liebevoller Ironie gezeichnet hat. Allerdings unterstrich der muntere Kanadier durch seine freundliche Mimik mit viel Lächeln und Augenzwinkern das harmonische Miteinander und durchbrach so immer wieder den Ernst hin zum Freudig-Lebendigen. Auch so herum darf man Mahler hören – natürlich droht hinter allem der Tod, aber nach und über dem irdischen Leiden strahlt das Licht. Das lehrt gerade diese Symphonie. Und so erhebt sich im ersten Satz mit seinen zurückhaltenden Anklängen an das Zerstörerische auch die Hoffnung und der Verweis auf das so besondere Finale.

Wer sich jetzt schon innerlich auf den zweiten Satz mit seiner unheimlichen „Freund-Hein“-Violine eingestellt hatte, wurde jäh durch das Zwischengeklatsche aus der Stimmung gerissen. Der phantastische Dirigent ließ sich dadurch nicht stören, er und das Orchester fanden sofort wieder in Ernst und Respekt vor der Musik zurück, den dieses Publikum fast durchweg von Anfang an nicht aufbrachte. Igur Gruppman als Erster Violinist zeichnete mit dem bewusst eine Oktave höhergestimmten Instrument eine intime Spukhaftigkeit, die aber auch wieder in sich ironisch gebrochen war. Der immer wieder herausfahrenden Heftigkeit funkelten feine Pizzicati spannungsvolle Gegenentwürfe zu.

Ja – auch dem überwältigenden dritten Satz konnte der Mahler-Liebhaber sich erst nach einigen Momenten des Abregens über die nervigen Klatscher hingeben. Mit bewundernswerter Souveränität und der Höflichkeit der niederländischen Gäste mit ihrem kanadischen Leiter beschworen sie die erhabene Majestät des Todes und seiner steinernen Kirchengrabmäler, die Mahler hier im Sinn hatte, wie er einmal Bruno Walter gegenüber erzählte. Die so typischen Mahler-Glissandi reduzierte Nézet-Séguin auf ein Minimum, um in keinem Moment in kitschige Schwelgerei abzugleiten.

Lautes Schnarchen hingegen bereitete der Vorbereitung auf das Finale dieses Satzes ein Ende und der Dirigent unterbrach. In diesem Falle kann der alten Dame wohl kein Vorwurf gemacht werden, denn die hatte tatsächlich einen Schwächeanfall erlitten. Leider hatte aber auch dieser Vorfall etwas fast schon Programmatisches in der Destruktion eines großen Werkes.

Dazu wieder zurück – sicher steuert alles in dieser Symphonie auf den vierten Satz mit seinem bezaubernd-kindlichen Wunderhorn-Lied zu, aber zu den beeindruckendsten musikalischen Bildern der gesamten Symphonie-Literatur gehört ganz sicher das Ende dieses Adagios, in unglaublich spannungsreicher Vorbereitung. Die im Lied beschworene „sanfteste Ruh“ entsteht bereits zuvor, wenn Mahler ein Bild des Himmels zaubert. Sah man als Kind die großen weißen, sonnenbestrahlten Wolkenberge, überlegte man sich oft, wie es wohl sei, sich in diese hineinfallen zu lassen. Das vermag nur Mahler – eine zarte Duftigkeit zu entwerfen, Wolken, die vom Wind bewegt werden, sanft schweben zu lassen, um dann in einem gigantischen E-Dur-tutti die ganze Großartigkeit des Himmlischen bildlich strahlend und gleichzeitig in aller Transzendenz in das Jenseits hinein aufbrechen zu lassen.

Fast wird dieser Jubel noch übertroffen durch ein sich bald anschließendes sphärisches Gleißen – Mahler hat hier tatsächlich Sonnenstrahlen hörbar gemacht. Es ist die Verheißung von göttlicher Liebe und Gnade und bevor dieser mächtige Wurf ins Pathos abgeglitten wäre, hatte Mahler absichtlich die Naivität des Liedes vom „himmlischen Leben“ als Finalsatz gewählt.

Das Belustigende daran ist, dass die beschworenen „himmlischen Freuden“ doch so ganz irdischer Natur sind, denn es werden große Schüsseln mit allen möglichen Leckereien gereicht und die Engelein dürfen das Brot backen. Es ist eher ein Schlaraffenland mit Heiligen und das macht diesen Satz so kindlich-charmant. Ebendas transportierte mit hinreißender Überzeugung Christiane Karg, der es gelang, mit hervorragender Textverständlichkeit die kindliche Unbedarftheit mit reizvoller Koketterie zu verbinden. Ihr Sopran klang schlank und leicht, war aber doch in aller Zurückgenommenheit stark und dominant genug, um nie vom Orchester übertönt zu werden.

Christiane Karg, (c) Daniel Dittus

Unfassbar sanft gleitet diese Symphonie mit feinen Harfen- und Basstönen aus. Diese Musik braucht, im Gegensatz zu fast allen sonstigen Mahler-Symphonien, kein schmetterndes Tutti-Finale, sondern blinzelt träumerisch wie ein Kind ins Licht hinüber.

All das hätte so schön sein können, so würdig, so himmlisch. Was hat ein großer Teil dieses Publikums hier gesucht? Spaß und Belustigung?

Es ist wohl an der Zeit, in der „Elphi“ vor jedem Konzert auf ein angemessenes Maß an Respekt hinzuweisen, gegenüber den Musikerinnen und Musikern, der Musik, die sie erlebbar machen und auch denen gegenüber, die tatsächlich wissen, was sie hier hören dürfen.

Und Dirigenten sollten sich vielleicht einfach mal umdrehen und freundlich, aber deutlich darauf hinweisen, dass man Kunst so nicht beleidigen darf. Dazu genügt ein Wink. Zumindest sollte man das meinen.

Dr. Andreas Ströbl, 29. April 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Klassik-begeistert-Beitrag sorgt für Furore klassik-begeistert.de, 29. April 2022

L’Arpeggiata/Christina Pluhar, Elbphilharmonie, Großer Saal, 13. April 2022

Fromental Halévy, DIE JÜDIN, Opernhaus Kiel, Theater Kiel, 10. April 2022

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