Stefan Mickisch im Wiener Konzerthaus: Zwei Stunden Wagner, die wie im Fluge vergehen

Stefan Mickisch, Richard Wagner, Die Walküre,  Wiener Konzerthaus, Mozart Saal, 12. Januar 2020

Foto: Stefan Mickisch © Julia Wesely
Wiener Konzerthaus, Mozart Saal, 12. Januar 2020
Stefan Mickisch, Klavier und Moderation
Richard Wagner
„Die Walküre“ (Teilaufführung in Bearbeitung für Klavier) 

von Jürgen Pathy

Stefan Mickisch, 57, einer der erfolgreichsten Künstler Deutschlands, ist berühmt für seine Einführungsvorträge. Egal, wo er auftritt, ob in Bayreuth oder in Wien: seine Gesprächskonzerte zu den Opern Richard Wagners sind längst zu einer Institution geworden. Dabei gibt der Bayer, der in Schwandorf geboren wurde, Einblicke und erläutert die Thematik der Werke aus philosophischer, soziologischer und kulturhistorischer Sicht – all das immer von seinem Klavier aus. In Wien wird er bereits als „Opernführer des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet. Kein Wunder also, dass der Mozart-Saal im Wiener Konzerthaus, der 704 Personen Platz bietet, Sonntagmittag beinahe ausverkauft war.

Gewürzt mit einer Menge an Anekdoten und Seitenhieben, führt Mickisch durch „Die Walküre“ – Wagners beliebtestes Werk des Rings. Dabei bekommt nicht nur die Dame des Merkers ihr Fett ab, weil sie, wie so viele, bei der Aussprache die Walküre falsch betont, auch Arthur Schopenhauer, der Wagner oft missverstanden hatte und für den Rossini der größte Komponist gewesen war, wird des Öfteren auf die Schippe genommen. Und an den Regisseuren, deren Einfälle teils ins Abstruse münden, lässt Mickisch ebenfalls kein gutes Haar. Jedoch immer mit der nötigen Portion an Feingefühl. Niemals verliert er den guten Geschmack aus dem Auge. Eine große Kunst. Denn der Grat zwischen einem guten „Schmäh“, wie der Wiener zu pflegen sagt, und der Beleidigung ist eben ein schmaler – Mickisch weiß ihn sicher zu beschreiten.

Wie sein Klavier, ein Steinway & Sons-Flügel, in der klassischen Ausführung in glänzendem Schwarz. In zahlreichen Musikbeispielen beweist der ausgebildete Pianist, der Meisterkurse bei Oleg Maisenberg und Leonid Brumberg genießen durfte, dass er nicht nur flotte Sprüche klopfen kann, sondern welch ausgezeichneter Pianist in ihm schlummert. Ausgiebig erläutert und zelebriert er das Vorspiel, das stürmisch in d-Moll den flüchtigen Siegmund zum vorbestimmten Ziel führen wird – zu Not(h)ung, dem Schwert. Stellt währenddessen Fragen, ob gar Wotan, der Göttervater, seine Finger dabei im Spiel haben könnte. Spielt energisch, wie könnte es anders sein, eine der beliebtesten Stellen der Walküre, den Ritt der Walküren – die dazu auserkoren wurden, die Gefallenen nach Walhall zu senden. Und zelebriert mit voller Inbrunst und Leidenschaft eine der wenigen „ariösen“ Stellen des ganzen Rings, wie Christian Thielemann zu pflegen sagt, „Winterstürme wichen dem Wonnemond, im milden Lichte leuchtet der Lenz“.

Dabei entdeckt man als Zuhörer vieles Neues! Was bei der reinen Orchesterversion kaum wahrzunehmen ist – zumindest für mich –, tritt bei der Klavierbearbeitung deutlich zum Vorschein.  Einerseits, dass Wagner regelmäßig Beethovens Musik in „Die Walküre“ hat einfließen lassen. Zum Beispiel Anklänge aus der Es-Dur Klaviersonate, „Les Adieux“ genannt. Andererseits ist der Einfluss Franz Liszts nicht zu überhören. Liszt, der Richard Wagner ein treuer Freund, Förderer und letzten Endes gar Schwiegervater gewesen war, ist unheimlich präsent: Nicht nur der „Liebestraum“, der bei den Winterstürmen verschwommen durchleuchtet, wird hörbar, auch der dunkle Teil der h-Moll Sonate donnert des Öfteren in der Bassstimme übers Klavier.

Zusätzlich erhält man von Mickisch, der immer Mal einen Schluck aus einer Tasse nimmt, die links neben seinem Hocker am Boden steht, einige Einblicke, die nicht jedem bekannt sein dürften: Siegfried, der unerschrockene Held, der nur von der Liebe eingeschüchtert werden kann, wird mit den letzten beiden Akkorden des 1. Akts gezeugt. Im „Ring des Nibelungen“ wird insgesamt neunmal geküsst – ganze fünf Küsse davon entfallen auf „Die Walküre“. Jedoch nicht feucht fröhlich, sondern dezent und strafend. Dreimal küsst Siegmund seine Sieglinde auf die Stirn; mit zwei Küssen – einer je Auge – wischt Wotan seiner Lieblingstochter Brünnhilde, die sich seiner Anordnung widersetzt hat, zur Strafe die Gottheit weg.

Außerdem macht Mickisch mittels Metronom deutlich, wie lange acht Sekunden dauern können. Das sei das Maximum, wie lange ein Heldentenor die „Wälse!-Rufe halten könne, meint ein Gast, nachdem Mickisch das Publikum deswegen befragt. Weit gefehlt. Mit 15,5 Sekunden Tondauer gilt Lauritz Melchior, der dänische Tenor, der in den Dreißiger- und Vierzigerjahren des letzten Jahrhunderts für Furore sorgte, als Rekordhalter. Nur der Amerikaner Robert Dean Smith konnte 2002 mit rund 11 Sekunden in diesem fragwürdigen Wettbewerb annähernd mithalten.

In der Relation nicht annähernd so lange dauern die rund 2 Stunden, die dieser Vortrag dauert. Mickisch hat die Gabe, die Berührungsängste vor Richard Wagners Opern zu nehmen, verdammt viel Informationen bereitzustellen und dabei noch glänzend zu unterhalten. Dafür liebt ihn das Publikum. Dafür liebt ihn Wien. Zwar würde der sympathische Bayer, der sich ebenfalls stark zu Wien hingezogen fühlt, gerne Mal Skrjabin-Sonaten spielen, wie er erzählt, aber berühmt geworden ist er nun Mal mit seinen Vorträgen am Klavier. Sollten ihn seine Dämonen nicht all zu sehr quälen, wird er das am 8. März 2020 wieder unter Beweis stellen können – mit einem Einführungsvortrag zu „Siegfried“, dem dritten Teil des „Ringes des Nibelungen“.

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 13. Januar 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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