Argerichs Prokofjew und Cambrelings Tschaikowsky elektrisieren in der Elbphilharmonie

Sonderkonzert „Seelendramen“, Martha Argerich Festival,  Elbphilharmonie, Hamburg, 25. Juni 2019

Foto: © Adriano Heitman
Elbphilharmonie, Hamburg, 25. Juni 2019
Sonderkonzert „Seelendramen“ in der Elbphilharmonie
Martha Argerich Festival
Veranstalter: Symphoniker Hamburg, Intendant: Daniel Kühnel

von Dr. Holger Voigt

Vor der Elbphilharmonie war es an diesem Rekord-Sommertag sehr heiß. In der Elbphilharmonie wurde es auch sehr heiß – im musikalischen Sinne: Das Sonderkonzert zum Martha Argerich Festival fand statt, und es sollte das Publikum förmlich elektrisieren!

Ein gleichartiges Programm hatte bereits in der Laeiszhalle am 23. Juni 2019 stattgefunden. Nun also kam das Programm noch einmal zur Aufführung – in Hamburgs erklärtem Klangtempel, der Elbphilharmonie.

Viel ist bereits über die kristallklare Akustik der Elbphilharmonie diskutiert worden, die manchem zu „steril“ oder gar „kalt“ vorkommen mag. Sie ist aber mit Sicherheit von bestechender Klangtransparenz und Permeationsvermögen – man muss sie nur richtig zu nutzen verstehen, damit sie nicht gegen die Künstler arbeitet.

Viel ist auch bereits über das oft als unangemessen empfundene Verhalten zahlreicher Zuhörer diskutiert worden. Dauerräusperer, Huster, Nieser, Flüsterer oder einfach nur Fehlklatscher können die Atmosphäre einer Aufführung empfindlich stören oder sogar völlig zerstören. Vielen dabei ist ihr respektloses, den einzelnen Musiker verletzendes Fehlverhalten gar nicht einmal bewusst.

Man muss leider feststellen – trotz aller Diskussionen: Es wird nach wie vor unverändert weitergehustet, so dass man beinahe annehmen könnte, Satzpausen seien vom Komponisten zum Aushusten erfunden worden und als Aufforderung zu verstehen, nun einmal gemeinschaftlich gründlich durchzuhusten und die Schleimhäute mehr als vollständig zu säubern.

Mir stellt sich immer wieder die Frage: Könnte man nicht – wie im Flugzeug – vorab in einer Durchsage darauf hinweisen, wie man sich respektvoll gegenüber Musik, Musikern und Mitbesuchern verhält und die Empfehlung aussprechen, im Fall eines unvermeidlichen Husten-Müssens in ein mitgebrachtes Mini-Handtuch zu husten, das dann als Schalldämpfer wirkt (natürlich auch zum Schweißabwischen geeignet)? Man könnte ja sogar so etwas im Merchandising anbieten und mit einem wirkungsvollen Logo bedrucken. Für Touristen, die dann nach Hause kommen und voller Stolz ein derartiges Mitbringsel vorzeigen, wäre das ein guter Anlass, auf eine vorbildliche Konzerterfahrung hinweisen zu können. Da würde man doch gerne noch einmal nach Hamburg kommen wollen oder andere dafür begeistern können. Das wäre dann eben eine originelle, spielerische Form eines Elphi-Marketings, die ich hier vorschlagen möchte.

An diesem Abend gab es allerdings – wohl hitzebedingt – einen tatsächlichen medizinischen Notfall während des Vortrages von Martha Argerich, der aber durch das behutsame, äußerst geräuscharme Eingreifen des Soforthelferteams fast unbemerkt blieb und den Ablauf nicht weiter störte.

Auf dem Programm unter dem Titel „Seelendramen“ standen Werke, die aus der Spätromantik kommend oder diese bereits im musikalischen Impressionismus überwunden hatten, direkt in die Moderne des 20. Jahrhunderts führten. Damit rückt der Seelenzustand des Menschen in seinen existenziellen Bedingungen in den Mittelpunkt kompositorischer Ausdrucksformen.

Bereits in der nur knapp zehn Minuten dauernden Passacaglia in d-moll (1908 uraufgeführt) – vom Komponisten Anton (von) Webern selbst als „Gesellenstück“ seiner Ausbildung bei Arnold Schönberg bezeichnet – wurde deutlich, wie hervorragend disponiert die Symphoniker Hamburg dieses Werk erarbeitet hatten und vortrugen. Das kompliziert anmutende, nur phasenweise im herkömmlichen Sinne klangschöne Werk wurde mit äußerster Präzision und akkuraten Akzentsetzungen gespielt, ohne dabei auch nur im leisesten Sinne zurückhaltend oder gar vorsichtig vorgetragen zu werden. Das ließ aufhorchen und steigerte die Vorfreude auf die später anstehende 5. Symphonie Tschaikowskys.

Martha Argerich, frisch von einem weiteren Konzertauftritt aus der Laeiszhalle herbeigeeilt – betrat das Podium in der ihr eigenen, sehr bescheidenen – fast schüchtern wirkenden „Jungmädchenhaftigkeit“, die sie so sympathisch für alle macht. Sie nahm Platz und war sofort im Fluß der Komposition.

Ich kann mich nicht erinnern, sie jemals mit Noten oder gar Brille gesehen zu haben – alles steckt in ihr drin und kann von ihr in unnachahmlicher Weise abgerufen werden. Es ist eine Freude, dieses zu beobachten. Stellenweise scheint sie mitzusummen und den ganzen Duktus in ihrer Körpersprache widerzuspiegeln. Dabei ist das Klavierkonzert No. 3 C-Dur, technisch unglaublich anspruchsvoll und schwierig, kein Stück, das durch besonders melodische Themenentwicklungen auffällt.

Im Gegenteil, die von Prokofjew eingearbeiteten schroffen Wendungen, geradezu ironisch, sarkastisch, kommentierend anmutenden Themenverarbeitungen zeigen an, dass wir uns mitten in der Moderne befinden, in der der intellektualisierte Existenzialismus die Musik vereinnahmt hat. Nur selten ist Ruhe und friedvolle Melodik zu vernehmen, und auch hier verzaubert die Jahrhundertpianistin mit ihrer anrührenden Intuitionssicherheit, die Prokofjew selber begeistert hätte. Der sich zuspitzende Finalteil entfachte ein kaum zu beschreibendes Feuerwerk des Vortrages, der in einem wahren Höhepunkt punktgenau zum Abschluss kam. Ungläubiges Staunen und rasende Begeisterung – war das tatsächlich passiert? Unfassbar, was Martha Argerich hier zu Gehör brachte!

Nach der Pause folgte mit der 5. Symphonie in e-moll von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky ein Werk, das seinem Komponisten selbst gar nicht gefiel. Vielleicht lag es an dem wohl nicht so beabsichtigten Pathos am Ende der Symphonie oder an der selbstkritischen Sicht auf die komponierten Themendurchführungen des mehr und mehr an sich selbst zweifelnden Komponisten. Tatsächlich aber wurde dieses 1888 uraufgeführte Werk später ein großer Erfolg.

Das von Sylvain Cambreling hervoragend geleitete Orchester der Symphoniker Hamburg verstand es von der ersten Sekunde an, genau diejenige emotionale Welt der damaligen Zeitepoche musikalisch abzubilden: Die friedvolle Vertrautheit der Romantik war weitgehend verklungen und oft nur noch als Reminiszenz erkennbar. Das neue Zeitalter – das neue Jahrhundert – wurde nicht freudig erwartet, fast in allen Bereichen zogen Wolken am Horizont auf, die schon vieles von dem ankündigten, was an Schlimmem noch passieren sollte.

Mit einem dazu genau passenden melancholischen Streicherklang verstand es Sylvain Cambreling meisterhaft, die passenden Klangfarben zu setzen – getragen klingend hatten sie viel Depressivität in sich, die von den Symphonikern perfekt ausmusiziert wurde.

Die hochinteressante Wendung kam dann schließlich im Finale mit der sich anschließenden Coda: Auf einmal flammten französisch klingende Leichtigkeit und Melodiosität auf und beflügelten den Dirigenten selbst, der fast tänzerisch auf dem Podest mit zu wippen begann. Und als wäre das noch nicht genügend außergewöhnlich, konnte man zum Schluss fast einen Hauch „Italianità“ verspüren. Mit einem grandiosen Schlußgestus ging die Symphonie zu Ende. Riesiger Beifall für die Symphoniker Hamburg unter Sylvain Cambreling. Nach dem allzu frühen Tod seines Vorgängers, Sir Jeffrey Tate, haben die Symphoniker Hamburg wirklich einen meisterlichen Nachfolger gefunden, von dem wir noch viel erwarten dürfen. Danke!

Dr. Holger Voigt,  25. Juni 2019,  für
klassik-begeistert.de

Symphoniker Hamburg, Dirigent Sylvain Cambreling
Martha Argerich, Klavier
Anton von Webern: Passacaglia d-Moll op. 1 für Orchester
Sergej Prokofjew: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 C-Dur op. 26
Piotr I. Tschaikowsky: Sinfonie Nr. 5 e-Moll op. 64

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