Sommereggers Klassikwelt 112: Elisabeth Grümmer – eine Agathe für die Ewigkeit

Sommereggers Klassikwelt 112: Elisabeth Grümmer- eine Agathe für die Ewigkeit,  Klassik-begeistert.de

Zur Freude aller Freunde schönen Gesangs ist ihre unverwechselbare, samtweiche und glockenreine Stimme auf vielen Studio- und Live-Aufnahmen erhalten, die zum Teil bis heute Referenz-Aufnahmen sind. Wer einmal ihre Agathe oder Elsa gehört hat, misst später alle anderen Interpretinnen an Elisabeth Grümmer.

Foto: Elisabeth Grümmer © pinterest

von Peter Sommeregger

Die 1911 im Elsass geborene Elisabeth Schilz erlebte unter ihrem Ehenamen Grümmer eine ungewöhnliche und lange Karriere als Opernsängerin, obwohl ihre Lebensplanung ursprünglich ganz anders ausgesehen hatte.

Zur Bühne hatte es die junge Elisabeth schon früh gezogen.  Sie absolvierte eine Schauspielausbildung am Theater in Meiningen und trat bald erfolgreich am Meininger Theater auf. Nach ihrer Heirat mit dem Geiger Detlef Grümmer und der Geburt einer Tochter zog sie sich aber ins private Familienleben zurück. Sie wechselte mit ihrem Ehemann nach Aachen, wo er eine Stellung als Konzertmeister am Stadttheater antrat. Generalmusikdirektor wurde dort der junge Herbert von Karajan, der auch im Hause Grümmer verkehrte, und dort auf die lyrische Sopranstimme der Hausfrau aufmerksam wurde. 1941 überredete er Elisabeth Grümmer in einer Neuinszenierung des „Parsifal“ die Partie des ersten Blumenmädchens zu übernehmen. Nach diesem erfolgreich verlaufenen Debüt entschloss sich Elisabeth Grümmer, weitere Opernpartien zu studieren und begann trotz der unruhigen Kriegszeit ein Engagement in Duisburg, das aber schnell durch die Zerstörung des dortigen Theaters beendet wurde.

Für kurze Zeit wurde sie nach Prag engagiert, bis sie 1944 ein schwerer Schicksalsschlag traf. Ihre Wohnung in Aachen wurde durch Bomben zerstört,  bei dem Angriff kam ihr Ehemann ums Leben.

In den ersten Wirren der Nachkriegszeit arbeitete die Sängerin vorübergehend als Postangestellte, sie musste schließlich für ihre kleine Tochter und den eigenen Lebensunterhalt sorgen. Als sich in Deutschland das Musikleben allmählich erneuerte, avancierte Elisabeth Grümmer schnell zu einer gefragten Sängerin lyrischer und jugendlich dramatischer Opernpartien.

Foto: Elisabeth Grümmer © pinterest

Ab 1946 war sie Ensemblemitglied der Städtischen Oper Berlin und entwickelte  gleichzeitig eine schnelle internationale Karriere, die sie bereits 1951 nach London, 1953 zu den Salzburger Festspielen und ab 1957 zu den Bayreuther Festspielen führte.

Wilhelm Furtwängler schätzte die Sängerin ganz besonders. Unter ihm sang sie in Wien in einer„ Matthäus-Passion“, bei den Salzburger Festspielen die Donna Anna und die Agathe. Diese Partie in Webers „Freischütz“ wurde zur absoluten Glanzrolle der Grümmer.

Der Salzburger Mitschnitt ist ebenso wie einer aus Köln unter Erich Kleiber erhalten und auf CDs erhältlich. Unter Joseph Keilberth nahm Elisabeth Grümmer die Agathe im Studio auf. Bis heute ist ihre wunderbar lyrische, textverständliche und tief beseelte Interpretation unerreicht. Auch in Wagner-Partien trat sie erfolgreich auf. Unvergessen ihre Eva in den „Meistersingern von Nürnberg“ bei den Bayreuther Festspielen, ihre Platteneinspielung der „Tannhäuser“-Elisabeth und ihre Elsa im „Lohengrin“ für deren Plattenaufnahme sie auch noch 1964 die erste Wahl war. Als Elsa war sie auch erfolgreich an der Metropolitan Opera in New York aufgetreten.

Neben ihren Opernpartien war Elisabeth Grümmer auch eine ausgezeichnete und gesuchte Liedsängerin. Im Jahr 1965 erhielt sie eine Professur an der Musikhochschule (heute Universität der Künste) in Berlin. Ihren Abschied von der Opernbühne nahm sie am 1. Januar 1972 mit der Marschallin im „Rosenkavalier“ im Vollbesitz ihrer Stimme. Sie meinte aber, mit über 60 Jahren nicht mehr im Negligee auf der Bühne stehen zu wollen. 1986 ernannte die Deutsche Oper Berlin sie zu ihrem Ehrenmitglied. Noch im selben Jahr verstarb die Sängerin am 6. November in Warendorf.

Zur Freude aller Freunde schönen Gesangs ist ihre unverwechselbare, samtweiche und glockenreine Stimme auf vielen Studio- und Live-Aufnahmen erhalten, die zum Teil bis heute Referenz-Aufnahmen sind. Wer einmal ihre Agathe oder Elsa gehört hat, misst später alle anderen Interpretinnen an Elisabeth Grümmer.

Peter Sommeregger, 10. November 2021, für
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Peter Sommeregger

Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Barcelona, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Riccardo Muti und Anna Netrebko. Seit 26 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der deutschen Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen’. Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de.

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