Sommereggers Klassikwelt 10/2019: Gold, Brokat, Samt, Seide, Schönheit – was der Oper heute fehlt

Sommereggers Klassikwelt 10/2019  klassik-begeistert.de

Foto: © Wilfried Hösl

Interesse weckt nur, was authentisch ist. Keiner will verstaubten Plüsch und Rampensingen zurück haben, aber der derzeit beschrittene Weg führt unausweichlich zum Untergang dieser Kunstform. Wer wagt sich an neue Konzepte? Wer schafft eine Synthese aus alt und neu?

von Peter Sommeregger

Ihre erste Hochblüte erlebte die Musikgattung Oper im Barock und Rokoko. Ein Zeitalter, das für Prunk, üppige Gestaltung von Bauten, Innenräumen, Kleidung stand. Natürlich wurden auch Opernproduktionen optisch aufwändig und das Auge erfreuend gestaltet. Auf alten Stichen und Aquarellen kann man noch heute bewundern, welchen Stellenwert Schönheit und Ästhetik auf der Bühne in dieser Zeit hatten.

Auch in späteren Epochen war es für die Ausstattung einer Oper obligatorisch, Bühnenbilder und Kostüme luxuriös zu gestalten, sofern es die Handlung der jeweiligen Oper zuließ, aber da eine große Zahl von Stücken im fürstlichen oder königlichen Milieu angesiedelt ist, bot sich immer ausreichend Gelegenheit dazu. Oper stand über die Jahrhunderte immer auch für das Auge erfreuende Optik, für prächtige Kostüme und prunkvoll gestaltete Räume.

Noch im Jahr 1972, als in München Strauss‘ Rosenkavalier neu inszeniert wurde, war der Erfolg nicht zuletzt deshalb so nachhaltig, weil der Bühnenbildner Jürgen Rose nicht an der Ausstattung gespart hatte. Bis heute erinnere ich mich an das begeisterte „Ah“ und „Oh“ des Publikums, als sich der Vorhang zum zweiten Akt hob, und man einen perfekten Nachbau des Münchner Rokoko-Schlösschens Amalienburg erblickte.

Der Rosenkavalier an der Bayerischen Staatsoper (Premiere am 20. April 1972) Foto: © Wilfried Hösl

Diese Inszenierung genießt bis heute Kult-Status, und die Ankündigung einer Neuinszenierung in der nächsten Spielzeit hat bereits im Vorfeld Bedauern und Proteste ausgelöst. Sicher, Inszenierungen über Jahrzehnte zu konservieren ist nicht einfach, aber in diesem Fall hätte es sich gelohnt, denn die Optik heutiger Inszenierungen kann oder will an solche Traditionen nicht anknüpfen.

Regisseure der jüngeren Generation tendieren dazu, sich ihnen vertrauter Bilderwelten zu bedienen. Was zu der Frage berechtigt, ob der postmoderne Mief in dem diese Generation ihre optische Prägung erhielt, für die Kunstform Oper nicht doch zu banal ist. Der Gedanke, die Oper von ihren Konventionen und Traditionen zu befreien, kann nur ein Irrweg sein, solange sich diese neue Ästhetik in der Verweigerung von optischer Schönheit und Aberkennung der Besonderheit dieses wunderbaren anachronistischen Spektakels ergeht. Die konsequente Banalisierung der jeweiligen Handlung, ihre optische Verortung in hässlichen, nicht zum Stück passenden Räumen und Kostümen, hat flächendeckend zu einem ästhetischen Kahlschlag geführt.

Noch sind es die Dirigenten und Sänger, vor allem die Musik, die das Interesse an der Oper lebendig erhalten, kein Regisseur sollte sich der Illusion hingeben, man käme, um seine neue, krasse Fehldeutung einer Geschichte zu erleben. Das Argument, man wolle ein junges Publikum an die Oper heranführen, greift nicht. Interesse weckt nur, was authentisch ist. Keiner will verstaubten Plüsch und Rampensingen zurück haben, aber der derzeit beschrittene Weg führt unausweichlich zum Untergang dieser Kunstform. Wer wagt sich an neue Konzepte, wer schafft eine Synthese aus alt und neu?

Peter Sommeregger, 19. November 2019, für
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Peter Sommeregger

Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Barcelona, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Ricardo Muti und Anna Netrebko. Seit 25 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen.‘ Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de .

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