Sommereggers Klassikwelt 75: Die Loreley – Mythos, Dichtung, Oper

Sommereggers Klassikwelt 75: Die Loreley – Mythos, Dichtung, Oper

„Vielleicht ist es einfach der Fluch der Loreley, die den Komponisten Max Bruch bestrafen will und ihn weiterhin nur als Schöpfer des populären Violinkonzerts gelten lässt.“

von Peter Sommeregger

Selbst wer noch nie am Rhein war und den spektakulären Felsen bei Bacharach mit eigenen Augen gesehen hat, weiß von der sagenhaften Loreley. Im allgemeinen Bewusstsein wird der Stoff als uralte Sage wahrgenommen, bei näherer Betrachtung stellt sich dies aber als Irrtum heraus.

Vor 1800, also vor Clemens Brentanos Ballade, ist keinerlei Überlieferung bekannt. Die Ballade ist in Brentanos Roman „Godwi“ enthalten und scheint Heinrich Heine zu seiner Loreley-Dichtung inspiriert zu haben. Er nennt es „ein Märchen aus alten Zeiten“ und legt damit eine falsche Spur. Loreley ist ganz offensichtlich eine Erfindung der Romantik. Die verwunschene Figur des Mädchens, das aus Rache für den Betrug ihres Liebsten die Schiffsleute, die an ihrem Felsen vorbeifahren, durch ihre Schönheit und ihren Gesang von den gefährlichen Strömungen des Rheins ablenkt und so vielen von ihnen den Tod bringt, ist also ein Geschöpf Brentanos.

Felix Mendelssohn Bartholdy, der schon längere Zeit auf der Suche nach einem Stoff für eine Oper war, zeigte Interesse an der Loreley. Der Dichter Emanuel Geibel sollte das Libretto schreiben, aber Mendelssohn hatte immer wieder Änderungswünsche. Sein früher Tod 1847 verhinderte die Fertigstellung der Oper, lediglich drei Nummern hatte er bis dahin komponiert. Die Fragmente sind im Druck erschienen, werden sogar manchmal aufgeführt und sind von hoher musikalischer Qualität. Sie geben eine Ahnung davon, was hätte entstehen können.

Geibel fühlte sich Mendelssohn über dessen Tod hinaus verpflichtet, und wollte das Libretto keinem anderen Komponisten überlassen. Max Bruch, der ein Verehrer Mendelssohns war, bedrängte den Dichter über längere Zeit, bis dieser schließlich einwilligte und Bruch seine „Loreley“ komponieren konnte. Entstanden ist eine große romantische Oper, die alle Register dieses Genres zieht. Große Chorszenen und Ensembles zeigen den noch jugendlichen Komponisten bereits als reifen Tonsetzer.

Die Oper „Loreley“ erlebte ihre Uraufführung am 14. Juni 1863 in Mannheim und wurde positiv aufgenommen. Unter den Besuchern der Uraufführung befanden sich Berühmtheiten wie Clara Schumann und Anton Rubinstein. Die Oper wurde auch in anderen deutschen Städten aufgeführt, auch ausländische Opernhäuser wie Rotterdam und Prag führten sie auf.

Der italienische Komponist Alfredo Catalani komponierte in den 1880er Jahren ebenfalls eine Oper „Loreley“, die 1890 am Teatro Regio in Turin uraufgeführt wurde und sich lange auf den Spielplänen zumindest in Italien hielt. Das Libretto entstammte allerdings einer anderen Quelle und hat einen gänzlich anderen Verlauf als Geibels Dichtung.

Die Aufführungen von Bruchs „Loreley“ wurden im 20. Jahrhundert deutlich weniger. Der Komponist Hans Pfitzner, der das Werk sehr schätzte, führte es in Straßburg auf, aber im Repertoire konnte sich das Werk nicht mehr dauerhaft etablieren. Das ist bedauerlich, auch schwer verständlich, denn abgesehen von seiner bühnenwirksamen Dramatik hat der Komponist Bruch auch eine inspirierte, eingängige Musik geschaffen.

Einen erneuten Versuch der Wiederbelebung erlebte die Oper im Rahmen einer konzertanten Aufführung im Münchner Prinzregententheater 2014. Das Münchner Rundfunkorchester unter Stefan Blunier und eine hervorragende Sängerbesetzung realisierten eine später auch auf CD erschienene Produktion, die erneut die Frage aufwarf, warum man dieses Werk nicht öfter aufführt. Vielleicht ist es einfach auch der Fluch der Loreley, die den Komponisten bestrafen will und ihn weiterhin nur als Schöpfer des populären Violinkonzerts gelten lässt.

Peter Sommeregger, 16. Februar 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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Peter Sommeregger

Der gebürtige Wiener Peter Sommeregger (Jahrgang 1946) besuchte das Humanistische Gymnasium. Er wuchs im 9. Gemeindebezirk auf, ganz in der Nähe von Franz Schuberts Geburtshaus. Schon vor der Einschulung verzauberte ihn an der Wiener Staatsoper Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ – die Oper wurde die Liebe seines Lebens. Mit 19 Jahren zog der gelernte Buchhändler nach München, auch dort wieder Oper, Konzert und wieder Oper. Peter kennt alle wichtigen Spielstätten wie die in Paris, Barcelona, Madrid, Verona, Wien und die New Yorker Met. Er hat alles singen und dirigieren gehört, was Rang und Namen hatte und hat – von Maria Callas und Herbert von Karajan bis zu Riccardo Muti und Anna Netrebko. Seit 26 Jahren lebt Peter in Berlin-Weißensee – in der deutschen Hauptstadt gibt es ja gleich drei Opernhäuser, die er auch kritisch rezensiert: u.a. für das Magazin ORPHEUS – Oper und mehr. Buchveröffentlichungen: „‘Wir Künstler sind andere Naturen.‘ Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems“ und „Die drei Leben der Jetty Treffz – der ersten Frau des Walzerkönigs“. Peter ist seit 2018 Autor bei klassik-begeistert.de.

Ein Gedanke zu „Sommereggers Klassikwelt 75: Die Loreley – Mythos, Dichtung, Oper“

  1. Das Geheimnis der Loreley-Geschichte liegt sicher auch daran, dass diese Stelle unterhalb des Loreley-Felsens die gefährlichste Passage im Rhein für die Schiffer war und dass es deshalb zu vielen Unglücken kam. Die Ursache dafür waren das hier enge Flußbett mit der schnellen Strömung und Verwirbelungen, insbesondere aber ein übler Felsen in der Mitte des Rheins, an dem die Schiffe zerschellten.
    Der Felsen wurde später gesprengt, die Stelle entschärft, und moderne Technik lässt die Passage heute gefahrlos passieren, zudem ist der Verkehr mittels einer Ampel geregelt.

    Joh. Capriolo

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